MamaMomente,

Kleinkindphase tschüss

Er hat sich angekündigt, der Meilenstein. Mit einem 80-Gramm A-4-Papier, darauf ein Clipart-Überbleibsel aus den 90ern so wie die passend dazu gestaltete Überschrift: «Spielgruppenreise». Wobei ich anmerken muss, dass das Wort ‚Reise‘ leicht übertrieben ist. Denn wir reden hier von einer zehnminütigen Busfahrt zu einem Spielplatz und retour. Dauer der Unternehmung total: Drei Stunden.

Doch dass diese Reise ein Meilenstein sein würde, das habe ich erst viel später feststellen müssen. Denn bei der nervösen Erstlingsspielgruppenkind-Mutti standen erstmal die organisatorischen Belange im Vordergrund. Auf der Liste der mitzunehmenden Dinge stand nämlich ganz oben: «Rucksack»

Schockschwere Not. Wir haben gar keinen reisetauglichen Kinderrucksack!!!

Fortan drehte sich in meinem Kopf alles um die Frage, wo man Kinderrucksäcke denn kauft. Erstens. Und zweitens: Wo man Kinderrucksäcke kauft, die aussehenstechnisch etwas hergeben. Facebook und Google wissen alles. Kurze Zeit später war der Rucksack bezahlt und unterwegs.

Die nächste organisatorische Frage drängte sich auf:

Was um alles in der Welt packen andere Mütter ihren Kindern auf solche Reisen in den Rucksack?

In meiner grenzenlosen Ahnungslosigkeit kaufte ich ungelogen einen Kühlschrank voll möglicher Varianten eines Spielgruppenreise-Rucksackinhalts. Die perfekte Mischung aus gesund, gehaltvoll, kindsgerecht.

Nervös stellte ich am Abend zuvor den Wecker. Was rein an sich eine unnötige Aktion war, denn im Gegenzug zu anderen Müttern gehöre ich zur privilegierten Sorte der Mütter mit frühstaufstehenden Kindern (Ironie off). Trotzdem. Die Aktion ‚Rucksackpacken‘ würde mindestens eine halbe Stunde dauern. Da muss man vorsehen.

Völlig aufgedreht wirbelte der Dreijährige durch die Wohnung, während ich kleine Sandwiches fertigte, eine Karotte in der perfekten Grösse raussuchte und meinem Sohn eine breite Palette Nahrungsangebote für alle möglichen (und unmöglichen) Situationen zusammenstellte. (WTF)

Erst, als der Rucksack gewissenhaft gepackt war. Die Mutter sicher, dass ihr kleines Kind für alle Eventualitäten gerüstet und gewappnet war – da konnte sie die Tatsache nicht mehr länger verdrängen: Nämlich, dass dieses Kind, welches mit Rucksack auf dem Rücken fröhlich die Strasse entlang zum Treffpunkt hüpfte, dass dieses Kind doch eben erst noch in Miniature auf ihren Armen gelegen hatte. Die Finger klein und dünn wie Salzstangen, die Nase plattgedrückt, in einen hellblauen Plüschbody gekleidet.

Da half es wenig, dass der Vater bei der Ankunft des Busses raunte: «Wenigstens ist es nur ein Bus und nicht, wie in zwanzig Jahren dann, das Flugzeug nach Australien.»

Himmelherrgott, kann bitte einer die Zeit anhalten?

Inmitten der Elternschar, die mit demselben glückselig-stolzen Lächeln ihre Babys in die Welt hinausschickte, stand ich. Konnte mein Kind nicht mal mehr durch die Busfensterscheibe ausmachen, weil es schlicht nicht bis zum Fenster reichte. Winkte trotzdem. Bis der Bus um die Ecke war. Und mein Herz winkt immer noch. Dem kleinen Baby in Plüsch und vier zauberhaften Kleinkindjahren hinterher, die ebenso schnell wie der Bus um die Ecke verschwunden sind.

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Autor

Hat nicht nur den Master in Psychologie. Sondern ist auch Master im Desaster, was ihr als Aufsichtsperson eines Vier-, einer Zweijährigen und eines Babys sehr gelegen kommt. War mal Journalistin in Zürich, jetzt ist sie freischaffende Mutter in Bern. Mehr zur Journalistin: autor.in | Mehr zum Lesen: moidame.ch

1 Kommentar

Anne

Liebe Nadine,

wie recht du doch hast! Ich musste mich bei der ersten Klassenfahrt meiner Jüngsten wirklich zusammenreißen um nicht loszuheulen! Das legt sich mit der Zeit, die du in vollen Zügen genießen solltest! 🙂

LG Anne

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