«Ich höre mein Baby nicht weinen» – Timea, Leben als gehörlose Mutter

Seit Timea Mattmann (25) auf der Welt ist, hört sie immer schlechter. Bis sie in der 9. Klasse die Diagnose ‘taub’ kriegt. Dank einer aufwändigen Operation, bei der ihr sogenannte Cochlea-Implantate eingesetzt wurden, kann sie heute wieder fast normal hören. Jedenfalls so lange die Akkus der Implantate mitmachen. Spätestens in der Nacht, wenn die Akkus aufgeladen werden, wird ihre Welt still. Bis Szamia sich meldet und Hunger hat. Seit Oktober 2018 ist Timea Mama. Als Mama, die zeitweise gar nichts hört, ist die Betreuung eines Babys gar nicht so einfach.

Als nach drei Jahren immer noch kein Baby in Aussicht war, gingen wir zu Fachpersonen und machten ein Jahr lang eine Hormonbehandlung. Eisprung auslösen, sechs Stunden später Geschlechtsverkehr, Ende Monat kein Baby im Bauch. Das frustet.

Wieder ein Monat für nichts.

Mein Mann Jan und ich wollten immer Kinder haben. Ich wollte auch immer eine junge Mutter sein. Wir hatten damit gerechnet, bald Eltern zu werden. Und nun das. Meine Stimmungsschwankungen waren enorm. Schwierig war auch, dass viele unserer Freunde in dieser Zeit Kinder gekriegt haben. Oder «Oops» unabsichtlich schwanger wurden. Ich dachte dann jeweils «Oops, das kann doch gar nicht funktionieren», weil es bei uns so umständlich war. Auch konnte ich mich teilweise gar nicht mehr richtig mitfreuen. Es tat weh zu sehen, wie es bei anderen klappte und bei einem selbst nicht.

Nach einem Jahr intensiver Behandlung haben wir unsere Kinderplanung vorerst auf Eis gelegt. Wir haben darüber nachgedacht, ob wir Pflegekindern ein Zuhause geben möchten oder uns als Adoptiveltern anmelden sollten. Schlussendlich haben wir dann beschlossen, unseren Job zu künden, eine Fruchtbarkeitsbehandlung in Ungarn zu starten, wo meine Eltern herkommen. Danach wollten wir ein halbes Jahr reisen.

Dann der Sonntag Morgen. Ich war überfällig, doch das war nicht aussergewöhnlich. Mein Zyklus war total unregelmässig und entsprechend hatte ich mir keine Hoffnungen gemacht, als die Menstruation länger ausblieb. Den Schwangerschaftstest machte ich mehr gewohnheitshalber.

Da stand ich, im Bad. Den Schwangerschaftstest auf der Ablage. Und dachte: «Da wird wie immer nur ein Strich drauf sein», wusch mir die Hände, blickte runter auf den Test: «Was??? Das sind zwei!!!». Die zwei Striche blieben auch nach mehrmaligem Hinschauen. Und es stand fest, ich war schwanger.

Da waren wir nun. Ohne Job, ohne Wohnung, aber mit Baby im Bauch.

Bild: Vanessa Käser

Natürlich habe ich mir im Vorfeld Gedanken dazu gemacht, wie es sein wird, eine gehörlose Mama zu sein. Einerseits natürlich die Frage: Höre ich, wenn sie weint? Und auch die Angst: Wird sie sich für mich schämen vor den Freunden?

«Deine Mutter hört nichts, sie versteht ja nichts!». Werden sie sie auslachen? Oder mich?

Dazu kam die nächste Angst, dass ich dem Baby die Gehörlosigkeit vererben werde. Als Eltern eines gehörlosen Kindes steht man sehr früh vor der Entscheidung, wie man die Hörbehinderung behandeln soll. In der Regel bedeutet dies, dass man mittels Operation Implantante einsetzen lässt.

Irgendwann merkte ich, dass ich mich nicht zu viel sorgen darf.

Ich wollte einfach die Schwangerschaft geniessen. Daher habe ich mich bewusst distanziert von all diesen Gedanken und beschlossen, alles auf mich zukommen zu lassen. Deshalb habe ich mich auch nicht mehr speziell vorbereitet auf mein Leben als «gehörlose Mama». Eines nach dem anderen war mein Motto.

Eine gehörlose Mutter, wie geht das? Mit den Cochlea-Implantaten hört Timea fast normal. Trotzdem kann es sein, dass die Akkus unerwartet plötzlich leer sind. Und dann herrscht Totenstille. | Bild: Vanessa Käser

Seit ich Kind bin, höre ich schlecht. In der neunten Klasse dann hiess es, dass ich ‘offiziell taub’ sei. Sprechen kann ich jedoch ganz normal – ungarisch und deutsch. Nur Gebärdensprache kann ich nicht, da ich mich immer im hörenden Umfeld bewegt habe. Dank einer Operation, in der mir sogenannte Cochlea-Implantate eingesetzt wurden und dank viel Training höre ich heute gut. Diese Implantate befinden unter der Kopfhaut. Dann wird von aussen auf beiden Seiten ein Gerät auf die Implantate gelegt, die dank Magnetmechanismus festsitzen. Die Implantate funktionieren mittels Akku, dessen Leistung mal für zehn Stunden reicht, manchmal auch nur für zwei.

