Mein Mädchen

Ich bin eine Mädchenmama. Nicht nur, da sind noch zwei Jungs oben und unten. Aber in der Mitte, hübsch zwischen ihre Brüder gequetscht, ist sie: Mein Mädchen. Blond, blauäugig, witzig, mutig bis waghalsig, frech und furchtlos, umsorgend und liebend, schüchtern und anhänglich.

«Sei frech und wild und wunderbar» – steht auf der Karte, mit der wir ihre Existenz in die Welt herausposaunten. Dazu ein Bild, das sie in den ersten Tagen ihres Lebens zeigt. Das Stirnband, welches sie als Mädchen auszeichnen und für den Jöh-Effekt sorgen sollte: Verrutscht. Ein erstes Vorzeichen.

Eigentlich hätte auf der Karte etwas anderes stehen sollen. Doch auf den allerletzten Metern der Schwangerschaft kam Pippi Langstrumpf dazwischen. Und hat sich durchgesetzt.

Ob wir uns das gut überlegt hätten?

Wagte jemand anzumerken. Weil, so Sprüche auf Geburtskarten können sich – je nach Ansicht – durchaus auf ein Leben auswirken.

Ja, das ist sehr wohl sehr gut überlegt. Denn ich bin so gläubisch, zu glauben, dass dieser Spruch kein Zufall ist. Dass sich Eindrücke, die einen in der Schwangerschaft so anfliegen, durchaus als visionäre Geister entpuppen können, die sich im Leben des Kindes nach und nach entfalten.

Eigentlich will man ja am liebsten ein nettes Mädchen. Ein angepasstes. Eines, das lächelt, wenn es soll, höflich ist, wenn die Situation es erfordert. Sich zu beschäftigen weiss, damit ich andere Dinge in Ruhe erledigen kann. Und das stundenlang mit Puppen spielt oder mit Farbstiften hübsche Dinge zeichnet – aufs Papier und nirgendwo sonst.

Wundervoll: Ja, gerne. Aber frech und wild? Das ist schon der ältere Bruder.

Doch das ist nur die bequeme Mama-Seite, die das gerne hätte. Denn da ist sehr wohl noch die Kehrseite. Nämlich die, dass es mein tiefster Wunsch ist, mein Mädchen möge stark genug für diese Welt sein. Stärker noch. Ein Charakter, der sich nicht von angeblich vorgepfadeten Wegen beeindrucken lässt. Der sich weder Mund noch Auftreten verbieten lässt. Jemand, der weiss, was er will. Weiss, was er kann. Und den Mut hat, dies zu tun.

Gestern habe ich sie mit heruntergelassenen Hosen entdeckt. Draussen an einem Baum. «Mamaaa», rief der grössere Bruder, «sie muss auf die Toilette!» Schreck lass nach. Sie ganz cool, entsprechend dem Vorbild ihres Bruders: Hosen runter, Pipi raus. «Der kleine Unterschied», dachte ich, als ich zu ihr hinrannte in der Hoffnung, um einen Garderobenwechsel herum zu kommen, «jetzt muss ich ihr den klar machen.»

Die Pfütze glänzte im Sonnenlicht. Ich war zu spät.

Doch die Hose, sie war kaum nass. Was war ich stolz. Auf mein Mädchen, das sich mir nichts dir nichts hinstellt. Als wäre es die natürlichste Sache der Welt, dass frau im Stehen an einen Baum pinkelt. Und dies sogar hinkriegt. Ich habe den kleinen Unterschied erwähnt. Aber nur beiläufig. Ihr die Hose wieder angezogen, fertig.

Die Welt braucht unerschrockene Mädchen. Und noch mehr braucht sie unerschrockene Frauen. Keine Paradigmen- und Prinzipienreiterinnen. Aber natürliche, starke, zuweilen freche und trotzdem sanfte Wesen. Die um ihre Zerbrechlichkeit, ihre Schönheit und ihre Stärke wissen.  Sie einsetzen, so dass es die Welt nicht gleicher, aber besser macht.

Wie wünsche ich mir, dass ihr dies vergönnt sein darf. Dass sie die Balance findet zwischen Wildheit und Sanftheit. Frechheit und Weisheit. Und dass sie jederzeit in ihrem Herzen weiss, wie wunderbar sie ist.

 

 

Beitragsbild: Vanessa Käser

Hat nicht nur den Master in Psychologie. Sondern ist auch Master im Desaster, was ihr als Aufsichtsperson eines Vier-, einer Zweijährigen und eines Babys sehr gelegen kommt. War mal Journalistin in Zürich, jetzt ist sie freischaffende Mutter in Bern. Mehr zur Journalistin: autor.in

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.