Ich krieg ein Kind – ein Enkelkind

Ja, ich krieg ein Kind – ein Enkelkind – und dabei war ich doch selbst gerade erst noch schwanger!

Vor noch gar nicht so langer Zeit habe ich das dritte Kind geboren. Vor knapp fünfundzwanzig Jahren! Es fühlt sich aber immer noch an, wie wenn es gestern gewesen wäre.

Noch immer sehe ich das süffisante und gönnerhafte Grinsen des aufdringlichen Assistenzarztes.

Er meinte, dauernd ins Gebärzimmer kommen zu müssen um zu fragen, wann es denn endlich soweit sei? Auch dachte er, während ich schon in den Wehen lag, noch genüsslich meinen üppigen Mutterbusen nach wer weiss ich was abtasten und mit dem Hämmerchen die Reflexe meines Knies checken zu müssen. Wenn ich keine Wehen gehabt hätte, ich hätte ihn trotz meines christlichen Glaubens und ohne schlechtes Gewissen geschlagen. Weil er es verdient hätte.

Eine Gebärende ist heilig, denn bei einer Geburt berühren sich Himmel und Erde.

Das ist geballte Energie, totale Urkraft, und hier sind Vorsicht, Respekt und Fürsorge geboten. Für Voyeurismus ist hier kein Platz, auch nicht für medizinischen. Ich habe es dem eingebildeten und übereifrigen Schnösel zwar vergeben. Er war noch jung und kannte alles nur aus Schulbüchern und ich war seine erste Live-Gebärende. Ich gefiel ihm, das wurde mir erst Jahre später bewusst, denn damals war ich noch jung und schön und lag inmitten eines brachialen Naturgeschehens, das einen wie ein Tsunami überrollt. Und er stand abwartend wie eine glotzende Kuh vor meinem sich öffnenden Muttermund. Heute würde so einer sicher sein Handy zücken, um damit vor den Kollegen anzugeben oder es auf Social Media zu posten…

Meine Quittung kassierte er später. Nach der Geburt habe ich mich heftig beim Chefarzt beklagt, der mich verstand und daraufhin nur noch Assistenzärztinnen beschäftigte.

Gebärende wollen nämlich nicht am Busen angefasst werden.

Und sie wollen auch unten rum nicht angestarrt werden.

So rasend schnell flog die Zeit also vorbei, dass die Bilder nicht verblassten, sondern wie frisch im Gedächtnis haften blieben und gefühlt immer noch sehr nahe sind. Und nun soll ich mich bald wie eine Oma fühlen! Denn alle fragen mich, wie ich mich fühle? Ja, wie denn?

Wie fühlen sich denn Omas? Wie Omas?

Ich fühle mich nicht wie eine Oma, sondern fit, aktiv, und noch mitten im Leben. Fragt man darum die, die es schon sind, zucken sie die Schultern und sagen, dass sie sich nicht anders als vorher fühlen, weder älter noch seniler, aber dass es ein gutes Gefühl sei, Enkel zu haben. Oder sie sagen wunderbare Dinge wie die, dass Enkel die Krone der Grosseltern sind.

Ich werde also sehen, wie ich mich selbst fühlen werde, da man sich auf die Aussagen der andern anscheinend einfach nicht abstützen kann.

Da ist also jemand in der Familie schwanger und ich bin es NICHT.

Jemand anders fährt mit dem Schwanger sein fort und kriegt Woche für Woche mehr Gewicht. Und je runder der Bauch wird, um so mehr Gedanken mache ich mir und um so näher rückt der Grosselternstatus.

Das Kind, mein Enkel oder meine Enkelin, wird eine neue Mischung aus Genen von zwei Eltern, vier Grosseltern, acht Urgrosseltern und sechzehn Ururgrosseltern sein.

Mein ungeborenes Enkelkind – das Nachfolgeprodukt von dreissig direkten Vorfahren.

Dreissig Leute, fünfzehn Frauen und fünfzehn Männer, deren eigene dreissig direkte Vorfahren wir nicht kennen und über die wir nichts mehr wissen. Ausser dass einer vor der Gründung der Eidgenossenschaft aus dem Schwarzwald in unsere Gegend kam.

Einige Gene der vielen Ahnen werden sich in meinem Enkelkind behaupten.

Nicht alle Erbanlagen können gleich stark hervortreten. Das würde eine zu explosive Mischung geben.

Wenn ich aber beim Schöpfer Wünsche betreffend der Verteilung der Gene anbringen könnte, dann sähen die so aus:

Bitte die wunderschönen Lippen meiner Schwiegertochter, die dichten Wimpern vom Papa und dessen vernetztes Denken, die Sprachgewandtheit der Grosseltern mütterlicherseits. Dann bitte die Handfertigkeit der Urgrossmutter, die Friedfertigkeit und Gelassenheit des anderen Grossvaters, das grosse Herz der zweiten Urgrossmutter väterlicherseits und ihren unverwüstlichen Optimismus.

Bitte auch den standfesten Charakter und die Zuverlässigkeit des Ururgrossvaters grossmütterlicherseits. Und von mir dürfte es die Spontanität und vielleicht auch das dicke Haar haben, aber nur nicht an den Beinen, falls es ein Mädchen wird.

Superman oder Superwoman wäre geboren…

Vielleicht ist es aber ganz gut, dass man die Zusammensetzung nicht wünschen kann.

Wer weiss, was daraus werden würde, und ob sich dann mit diesem unglaublichen Mix an genialen Gaben auch leben liesse?

Ich bin in dieser Hinsicht eh furchtbar altmodisch. Der Schöpfung ins Handwerk pfuschen ist mir immer irgendwie suspekt. Mir fällt da stets die Sache mit dem Hund ein. Einst vor Urzeiten Wolf, stelzen da heute furchtbar zurechtgemachte und mit zurechtgeschnippelten, lächerlichen Haarbüscheln dekorierte Tiere herum, die man dann Pudel nennt und als Hund einfach nicht ernst nehmen kann.

Hingegen werde ich mein Enkelkind, das im Augenblick bereits etwas mehr als dreizehn Zentimeter misst, sehr ernst nehmen, egal, wie es zusammengesetzt sein wird.

Es wird keine zufällig zusammengewürfelte Laune der Natur sein, sondern ein grossartiges Produkt unseres unglaublich kreativen Schöpfers.

Ich werde es lieben.

 

 

 

 

Redaktionsassistentin, Autorin, Mutter von drei erwachsenen Kindern und Stiefoma einer Schulkind-Prinzessin. Schamgefühle sind nach so einer Mutter-Karriere wie der ihren kein grosses Thema mehr. Sie hat nicht immer Recht. Aber sie liegt selten falsch.

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