Am Morgen, wenn ich sie einsetze, weiss ich nie genau, wie lange ich hören werde.

Natürlich habe ich Reserveakkus dabei. Doch eine Restunsicherheit bleibt immer. Auch ist meine Hörleistung nicht vergleichbar mit Gesunden. Gerade in Räumen, in denen sich viele Menschen befinden, höre ich beispielsweise schlecht. Aber grundsätzlich komme ich mit meiner Hörbehinderung gut zurecht.

Es war ein sonniger Tag im Oktober, als ich merkte, dass die Fruchtblase geplatzt war. Mitten am Nachmittag, mein Mann war am Arbeiten und ich konnte ihn nicht erreichen. Ich wusste nicht was ich jetzt machen sollte. Nur, dass ich wahrscheinlich den Hebammen im Spital anrufen müsste. Aber Telefonieren? Mit Hörgeräten immer ein riesengrosser Unsicherheitsfaktor. Ich kann dabei nicht aufs Lippenlesen zurückgreifen und verstehe die Hälfte nicht, habe Angst, etwas Falsches oder Blödes zu sagen – wann immer möglich mache ich darum einen grossen Bogen. In dem Moment war klar:

Niemand war da, der mich helfen konnte. Und die Fruchtblase war definitiv geplatzt.

Also habe ich mich überwunden und angerufen.

Wir kamen rechtzeitig im Spital an. Die Geburt verlief schnell. Anfangs verlief alles gut. Wenn man in der Latenzphase ist überlegt man nicht: Werden die Akkus meiner Hörgeräte noch genügend lange halten? Aber dann, ich sass gerade im Wasserbad und hatte Presswehen, piepte plötzlich der Akku. Mist! Die würden gleich leer sein.

Jan musste die Akkus suchen, die ich irgendwo eingepackt hatte. Doch er sollte doch jetzt nicht weggehen. Wir konnten die Akkus dann häbchläb auswechseln. Meine Haare waren durchnässt und ich hatte Angst, dass die Geräte deshalb plötzlich ganz versagen würden. Doch es ging alles so schnell.

Dann war Szamia da. Ich zog sie selber aus Wasser hoch. Sowas kann man gar nicht beschreiben. Das erste, was ich dann an ihr bemerkte, war der Geruch. Sie roch lustigerweise nach Fisch.

Nach zwei Tagen Spital konnten wir mit Szamia nach Hause gehen. Ich war froh, endlich wieder in den eigenen vier Wänden zu sein. Im Spital hatte ich jeweils eine Seite des Implantats anbehalten, damit ich auch nachts sicher sein konnte, Szamia zu hören. Zuhause, das war der Plan, wollte ich meine Implantate nachts abziehen. Ich dachte, meine mütterliche Intuition würde reichen, um zu merken, wann sie aufwacht. Schliesslich schläft sie direkt neben mir.

Denkste!

Der erste Abend zuhause lief wie geplant. Nach dem letzten Stillen legte ich Szamia schlafen. Ich war froh. Nach der Geburt und den ersten aufregenden Nächten im Krankenhaus war ich müde und beschloss, ebenfalls gleich ins Bett zu gehen. Ich nahm meine Cochlea-Implantate ab und legte mich neben Szamia. Plötzlich stupft Jan mich an. Erst verstand ich nicht, was er wollte. Bin einfach etwas zur Seite gerutscht. Doch er stupft wieder. Müde machte ich die Augen auf und sehe vor mir Szamia. Hochroter Kopf. Am Schreien. Sie schlief doch gerade friedlich? Dieser Moment ist mir so eingefahren. Zu merken: «Ich höre mein Kind nicht, wenn es schreit. Ich bin ihre Mutter und merke nicht, wenn sie weint.» Was hatte ich ein schlechtes Gewissen. Und das Gefühl von Versagen bereitete sich wie Gift in meinem Körper aus. Eine Mutter, die ihr Kind nicht spürt.

Nach dieser Nacht stand für mich fest: Ich musste hören können. Immer!

Natürlich gäbe es Ausrüstungen, die man installieren kann. Die blinken oder vibrieren, wenn das Kind weint. Aber: Solche Geräte sind ziemlich teuer und IV bezahlt sowas nicht mehr.

Darum habe ich wie im Spital, jeweils eine Seite der Implantate anbehalten. Und damit ganz schlecht geschlafen. Wenn man sich gewohnt ist, dass während des Schlafs Totenstille herrscht, wird wach beim kleinsten Geräusch.

Eine Lösung auf Dauer war das nicht. Zumal die Geräte tagsüber nicht mehr richtig funktionierten, weil sie darauf ausgelegt waren, in der Nacht nicht benutzt zu werden. Ich hatte vermehrt Kopfschmerzen und die Kopfhaut begann sich da, wo die Implantate befestigt sind, zu entzünden.

