Das Ende einer Ära. Wie mein Sohn den Schnuller los wurde

«Iiiihhh, Frau Chaignat, Ihr Sohn hat immer noch einen Nuggi?» Pämm. Fadegrad ins Gesicht. «Sofort weg damit! Sonst behält Ihr Sohn die Hackfresse, die er im Moment hat!» Schockschwere Not.

Nicht dass meinem Sohn die Zähne waagrecht aus dem Mund spriessen würden. Gott bewahre. Aber gemäss meiner Kinderärztin (die sich natürlich etwas gewählter ausgedrückt hat, als oben zitiert) bleiben mir nur noch die wenigen Wochen, bis sich die Zahnstellung mit dem Feiern des vierten Geburtstags für immer manifestiert hat und das Kind mit einer hundertprozentigen Wahrscheinlichkeit mit Zahnspangen gequält werden würde.

«Pfui Nuggi, weg damit!», dachte ich daraufhin panisch. Doch der Vorschlag der Kinderärztin, dem Osterhasen die Nuggis mitzugeben, kam beim Kind gar nicht gut an. Zumal der Osterhase grundsätzlich nicht in persona bei uns aufkreuzt. Und ich die Konnotation mit diesem herzigen Häschen positiv halten wollte. Ausserdem scheiterte mein halbherziger Versuch am selben Abend, Einschlafen mal ohne Schnuller auszuprobieren an der sich in die Unendlichkeit ausdehnende Zeit, die das Kind brauchte, um einzuschlafen und an meinen sehr begrenzten Nerven.

Doch dann die Wende.

Ich habe recherchiert. Meine innere Haltung entsprechend korrigiert und bin jetzt voll auf der Linie «Schnuller abgewöhnen geht, wenn die Eltern an das Kind glauben». Ha!

Inzwischen feiere ich den zweiten Abend schnullerfrei. Auch wenn mir nicht mehr viel Zeit zum Feiern bleibt, bis ich selbst einschlafe – weil sich die Einschlafzeit des Sohnes ohne Nuggi massiv ausgedehnt hat. Aber mit purer Willensstärke und eisernem Regime hat er sich davon überzeugen lassen, dass er tatsächlich ohne Nuggi einschlafen kann.

Dachte ich. Damals.

Denn die obigen Zeilen sind inzwischen eineinhalb Jahre alt. Und eines ist klar:

Mein Sohn wird wohl nicht um eine Zahnspange herumkommen.

Denn die beiden Tage Schnullerabstinenz waren dann auch die einzigen. Einen Tag später gab ich bereits wieder Forfait. Das Schlafbedürfnis war stärker als ich – schliesslich war ich damals noch hochschwanger. Paar Wochen später kam K3 zur Welt und mit ihm der Beschluss, an der Nuggi-Front erstmal den Waffenstillstand einzuhalten. Es gab sonst genügend zu tun.

Also ging ein weiteres Jahr mit der treuen Begleiterkombo Nuggi und Häsu (DAS Kuscheltier der Wahl) ins Land. Der fünfte Geburtstag näherte sich mit Riesenschritten. Ein weiterer Meilenstein in der Geschichte der Schnullerentwöhnung würde vergehen, ohne dass sich merklich was geändert hätte (abgesehen davon, dass wir den Kinderarzt gewechselt haben, aber das hatte rein logistische Gründe). Gleichaltrige meines Sohnes waren zu dem Zeitpunkt seit zwei, drei Jahren schnuller-abstinent. Mein Kind kämpfte derweil verbissen um jede Minute, den es mit Häsu-Nuggi verbringen durfte.

In mir selber kämpften zwei Seelen.

Die eine wollte den kalten Nuggi-Entzug jetzt gleich sofort umsetzen. Osterhase, Sankt Nikolaus und Christkind in einem. Liebäugelte mit dem Nuggibaum auf dem nahen Spielplatz und hätte die Nuggifee am liebsten per express bestellt.

