Ich kann mein Kind nicht lieben. Zumindest temporär.

Das Kind bockt. Und es nervt. Oh, und wie es nervt. Nicht einfach temporär. Sondern schon länger. Ausdauernd. Immer wieder.

Es verhält sich schlicht unmöglich.

Ich spreche dem Kindsvater eine Nachricht aufs Band. Darüber, wie fest das Kind nervt. Und darüber, warum es nicht einfach nicht nerven kann? Warum alles so schwierig ist. Warum wir überhaupt so ein schwieriges Kind haben.

Ich lösche die Nachricht.

Dann bin ich wieder beim Kind. Es weint. Erklärt, warum es sich geweigert hat, sich neu anzuziehen. «Nicht vor allen, Mama». Da hätte ich auch selbst drauf kommen können. Anflug von schlechtem Gewissen. Warum hat es nichts gesagt? Warum hat es nur gebockt?

Es könnte so schön sein.

Wenn da dieses Kind nicht wäre. Nicht das Kind selbst, aber halt wie es sich im Moment verhält. Nicht so, dass das Zusammenleben einfacher wird. Spassiger. Im Gegenteil. So, dass alles umständlicher wird. Anstrengend.

Krampfhaft versuche ich, standhaft zu bleiben. Die liebende Mama. Die positiven Eigenschaften des Kindes im Kopf auflisten. Die Liste ist kurz – ich bin blockiert. «Der Liebesfluss ist gestört», würde ein Gschpürschmimönsch sagen.

Ja, er ist gestört!

Weil er aktuell konstant torpediert wird. Egal, wie viel Liebe ich ausschütte. Was zurück kommt ist häufig das Gegenteil davon. Mein Kind verhält sich unmöglich. Überall.

Und ich? Ich kann mein Kind nicht lieben. Temporär jedenfalls. Obwohl ich es eigentlich tue. Keine Frage.

Es ist Abend. Das Kind ist eingeschlafen. In unserem Bett. Dort möchte es am liebsten für immer bleiben. Ich solle es ja nicht in sein Bett rübertragen, so der Befehl. Das Kind ist gestresst. Nervös. Es braucht Liebe, Zuwendung und viel viel Geduld.

Alles akut Mangelware. Nicht nur des Kindes wegen.

Ich schaue es an. Mein Herz ist gelöchert. All die Torpedos des Tages haben ihre Spuren hinterlassen.

Dann fällt mir ein, wie sehr meine Eltern dieses Kind lieben.
Wie hoch sie es schätzen.
Wie sie betonen, dass dieses Kind ein tolles Kind sei.
Meine Freundin.
Die mein Kind nimmt wie es ist.
Nicht wie andere über unerwünschtes oder unerwartetes Verhalten die Augen verdreht.
Sondern das Kind mit Humor und Liebe entwaffnet.

Wie viel leichter mein Herz wird.
Wenn andere meine Kinder lieben.
Gerade dann, wenn ich es gerade nicht kann.

Wenn sie das Gute betonen.
Gerade dann, wenn ich nur noch Schwierigkeiten sehe.

Wir haben uns unsere Kinder nicht ausgesucht.
Sie sind, wie sie sind.
Und wir geben unser Bestes, dass sie zu Menschen werden, die sich entfalten und gleichzeitig ihren Platz in der Gesellschaft einnehmen können. Nur ist das Begleiten unserer Kinder zuweilen ernüchternd. Erschöpfend. Manchmal so perspektivelos. Frustrierend.

So viele Ideale, die wir innerlich abschreiben müssen.
So viele Grundsätze, über die wir stolpern.
So viele Vorstellungen, die wir aufgeben.

Wir brauchen Liebe.

Lasst uns die Kinder unserer Geschwister lieben. Unserer Freundinnen. Nicht nur die Kinder brauchen das. Auch wir Eltern. Damit wir uns wieder erinnern können, was unsere Kinder liebenswert macht – wenn wir es gerade selbst nicht schaffen. Damit wir unsere Kinder lieben können. Auch wenn wir gerade selbst nicht sehen, warum eigentlich.

Damit wir es wieder wissen.

 

Du bist eingeladen

Wir würden uns total freuen, mit dir an einem unserer Apéros anzustossen.
Geplant ist ein unkomplizierter, unterhaltsamer Abend – analog zu dem, was du auf unserem Blog liest. Bloss für einmal nicht online, sondern offline. Food und Eintritt sind offeriert. Ab 19.30 Uhr ist die Bar geöffnet. Ab 20.00 Uhr werden wir uns im Live-Unterhalten üben. Gaststädte sind Luzern, Bern oder Zürich.
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4 Kommentare zu “Ich kann mein Kind nicht lieben. Zumindest temporär.

  1. ICH KANN MEIN KIND NICHT LIEBEN- ZUMINDEST TEMPORÄR!

    Vielen lieben Dank für diesen ehrlichen und mutigen Beitrag! Solche starke Mamas braucht die Welt💙💙💙

  2. Ein genialer Artikel – wie so viele hier.
    Ich habe auch grad solche Tage hinter mir, wo mich diese Goofen echt fertig machen. Und am meisten fertig macht es mich, dass ich weiss, dass ich den Teufelskreis von Rumgenöle und -zicken allerseits durchbrechen könnte – mit Geduld und Liebe.
    Danke!

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