Wie lassen sich Familie und Beruf vereinbaren? Eine Jahresbilanz.

Ein Jahr ist Simone nun Mama und offiziell 60% berufstätig (inoffiziell zuweilen mehr). Gefühlt optimistisch bezüglich Vereinbarkeit von Beruf und Familie gestartet, zieht sie nun, ein Jahr später, eine erste Bilanz. Dieser Beitrag ist Teil einer Serie über «Vereinbarkeit Mamasein und Berufsleben».

Fünfzehn Monate ist es her, seit unser Sohn auf der Welt ist und die so ziemlich auf den Kopf gestellt hat. Und seit rund einem Jahr arbeite ich wieder. Statt wie früher 100% tätig zu sein, aktuell ein 60%-Pensum. In derselben Position wie vor der Geburt, in der Geschäftsleitung eines mittleren KMU.

Zwölf Monate für eine erste Bilanz. Wie gut haben sich Familie und Beruf bei mir vereinbaren lassen?

Viele meiner Freundinnen, die auch vor kurzem zum ersten Mal Mütter geworden sind, arbeiten nicht mehr oder wenn, sehr niederprozentig.

Wünschte ich mir, ich würde auch dieses Familienmodell leben? Nein.
Vermisse ich meinen Sohn während ich im Büro bin? Nein.
Sollte ich mich dafür schlecht fühlen? Nein.
Tue ich es manchmal trotzdem? Ja.
Hat sich mein Arbeiten verändert, seit ich Mutter bin? Ja.
Ist es einfach, alles unter einen Hut zu bringen? Nein.

In diesem Jahr durfte ich Wunderschönes mit unserem Sohn erleben, unglaublich viel Neues dazulernen und zum ersten Mal jemanden absolut bedingungslos lieben.

Ich bin stolz darauf, dass mein Mann und ich uns gemeinsam am Familienleben beteiligen. Dass er nicht nur am Wochenende viel Zeit mit unserem Sohn verbringen kann, sondern auch unter der Woche. Dass er einkauft, Zmittag macht und Wäsche zusammenlegt. Dass er unseren Sohn genauso gut – wenn nicht sogar besser – ins Bett bringen, beruhigen und wickeln kann. Ich bin stolz darauf, dass wir beide nach wie vor in unserem Beruf Verantwortung übernehmen können – und dies auch gern machen. Ich bin stolz darauf, dass ich mich beruflich weiterentwickeln und massgebend Prozesse in unserer Firma mitgestalten kann.

Gleichzeitig hat sich bei mir auch ein unweigerlicher Drang entwickelt, mir selber und meinem Umfeld zu beweisen, dass unser Familienmodell funktioniert.

Das löst natürlich einen grossen Druck aus. Und ich habe mich nach diesem Jahr gefragt: «Warum eigentlich?» Warum verspüre ich diesen Druck?

Vereinbarkeit hat für mich viel mit Gleichberechtigung zu tun.

Ich habe während den letzten zwölf Monaten gemerkt, dass Frauen und Männer in der Schweiz noch immer nicht mit demselben Mass gemessen werden. Meinem Mann wird von allen Seiten auf die Schulter geklopft weil er sein Pensum von 100% auf 80% reduziert hat. «Wow, so ein guter Papi, der kümmert sich noch um die Familie und gestaltet mit – bravo!» Egal ob es die über 80-jährige Nachbarin, der Arbeitskollege oder die Hebamme ist – alle sind begeistert von seinem Engagement. Die Reaktion, wenn man mich nach meiner Arbeit fragt? «Was 60%? Das ist aber viel! Und was ist mit eurem Kind? Wer kümmert sich um ihn? Möchtest du ihn wirklich so viele Tage weggeben?». Bei mir kommt dann jeweils unweigerlich die Frage auf, wieso man mir nicht auf die Schulter klopft? Schliesslich habe ich mein Arbeitspensum um vierzig und nicht nur zwanzig Prozent reduziert.