Die andere las in Forenbeiträgen von Kindern, die nach dem eher unfreiwilligen Schnullerentzug an ihren Ärmel weiternuckelten. Darüber, dass auch Kinder ohne Schnuller Zahnspangen kriegen. Und darüber, dass Kinder durchaus in der Lage seien, selbstbestimmt den Schnuller abzugeben. «Haha», dachte ich mir, «solche Kinder gibt es! Aber mein Kind? Das würde wohl noch als Zehnjähriger nuckeln, so addicted wie es aktuell ist.»

Die düstere Prophezeiung der Kinderärztin manifestierte sich inzwischen an der mangelnden Fähigkeit des Kindes, Ober- und Untergebiss so aufeinander zu beissen, dass kein Hohlraum dazwischen wäre. Das «Nuggiloch», wie wir es nannten, war erschreckend gross. Ausserdem meinte ich zuweilen panisch festzustellen, dass die oberen Zähne sich senkrecht aus dem Zahnfleisch streckten – weil ihnen schlicht keine Wahl blieb.

K1 war bereits seit Tag 1 in seinem Leben ein Nuggikind. Bloss wusste ich das damals leider nicht. Nachdem es genüsslich meine Brustwarzen wundgenuckelt hatte, was es innert weniger Stunden schaffte und auch nur, weil ich unbedarfte Erstlingsmutter war, meinte die diensthabende Hebamme in der Nacht: «Frau Chaignat. Sie dürfen dem Kind einen Schnuller geben.» Danke. Beim nächsten Kind habe ich nach einer Nacht Nuckeln am Finger (Brustwarzen schonen und Saugverwirrung verhindern) sofort Brustwarzen mit Schnuller ersetzt.

Seit seiner Geburt also nuckelte K1 an Schnullern und zwirbelte liebevoll die Hasenohren von Häsu. Wie soll eine solch innige Beziehung, die annähernd so lange dauert und annähernd so intensiv war wie die zu des Kindes engsten Bezugspersonen nur enden?

Wenn nicht in einem Drama.

Doch ich kenne meinen Sohn schlecht.

Wir schreiben zwei Tage vor Kindergartenbeginn, als der Sohn kam, mir den Schnuller aushändigt und meint: «Mama, ich will keinen Schnuller mehr!» – Ich so: «Wie bitte, was? Kind, hast du Fieber?»

Ich wappnete mich auf das Einschlafdrama. Als das nicht kam, auf das Drama in der Nacht, wenn der Sohn im Halbschlaf verzweifelt nach dem Schnuller suchen würde. Ich gebe zu, ich habe ihn auf dem Nachttischchen parat gelegt. Schlaf ist Mangelware. Als das Drama selbst da nicht erfolgte, erwartete ich die Abschiedstränen am nächsten Abend. Und dann sicher am nächsten, wenn der Kindergarten startete und das Kind merklich emotional herausgefordert einschlafen musste, DA würde es bestimmt rückfällig werden.

Doch es wurde nicht. Häsu überlebte den Nuggi um etwa drei, vier Tage. Seither liegt er lieblos hingeschmissen in irgendeiner Ecke. DAS Stofftier, für dessen Wiederauffinden ich sogar in Abfalleimern gewühlt und Stunden zugebracht habe.

Eine Ära ist zu Ende.

Der Schnuller ist Geschichte. Und ich selbst? Mir ging das alles glaub grad etwas zu schnell.

Die BIBS-Nuggis gibt’s übrigens bei Stadtlandkind

Für alle, die bei denen das Abgewöhnen des Schnullers noch dauert und die entsprechend etwas Schnuller-Aera vor sich haben:

Hier geht’s zur Anleitung, wie ihr ohne grosse Mühe zu einer schicken Schnullerstation kommt.

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Hat nicht nur den Master in Psychologie. Sondern ist auch Master im Desaster, was ihr als Aufsichtsperson eines Fünf-, einer Drei- und eines Einjährigen sehr gelegen kommt. War mal Journalistin in Zürich, jetzt ist sie freischaffende Mutter in Bern.
Mehr zur Journalistin: autor.in

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