Tagesmutter verliest Strafregisterauszug

Der Blick, mit dem die Tagesmutter mir die Tür öffnete, beantwortete meine Frage nach dem Verlauf meines Sohnes Kurzaufenthalts.

Noch im Türrahmen stehend begann sie, das Strafregister des heutigen Morgens zu verlesen.

  • Katzenfutter über die Treppe verteilen
  • Während sie mit Putzen beschäftigt ist, Katzenfutter in der Küche ausleeren
  • Während sie anderes Kind wickelt, ganze Windelpackung über den Fussboden verteilen
  • Kekse mittels Stuhlbesteigung vom Regal holen und essen
  • Restliche Kekse halt mit SUVA-Norm-unkonformem Hochstuhl zu erreichen versuchen, da alle Stühle weggestellt wurden
  • Andere Kinder grundlos verprügeln
  • Alle Spielsachen konfiszieren

Strafregisterverlesungen beim Abholen der Kinder von der Tagesmutter sind wohl Standard. Schliesslich soll man als Eltern wissen, wie viel dem Nachwuchs bis zur sozialen Angepasstheit noch fehlt. Dass sie sich eher anhören wie eine Standpauke für Eltern als eine Zusammenfassung der Ereignisse, liegt in der Natur der Sache.

Ich weiss jeweils nicht so genau, was in diesen Augenblicken von mir erwartet wird. Sollte ich meinem Sohn aufgrund der Anklageschrift die Leviten lesen und ihn angemessen bestrafen? Müsste ich mich umgehend bereit erklären, mich für einen Elternerziehungskurs anzumelden? Sollte ich der Tagesmutter beim nächsten Mal Blumen mitbringen inklusive Entschuldigungsschreiben? Alles potenziell adäquate Verhaltenweisen für Eltern in einer solchen Situation.

Eher unangepasst fiel meine Reaktion aus: Es ist nicht so, dass ich stolz war auf die üblen Taten des Prinzen. Aber die Mischung aus Schadenfreude (anderen soll es nicht besser gehen als mir) und Situationskomik sorgte für ungehemmtes Grinsen in meinem Gesicht. Schleunigst entschuldigte ich mich in seinem Namen. Und verabschiedete uns.

Erst viel später entdeckte ich den Abdruck eines Kindergebisses auf des Prinzen Unterarm. Gut zu wissen, dass auch andere Kinder ein (langes) Strafregister haben.

Hat nicht nur den Master in Psychologie. Sondern ist auch Master im Desaster, was ihr als Aufsichtsperson eines Vier-, einer Zweijährigen und eines Babys sehr gelegen kommt. War mal Journalistin in Zürich, jetzt ist sie freischaffende Mutter in Bern. Mehr zur Journalistin: autor.in

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