Ich schreie meine Kinder an

Ich kann nicht anders. Ich versuche es, bei Gott! Aber ich bin eine von denen, die ihre Kinder anschreit.

Bitte, verurteilt mich nicht. Das tue ich schon selber. Schliesslich bin ich gross und sie sind klein. Mir klar. Wenn einer von uns Ruhe bewahren sollte, dann wohl ich. Und Ruhe bewahren heisst eben auch, ruhig zu sprechen. Mit einer angemessenen Ernsthaftigkeit, wenn die Situation es erfordert. Aber die Lautstärke sollte man im durchschnittlichen Level belassen. Denn, seien wir ehrlich, verstärkt wird durch mehr Volumen höchstens die ohnehin schon ins Unkontrollierbare kippende Situation, aber bestimmt nicht das erwünschte Verhalten. Trotzdem. Ich schreie meine Kinder an.

Zuweilen völlig unnötig. Wie mir Sekunden danach auffällt. Weil mir eh niemand zuhört.

Oder – schlimmer – weil ich von falschen Prämissen ausgegangen bin und mir erst zu spät bewusst wird, dass die Kinder eigentlich total empfänglich gewesen wären für normale Kommunikation meinerseits. Dann sehe ich mich von aussen. Sehe den geringen Abstand zwischen meinem Kopf und dem Kindskopf. Und begreife sogleich, wie umfassend unadäquat meine Lautstärkenwahl gewesen ist. Ungefähr so unpassend, wie wenn die Kinder ihrerseits beschliessen,ihre Hörspiele mit maximalmöglicher Lautstärke abzuspielen. Too much.

Doch meine Kinder treiben mich zuweilen zur Weissglut. Und es ist im Fall schon nicht so, dass meine Lautstärke von einem Moment auf dem anderen ins Fortissimo possibile kippt. Es gibt Prädiktoren. Zum Beispiel das leicht bedrohliche Mezzoforte. Eine Art Donnergrollen aus der Ferne, die vor dem herannahenden Gewitter warnt.

Sie ignorieren es. Ja, sie tanzen sogar im Gewitterregen. Noch dann, wenn das Gewitter sich direkt über ihnen entlädt.

Das ist das Verrückte.

Dass es nichts hilft.

Und somit ist meine Lautstärke schlicht unnötig. Und ich wünschte mir, ich selbst hätte es auch nicht nötig. Aber es tut mir gut.

Wenn sich so viele dunkle Wolken in meinem Mamaherzchen zusammengebraut haben – irgendwann hält auch das beste Mamaherz diesem Druck nicht mehr stand.

Doch in meiner Vorstellung gibt es sie. Die Kinderfrauen.

Sie sind Elfenwesen. Frei jeglichen Wahnsinns. Zorn und Wut kennen sie nicht. Die Sanftheit glättet alle Wogen sogleich und übrig bleibt die Ruhe. Zen! Kinder, die provozieren? Gibt es in ihrer Welt nicht. Fassung verlieren? Ebenfalls nicht. Und selbst im unglaublichen Fall, dass es doch mal vorkommen würde: Niemals vor den Kindern.

Ich bin keine von denen.

Ich bin eine, die ihre Kinder anschreit.

Einerseits stört es mich selbst. Andererseits stört es mich, dass andere mich dabei hören können. Zuweilen weiss ich gar nicht, was mich mehr stört…

Ich schäme mich. Vor potenziellen Zuhörern. Weil ich an meine Grenzen gebracht auf eine Verhaltensweise zurückgreife, die mir und meinem Erwachsenenstatus nicht würdig ist. Wann ich das letzte Mal einen Erwachsenen so angebrüllt habe wie meine Kinder? Wahrscheinlich noch nie. Höchstens meinen Mann, wenn er – männlich wie er ist – in eine ohnehin schon geladene Stimmung eine fette Provokation platziert. Aber sonst? Menschen, die andere Menschen anschreien, sind nicht mehr Herr ihrer Anstandssinne und fehlende Beherrschung ist zu jeder Tages- und Nachtzeit unakzeptabel.

Wer das sagt? Mein Über-Ich.

Wenn jemand an unserem Haus vorbei spaziert, dann soll er gefälligst Kinderlachen, Singen und ein fröhliches «Mamaaaa» hören. Aber bitte keine Mama, die ihre Kinder zusammenscheisst.

Ich kann nicht anders. Ich versuche es, bei Gott! Und manchmal gelingt es mir, trotz Kindertornado die Ruhe selbst zu bleiben. Zen. Doch manchmal geht das einfach nicht. Denn wer 24/7 mit drei Charakteren zusammenlebt, die’s noch nicht ganz raushaben, wie man auch diplomatisch Bedürfnisse anbringen könnte und die damit verbundenen Wartefristen brav zu Kenntnis nehmen, der wird auf sich selbst zurück geworfen. Auf das füdliblutte (nackte) Selbst.

Und das ist einfach nicht ganz so perfekt.

Doch das ist okay, glaube ich zumindest. Sage ich mir immer wieder. Mama ist man nur als «sich selbst». Das nimmt einem niemanden ab. Und je länger ich Mama bin, umso mehr denke bin ich, dass es gut ist, meinen Kindern die Interkation mit meinem authentischen Wesen zu ermöglichen. Welches Emotionen hat, emotionelle Einbrüche und Ausbrüche. Welches ihnen mit der grösstmöglichen Liebe, die ein Menschenherz zu bieten hat, begegnet. Aber ist halt immer noch ein Menschen-Herz.

Hat nicht nur den Master in Psychologie. Sondern ist auch Master im Desaster, was ihr als Aufsichtsperson eines Vier-, einer Zweijährigen und eines Babys sehr gelegen kommt. War mal Journalistin in Zürich, jetzt ist sie freischaffende Mutter in Bern. Mehr zur Journalistin: autor.in

4 thoughts on “Ich schreie meine Kinder an

  1. Oh man, ich bin richtig dankbar für diesen Text, der eins zu eins aus meinem Leben stammen könnte! Besonders wie die Elfenwesen funktionieren versuche ich noch zu ergründen. 🙂
    Unsere Nachbarin hat drei Kinder und wirkt immer wie die Ruhe selbst. Ich schäme mich vor ihr, wenn ich manchmal meine Kinder anranze. Im Sommer habe ich sie bei offener Terrassentür total ausrasten gehört. Das hat so gut getan. Wir sind eben auch nur Menschen…
    Liebe Grüße, Sophia

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