Mein Mädchen und ich

Es war wunderbar, zwei Söhne zu kriegen. Ich liebe sie heiss und innig. Dass ich aber noch ein Mädchen dazu geschenkt bekommen habe, das hat dem Mamaleben die Krone aufgesetzt.

Einen Menschen in der Familie zu haben, der mich als Frau verstehen würde, wow!

Jemand, den wahrscheinlich eher die Dinge interessieren würden, die ich mochte. Und das waren weder Fussball noch Autos.

Denn da war meine wundervolle, sehr früh verwitwete Schwiegermutter gewesen. Eine Mutter von fünf Söhnen. Weit und breit kein Mädchen.

Schwiegermama war also mit ihren fraulichen Sorgen oft auf sich alleine gestellt gewesen. Jungs ist schnell mal etwas peinlich, da, wo Frauen nicht mit der Wimper zucken. Da hatte ich es jetzt besser.

Es gibt nämlich Dinge im Leben einer Frau, die  man niemals mit einem Sohn oder dem Partner bespricht oder dann nur ungern. Eher mit der Mutter, mit der Tochter. Wir weiblichen Wesen kommunizieren anders, finde ich.

Das ‚Mädchen‘ heute: «Meine Tochter hingegen ist die Person, die mir ehrlich sagt: «Mama, diese Punkte find ich grauenhaft!».

Ich bin ein Beziehungsmensch, und wenn ich ein Problem habe, dann muss ich erst einmal reden.

Ich will, dass man mir zuhört, mich in den Arm nimmt und mir sagt, dass man mich versteht. Wir Frauen wollen nicht gleich Kritik, Korrektur oder Lösungsvorschläge um die Ohren gehauen haben. Jedenfalls ich nicht.

Da war also dieses kleine Mädchen, dass an einem herrlichen Sommerabend zur Welt gekommen ist. An einem Abend, an dem der Arzt unbedingt grillen wollte.

Meine Tochter! Das süsse Wesen, das zu einer wundervollen Frau herangewachsen ist.

Und das obwohl der rasch von Grill, Spareribs und Steak weggerissene Doktor uns mit russigen Fingernägeln angefasst hat.

Meine Tochter ist der Mensch, der mir gefühlt am nächsten ist, einfach deshalb, weil sie eine Frau ist.

Denn wenn ich mit den Männern in der Familie etwa über die Schwierigkeiten der Wechseljahre oder mein legendäres Tortenrezept reden möchte, rollen sie die Augen. Meiner Tochter kommt das schon gar nicht in den Sinn. Frauen wissen, dass sie da eines Tags hindurch müssen. Durch Geburtstagstorten und Wechseljahre. Töchter ist eben eher klar, wie Frauen fühlen. Behaupte ich.

Wenn ich unsicher bin, ob mir dieses Kleid mit den Punkten steht, interessiert es die Jungs nicht wirklich. Ihnen gefällt genau wie meinem Gatten eh alles, was ich trage. Sie finden mich cool, ausser wenn ich sie nerve. Eigentlich toll, nicht wahr? Aber das Geräusch, das der Zahnriemen meines Wagens macht, das weckt viel eher ihre Aufmerksamkeit als meine Frage nach dem Kleid.

Meine Tochter hingegen ist die Person, die mir ehrlich sagt: «Mama, diese Punkte find ich grauenhaft!»

Wenn ich Kummer habe, kann ich das nicht jedem sagen.

Meine Tochter aber ist der Mensch von dem ich weiss, dass ich ihr mein Herz ausschütten kann. Sie ist mir nicht nur Kind und Tochter, sie ist auch meine beste Freundin.

Meine Tochter ist die, die für mich betet und die sich um mich sorgt, wenn es mir nicht gut geht.

In vielen Dingen ist sie mir ähnlich – sie ist kreativ, liebenswert, freundlich, fröhlich, spontan, grosszügig, zuverlässig, belastbar, loyal. Sie mag schöne Dinge, und scheut trotzdem den Dreck nicht. Sie kann wunderbar zeichnen, hat Sinn für Farbe und besitzt eine tolle Handschrift.

Die weniger guten Eigenschaften, die wir beide teilen, die kann ich hier aus Platzgründen nicht nennen.

In meiner Tochter finde ich auch Züge des Vaters und der Grosseltern, und das macht sie wie alle Kinder einfach absolut einzigartig.

Ja, sie sind einzigartig, unsere Töchter. Und sie verdienen es, mit Respekt, Anstand und Würde behandelt zu werden.

Egal, wo auch immer sie sind, was auch immer sie tun, und wie auch immer sie leben oder aussehen.

 

 

 

 

 

 

Redaktionsassistentin, Autorin, Mutter von drei erwachsenen Kindern und Stiefoma einer Schulkind-Prinzessin. Schamgefühle sind nach so einer Mutter-Karriere wie der ihren kein grosses Thema mehr. Sie hat nicht immer Recht. Aber sie liegt selten falsch.

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