Trotzdem fiel es mir schwer, auf das Hören zu verzichten. Bis ich eines Nachts im Tiefschlaf von Jan geweckt wurde und bemerkte, dass der Akku mitten in der Nacht abgestellt hatte und ich Szamias Weinen einmal mehr nicht mitgekriegt habe. Da merkte ich, dass es gar nicht so schlimm wäre, solange Jan da ist. Inzwischen verlasse ich mich darauf, dass Jan mich weckt, wenn sie in der Nacht aufwacht. Ausserdem habe ich inzwischen einen sensibleren Radar und wache oft auf, kurz bevor Szamia sich meldet um zu trinken.

Aber: Ich muss die Hörgeräte dann immer anziehen. Wenn ich sie stille, muss ich hören können. Ob sie sich verschluckt zum Beispiel.

Andere Mamas müssen das nicht, sich noch «Ohren anziehen».

Anfangs war ich auch recht angespannt, weil ich im Dunkeln nicht mehr hörte, ob sie noch atmet während sie schläft. Doch man entwickelt seine Techniken. Jetzt halte ich halt einfach die Hand auf ihren Brustkorb und spüre so, ob sie atmet. Oder beim Duschen, da finde ich es schlimm, nicht hören zu können, ob sie weint. Die Implantate sind ja nicht wasserdicht, also muss ich sie gezwungenermassen abnehmen. Wenn Jan nicht zuhause ist, platziere ich Szamia halt einfach direkt vor der Dusche und gucke ab und zu nach, ob sie noch happy ist.

Es macht einen Unterschied, ob man das Weinen einfach nur sieht, oder auch hört. Wenn man’s nur sieht, kann man die Nuancen, warum das Baby jetzt weint, viel weniger gut ausmachen.

Doch das Nicht-Hören-Müssen hat auch Vorteile.

Tagsüber hat Szamia oft Bauchkrämpfe und weint dann herzzerreissend. In der Kita, in der ich gearbeitet habe, haben häufig Kinder geweint. Als Nicht-Mama kann man sich gar nicht vorstellen, wie das ist, wenn das eigene Baby weint. Das ist ein Ton, der einem das Herz zerbricht. Ich musste sogar ein, zweimal mitweinen. Darum habe ich manchmal, wenn sie so weinte und ich ihr nicht mehr helfen konnte, einfach die Implantate abgelegt und sie so herum getragen. Dadurch war ich wesentlich entspannter.

Seit vier Monaten ist Timea Mama von Szamia. | Bilder: Vanessa Käser

Meine grösste Angst ist nach wie vor, dass ich ihr die Gehörlosigkeit weitervererbt habe. Daher war ich beim ersten Hörtest im Spital sehr angespannt. «Hört sie? Hört sie nicht?» Sie mussten x-mal probieren, das Gerät war irgendwie gerade nicht zuverlässig. Doch sie meinten, das sei nicht schlimm, wenn das Neugeborene diesen Test nicht besteht. Doch, das war schlimm. Für mich. Ich wollte Gewisseheit und bestand darauf, den Test nochmals durch zu führen. Den zweiten Test haben sie dann in der Nacht gemacht, als alles ruhiger war. Ich war so froh, als sie beide Seiten bestanden hatte.

Beim nächsten Test wird Szamia sechs Monate alt sein. Ich achte mich im Alltag schon sehr darauf, wie sie auf Geräusche reaigert. Manchmal erwacht sie beim kleinsten Geräusch und ich denke: «Ok, alles gut». Andererseits fällt mir in der Küche das Messer auf den Boden und sie reagiert gar nicht. Natürlich weiss ich, dass es nichts bringt, die ganze Zeit zu checken, ob sie jetzt gut hört oder nicht. Es könnte ja auch sein, dass sie schlecht sieht und man denkt immer nur an die Ohren. Manchmal muss ich echt aufpassen, dass ich sie nicht überfordere.

Dauerrasseln, nur um zusehen, ob sie den Kopf in die Richtung dreht so à la «Lueg jtz, ghörsch es nid?».

Mein Mann bringt dann jeweils wieder die richtige Perspektive, indem er meint, sie sei doch noch viel zu klein.

Ich fände es nicht unbedingt schlimm, wenn sie die Hörbehinderung hätte. Ich habe eher Angst davor, dass wir es zu spät feststellen und sie deswegen kaum spricht. Bei mir hat man es erst im Kindergarten gemerkt. Mir wäre so wichtig, dass sie rechtzeitig Hörgeräte kriegen würde.

In einem Monat werde ich wieder Teilzeit arbeiten gehen und freue mich darauf. Aber im Moment geniesse ich es einfach, Mama zu sein. Ich liebe es, mit dem Baby zu kuscheln, zuzuschauen, wie sie trinkt – und wie sie einen plötzlich angrinst anstatt zu trinken. Das ist einfach nur schön. Und ich bin so froh, habe ich Jan. In allen Extremsituationen bin ich nicht alleine, sondern wir haben einander.

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