Ihr, die ihr bald Kinder kriegt

Liebe werdende Eltern

Erstmal herzlichen Glückwunsch zum Baby im Bauch (oder in Planung). Babys und Kinder sind etwas Wunderbares. Schlicht, weil biologisch so viel stimmen muss, damit so etwas Vollkommenes wie ein gesundes Baby lebendig auf die Welt kommt.

Es ist etwas Wundersames, dass sie atmen, dass sie – sind sie erstmal angezogen – überhaupt wie ein Baby aussehen. Wie die, die man zuvor bei andern beobachtete, linkisch auf dem Arm hielt oder in einer der vielen Elternzeitschriften abgedruckt sah. So ein Baby werdet ihr haben. Und halten. Und unendlich viel Zeit damit verbringen, all seine Regungen wahrzunehmen und zu bewundern.

Liebe werdende Eltern. Ihr kommt aus einer Welt vor unserer Zeit. Einer Welt, in der sehr viel sehr kontrollierbar ist. Sogar Emotionen. Und als Wesen dieser Welt kann man sich schlicht nicht vorstellen, wie sich das Leben auf dem Planet Eltern anfühlt. Man blendet aus, was andere Eltern von diesem Planeten erzählen, man spielt es runter und man denkt: «Sowas passiert uns nie!»

Das ist der erste grosse Fehler. Zu denken, dass einem sowas nie passiert. Denn es wird passieren. Früher oder später. Denn mit dem Kind beginnt auch unweigerlich das neue Leben im Elternuniversum.

Es. Wird. Passieren. ALLES.

Die schlaflosen Nächte. Nicht einfach ‚husch, mal aufstehen‘. Sondern vielleicht 1,2 Stunden wach sein – mehrmals pro Nacht, mehrere Nächte hintereinander.

Die unfolgsamen Kinder. Nicht einfach ‚oh, süss, es hat grad den Löffel auf den Boden geschmissen‘. Sie werden euch den Löffel an den Kopf schmeissen, an euren Haaren ziehen, euch schlagen und kneifen. Und eure Erziehungsmassenahmen und Worte werden mit Wiederholungstaten gestraft.

Die Verzweiflung. Nicht einfach ‚oh Gott, jetzt muss ich schnell durchatmen‘. Sondern eine abgrundtiefe, nie gekannte Verzweiflung. Weil das Kind macht, was es will. Weil der Haushalt macht, was er will. Weil der Partner macht, was du nicht willst. Dein Job praktisch nicht mehr mit der Familie vereinbar ist und doch vereinbar sein muss. Weil dein Kind dich in der Öffentlichkeit blamiert. Weil das Kranksein nicht aufhört. Alles zusammen auf einmal.

Ihr werdet schreien. Einander anschreien oder einfach so. Ihr werdet weinen. Im Verborgenen oder vor allen andern. Ihr werdet frustriert sein, weil eure Versuche, das Leben von früher fortzusetzen, über kurz oder lang scheitern werden (ausser ihr habt das perfekt adaptierte Kind, welches so dermassen in sich selbst ruht, dass ihm permanente Ortswechsel, Lautstärken, Reizüberflutungen, Autofahrten, massive Unterbeschäftigung oder eine nicht-kindgerechte Umgebung schlicht egal sind und das dann ZEN mit glänzenden Augen euer Gespräch oder den Fussballmatch mitverfolgt, ab und zu mit seiner Rassel rasselt oder mümmelnd einen Cracker aufweicht und ansonsten einfach stillschweigend wartet, bis wieder Kinderzeit angesagt ist. Aber dann habt ihr auch ein Einhorn als Haustier).

Planet Eltern, das ist eine Welt voller widriger Umstände. Das ist das, was ihr seht, wenn ihr bei euren Freunden mit Kindern zu Besuch seid. Und euch dann später im Auto anschaut und sagt: «Bei uns wird das nicht so sein.»

Momol. Ich dachte im Fall auch mal so. Sogar, als ich bereits ein Kind hatte.

Doch: Es wird genau so sein.

Face it!

Ihr werdet Dienstboten sein und um eure Kinder herumkasperln. Leute, die für sie kochen, putzen, waschen, sie trösten, verarzten, mit Adleraugen bewachen, sie unterhalten und ihr werdet noch im Schlaf Befehle entgegennehmen. Denn es gibt da etwas, womit ihr nicht rechnet.

