Was Mutti heuer von mir kriegt

Meine Mutter hat alles. Resultat eines langen Lebens.
Fragt man sie, was sie sich wünscht, sagt sie, dass ihr nichts einfällt. NICHTS.

Mir fällt auch nichts ein – NICHTS

Weihnachten feiern und kein Geschenk für die Frau, die mir das Leben geschenkt hat? Geht irgendwie nicht. Ich surfe also im Internet.

Ich finde ein Schild.

«Home Is Where Mom Is»

Na ja, Mama ist Mama, aber auch Oma. Und ich, auch Mama, ich bin ja jetzt auch Oma, und bei mir selbst zuhause. Das passt irgendwie nicht mehr.

Oder dieses schicke T-Shirt da, mit dem eleganten, modernen und bunten Aufdruck auf der Busenfrontseite. Da steht:

Ich bin die verrückte Mutter, vor der dich alle gewarnt haben

Schenke ich das meiner Mutter, dann müsste ich aber unbedingt das Gegenstück tragen, sonst macht das keinen Sinn. Dort steht nämlich in Pink auf schwarzer Baumwolle:

Ich habe eine verrückte Mama. Und ich habe keine Angst, sie einzusetzen

Geht auch nicht, denn von uns beiden ist sie nicht verrückt.

Ich google also durch die Geschenk-Ideen der Internetwelt. Ein Kissen mit eingebautem MP3-Player? Ein knallroter Massage-Roboter, der hoffentlich keine Haare ausreisst? Selbstumrührende Kaffeetassen? Praktisch vielleicht, wegen der Arthrose in den Händen? Oder Gutscheine? Für eine Bräunungsdusche, Bungee-Jumping, Tandem-Paragliding, einen Helikopterflug, eine Fahrt mit dem Ferrari oder sonst einem Rennwagen?

Vielleicht ein Gutschein mit dem Vermerk: «Be a Popstar – Studioaufnahme und 3 CDs inklusive»?

Mama ist oft heiser. Singen geht vielleicht gar nicht mehr. Und sie ist fast achtzig. Vermutlich wird sie das mit dem Popstar nicht prickelnd finden. Sie interessiert sich mehr für ihre Legehennen.

Ihnen reibt sie Vaseline an den gefederten Po

Immer dann, wenn sie zum falschen Zeitpunkt gluckig werden. Was noch nie geholfen hat und eher die Wirkung eines Gleitgels hat. Also ein Buch über moderne, zeitgenössische Hühnerzucht? Oder doch das mit dem Ferrari? Das könnte ihr gefallen. Aber sie würde sich genieren. Die Nachbarn könnten ja auf den Gedanken kommen, dass sie im Lotto gewonnen hat.

Soll ich ihr also eher makrobiotisches Hühnerfutter schenken? Oder einen Gutschein für einen Besuch in einem Legehennenpark? Oder diese stinkende Salbe gegen schmerzende Glieder, deren Geruch selbst ein ganzes Dorf vertreiben kann? Und sicher ihre tapferen Hühner in einen irren Rausch versetzen würde.

Ein Gutschein für eine Gesichtsbehandlung geht auch nicht mehr

Selbst ich würde mir schon Gedanken machen, wenn man mir das schenken würde und blitzschnell im Spiegel nachsehen, wie weit mein Schrumpfkopf schon fortgeschritten ist.

Mutti könnte mir so einen Gutschein übel nehmen

Ich grüble, surfe, mache mir Notizen, zerknülle sie und sehe auf dem Kalender, wie mir die Tage davon schwimmen wie die Felle dem Gerber.

Mann, warum hilft mir denn keiner?

Mütter lässt man immer im Schnee stehen, wenn es um ihre Mütter geht

Was braucht meine Mutter noch, was könnte der Uroma meines Enkels Freude machen? Sie wohnt abgelegen, abseits, alleine. Was könnte sie noch nötig haben? Vom Lockenwickler über die Heckenschere, bis hin zur Hühnertränke besitzt sie alles.

Auf dem Bleistift kauend schlendere ich durch die Wohnung. Die Zeit läuft mir davon. Die Zeit? Zeit!

Ich hab’s!

ZEIT!

Zeit ist kostbar. Zeit ist Mangelware. Zeit ist nicht käuflich. Zeit zerrinnt.

Ich werde Mutti Zeit schenken.

Zeit für gemeinsame ZEIT.

Für die gemeinsame Zeit, die uns noch bleibt.

 

Bild: rawpixel.com | Unsplash

Redaktionsassistentin, Autorin, Mutter von drei erwachsenen Kindern und Stiefoma einer Schulkind-Prinzessin. Schamgefühle sind nach so einer Mutter-Karriere wie der ihren kein grosses Thema mehr. Sie hat nicht immer Recht. Aber sie liegt selten falsch.

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