Neben den traditionellen Rollenbildern, die noch viel weiter verbreitet sind, als ich es angenommen hatte, erzeugt ein weiterer Aspekt bei mir Druck: Ich selbst.

Mein eigener Anspruch, alles zu wollen und zu können. Ganz nach dem Motto «I wanna do and have it all». Ich möchte die perfekte Mutter für unseren Sohn sein, gleichzeitig soll bei der Arbeit niemand denken, dass ich heute weniger produktiv oder effizient bin als früher. Und dann sind da ja noch die sozialen Verpflichtungen, denen wir Frauen häufig mehr verbunden sind als unsere männlichen Wegefährten. Das Geschenk für das erste Baby des befreundeten Paares besorgt sich nicht von selbst und ich möchte auch weiterhin Zeit mit sozial schwächeren Menschen verbringen, wie beispielsweise Asylsuchenden, die hier in der Schweiz Anschluss suchen. Dann sind da noch Freunde: Irgendwann sollte man wohl oder übel auch wiedermal mit ein paar von ihnen den Kontakt pflegen und wenn sie dann zu einem nach Hause kommen, sollen sie am besten gleich der perfekt stylisch eingerichteten und selbstverständlich vorbildlich aufgeräumten Wohnung ansehen, dass wir alles im Griff haben.

Vereinbarkeit vordemonstriert, sozusagen.

Das alles macht vor allem eins: sehr, sehr müde.

Und je mehr ich mich mit dem Thema Vereinbarkeit auseinandersetze, desto mehr merke ich, dass ich im zweiten Jahr vor allem eins will: Weniger.

Einmal weniger von allem – zumindest in den Bereichen, in denen das möglich ist. Mit dem Kind keine selbstgemachten Weihnachtsguetsli zu backen ist kein Beinbruch. Sich über Monate bei den Freundinnen nicht zu melden ebenso wenig – es zeigt höchstens, wer die wahren Freunde sind. Und vielleicht ist es sogar dran, den grossen Garten einfach vor sich hinwuchern zu lassen – sozusagen als Sinnbild für diese turbulente Lebensphase. Mit unserem Familienmodell müssen Abstriche gemacht werden, insbesondere am Anspruch an Perfektion. Vielleicht ist es einfach nur gut und richtig, wenn Freunde, die zu Besuch sind, über Spielautos, Puppen und Duplo stolpern, sich die Tomatenspaghetti vom Vortag von den Socken klauben müssen und das Kind einen Weinkrampf hat beim Zubettgehen – denn das ist das pure, ehrliche Leben. Das ist Vereinbarkeit unplugged (ich weiss, dass das bei Vollzeit-Mamis oder Vollzeit-Papis auch so sein kann – keine Angst).

Was ich mir wünsche: Noch mehr gemeinsam. Mehr Mitdenken und Mitorganisieren von männlicher Seite.

Wir sind da als Paar bereits auf einem sehr guten Weg. Er wickelt, wäscht und bädelet. Aber da ist noch Luft nach oben: Nicht, dass ich auf der faulen Haut liegen kann und er sich zu Hause abrackert, aber dass das Gewicht fair auf zwei Schultern verteilt ist. Und dass ihm und mir gleichermassen auf diese Schulter geklopft wird. Das wünsche ich mir.

Und was ich mir auch wünsche: Mehr Goodwill unter uns Mamis. Egal welches Familienmodell gewählt wird, lasst und einander anspornen, ermutigen und positiv über einander denken und sprechen. Dann wird unsere Welt von allein noch ein ganzes Stück besser – garantiert.

Weitere Texte der Serie:
Janine Oesch: Sie ist, was keine sein will: Mutter und Hausfrau

– Rahel Iten: Mama auf Jobsuche. Die unendliche Geschichte.

– Evelyne Gutknecht: Alles unter einen Hut kriegen? Ich schaff das nicht.

– Marianne Plüss: Kinder aus dem Haus. Ich arbeite wieder.

Bild: Unsplash

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