Emotionen.

Eure Emotionen.

Diese intensive Beziehung, diese wahnsinns Verpflichtung und das unendliche Verantwortungsgefühl. Diese Triade, die alle eure Prioritäten auf den Kopf stellt. So dass ihr nicht mehr in der Lage seid, euer altes, abgebrühtes Ich abzurufen. Just not working. Just saying.

Natürlich gibt es eine gute Nachricht:

Eltern sind – und das vergessen sie manchmal – höchst flexible Lebewesen, die ihr Überleben auch in widrigen Zeiten mittels perfekter Adaption gewährleisten. Indem sie ihre Ansprüche reduzieren, ihren Aktivitätsradius minimieren, ihre Bedürfnisse präzisieren. Und ihre Kräfte konzentrieren. Sie können sogar inmitten dieser Umstände Freude empfinden und neue Wege finden, sich selbst zu verwirklichen. Natürlich ist diese Selbstverwirklichung nicht mehr vergleichbar mit dem Dimensionsgrad von Selbstverwirklichung in der Welt zuvor. Aber gemessen an den schwierigen Lebensbedingungen auf dem Elternplanet reicht das im Fall vollkommen, um sich dabei sehr gut zu fühlen.

Worüber ich bisher geschwiegen habe, weil das der klassische Plattitüden-Trost ist, den man sich im Vorelternstadium gerne vormacht (und manchmal auch während):

Kinderhaben macht doch glücklich.

Oh ja, es macht glücklich. Auf eine verrückte Art und Weise. Da gibt es diese irren Momente, in denen sich pure Verzweiflung innert Sekundenbruchteilen in überfliessendes Glück verwandelt, so dass man selbst kaum mehr weiss, wie einem geschieht. Verrückt ist auch, dass man tatsächlich ganz viel lacht. Entweder dieses glückselige Elternlächeln, weil das Kind gerade gepupst, gerülpst, gebrabbelt oder gekrabbelt ist. Wenn man es mit anderen teilen kann, die ebenso glückselig über dasselbe Kind lächeln – unbezahlbar. Oder man lacht. Laut. Weil das Kind – welches genau um deinen Humor weiss (Überlebensinstinkt, ich sag’s euch) – tatsächlich irrsinnig witzig ist.

Tja, Elternsein ist wirklich eine verrückte Sache. Und ich würde allen davon abraten. Weil es so verdammt hart und anstrengend ist. Man sich jahrelang nicht mehr auf die faule Haut legen kann – und wenn man’s dann kann, ist die Haut zwar vielleicht nicht faul aber zumindest faltig. Weil man im Dienste von anderen steht, die tun und lassen, was sie wollen. Und wann sie wollen. So vieles geschieht ausserhalb eurer Kontrolle. So häufig wird man herausgefordert, sich selbst zu facen und zu hinterfragen. Man kann die eigenen Ansprüche nicht mehr erfüllen, noch weniger unter einen Hut bringen als im Leben zuvor.

Doch da ist ein Geheimnis.

Das Geheimnis, dass Dienen erfüllend ist. Insbesondere, wenn man mit so viel Liebe und Hingabe dienen kann. Es wird keine Menschen geben, denen man lieber dient, denen man von Herzen das Beste wünscht und immer noch einen obendrauf gibt, wenn es irgendwie geht.

Es ist nicht zwingend diese überflutende Liebe, die man erwartet, wenn das zerknautschte, schleimige Wesen im Gebärsaal zum ersten Mal kräht. Sondern eine beständige, abgrundtiefe, alles überdauernde und bedingungslose Liebe für Menschen, die sich danach sehen, genauso geliebt zu werden. Die Bereitschaft, alles, ja, sich selbst zu opfern.

Und das, liebe werdende Eltern, ist eine Erfahrung, die ihr für kein Geld der Welt kaufen könnt. Also: Habt Kinder. Habt viele Kinder. Und hangelt euch über den bodenlosen Abgrund von Glücksmoment zu Glücksmoment.

Hat nicht nur den Master in Psychologie. Sondern ist auch Master im Desaster, was ihr als Aufsichtsperson eines Vier-, einer Zweijährigen und eines Babys sehr gelegen kommt. War mal Journalistin in Zürich, jetzt ist sie freischaffende Mutter in Bern. Mehr zur Journalistin: autor.in

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