Einmal den Nikolaus spielen

«Ist jetzt morgen?», fragte mich mein Sohn (4) gestern gefühlt hundert Male. Und jedesmal musste ich ihn enttäuschen. Sorry, nein, ist immer noch heute. «Aber gell, die Nacht ist kurz?», die Folgefrage. Impliziert: Lange kann es bis morgen nicht mehr dauern. «Ja mol», antwortete ich ihm «die Nacht ist kurz.» – «Mit euch Kindern sowieso», fügten meine Augenringe an.

Die Tochter (2) checkt heuer wohl das erste Mal, dass es sowas wie einen St. Nikolaus gibt. Versteht aber das Konzept noch nicht hundert Prozent und hört nun ständig Schritte im Haus, hat seit gestern Angstzustände und als der Handwerker klingelt, verfällt sie in hysterische Panik, klammert sich an meine Beine und lässt sich nur noch durch Tragen beruhigen. «Nicht schlimm», beruhigt sie der Bruder, «der Nikolaus gibt Geschenke, der tut dir nichts!»

Simple as this.

Kinderschuhe raus, Niklaus kommt vorbei («Mama, warum kommt der erst, wenn’s dunkel ist?»), legt heimlich was rein und wird quasi innert Sekunden weggebeamt. Warum er so rasch verschwindet? Die Antwort liegt auf der Hand.

Der Nikolaus, das bin ich.

Den Job habe ich gefasst, weil ich als nikolaus-gläubiges Kind aufgewachsen bin. Selbst nach dem zehnten Geburtstag weigerte ich mich starrsinnig, mir einzugestehen, dass es meine Eltern waren, die uns die Säckchen in die Schuhe schoben. Die Anspannung, die Vorfreude, das Öffnen der Türe und die Säckchen, die plötzlich davor lagen… Nichts geht über Eltern, die den Nikolaus spielen. Und jetzt ist es an der Zeit, meinen Kindern ähnliche Erinnerungen zu bescheren.

Herr im Himmel, da hat nicht nur meine Tochter Angstzustände!

Kinder sind clever. Und ich fürchte mich vor ihnen. Wie um alles in der Welt werde ich es schaffen, die Säckchen in den Schuhen meiner Kinder zu deponieren ohne aufzufliegen? Bereits beim Einkaufen und Einpacken fühlte ich mich wie ein Geheimagent. Heimlich zwei Lebkuchen in den Einkaufswagen legen, so dass er zwischen Gemüse und Tüten hübsch versteckt blieb. Möglichst neutrales Packpapier für die kleinen Geschenke verwenden. Jenes Packpapier zuhinterst im Schrank verstauen («Mama, der Nikolaus hat dasselbe Papier wie wir.» – man muss das Schicksal ja nicht grad herausfordern). Beschriftung der Säckchen mittels Stift, der ebenfalls möglichst neutral daherkommt und keinen Rückschluss auf unsere Papeterie zulässt.

Der Sohn liess verlauten: «Ich werde mit dem Papa draussen sitzen und auf den Nikolaus warten!»

Wird er nicht! Natürlich.

Bloss: mit welchem Argument kann ich dieses Vorhaben unterbinden können?

Ich hab keins.

In meiner Panik googelte ich gestern Mittag die St. Nikoläuse unserer Gegend. Soll er doch vorbeikommen. Dann wäre der Stress minim und die Wirkung gross, die Existenz bewiesen und die nächsten Jahre gesichert. Doch einen Tag vor dem Duedate einen Chlous organisieren? Keine Chance. Die Chläuse sind ausgebucht und ich komm nicht drum rum: Ich bin gebucht!

Ich werde heute Abend den Nikolaus spielen.

Entsprechend werde ich (oder der Göttergatte, schliesslich war der im Militär und sollte sowas können) mich heute Abend aus dem Haus schleichen, ums Haus schleichen, die Schuhe füllen und mich dann mit einer Hechtrolle über die Mauer hinab aus dem Sichtfeld retten. Um dann wie von Zauberhand wieder irgendwo im Haus zu erscheinen und mit den Kindern staunend die Tür zu öffnen.

Wünscht mir Glück! – für die Hechtrolle vor allem…

 

Bild: Caleb Woods | Unsplash

Hat nicht nur den Master in Psychologie. Sondern ist auch Master im Desaster, was ihr als Aufsichtsperson eines Vier-, einer Zweijährigen und eines Babys sehr gelegen kommt. War mal Journalistin in Zürich, jetzt ist sie freischaffende Mutter in Bern. Mehr zur Journalistin: autor.in

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