Wart rasch!

Ich fertige meine Kinder ab. Fast im Minutentakt. Denn ich bin absolut überbeschäftigt. Und überbeschallt. Aktuell sitze ich sogar auf dem Klo zu zweit oder zu dritt. Die unzähligen «Mamas» – ich habe vergessen, wie ich früher mal hiess.

«Wart rasch»

Meine erste Antwort.

«Wart bitte!»

Die zweite.

«WART!!!»

Die dritte.

Die vierte, die fünfte, die sechste. So lange, bis ich Zeit finde, das hartnäckige Kind prioritär zu behandeln und seinen akuten Bedürfnisse (Hörspiel auswählen, Essen verabreichen, Po putzen, Spielzeug suchen) nachzukommen.

Bedürfnisse haben meine Kinder viele. Und häufig. Häufig gleichzeitig. Und wenn nicht, dann hübsch abwechslungsweise. Also immer.

Für einmal total entspannt. So fünf, zehn Minuten. Yay! | Fotografin dieser wunderbaren Bilder: Vanessa Käser | Outfits Kinder: Vertbaudet | Kinderwagen: Stokke

Meine Bedürfnisse? Rasch aufs Klo. Das wär schon toll. Oder einen Schluck kalten Kaffee trinken vom Zmorge.

Zeitungen und Magazine habe ich aktuell alle ababonniert. Für mich selbst habe ich das «pausiert» betitelt. Wie lange diese Pause dauern wird – ich hoffe doch, eher kurz.

Ich war einmal ein Mensch. Der las Bücher. Manchmal sogar eines pro Tag.

Ein Mensch, der sich und anderen gerne leckeres Essen zubereitete. Der mit Freuden durch Lebensmittelläden streifte, sich inspirieren liess durch Kochbücher und einschlägige Blogs. Die Musse hatte, aufwändig zu kochen und die Musse, das Essen dann auch zu geniessen.

Ich war einmal ein Mensch. Der mochte es, Kleider anzuprobieren, zu kaufen und zu tragen.

Der mochte es, in der Handtaschenauswahl zu variieren.

Ich wusste sogar mal, was man gerade trug und: Ich konnte es tragen.

Ich war einmal ein Mensch, der sehr viel Geld für externen Kaffee ausgab. Der sich in hipsterligen Kaffis einnistete, davon Fotos machte und die online stellte.

Ich war ein Mensch, der täglich Zug fuhr. Der die Stadt nicht nur dem Namen nach kannte, sondern sogar zwischen zwei Schweizer Grosstädten (jaja, gross ist relativ) pendelte.

Ich war einmal ein Mensch.

Und jetzt?

Jetzt bin ich Mama.

Und mit diesem Titel bin ich quasi unbedürftig geworden.

Sogar Grundbedürfnisse wie Essen und Schlafen können durchaus ignoriert werden. Über Tage. Hätte mir Anfang Mutterschaft jemand gesagt, dass ich jetzt – fünf Jahre später – tatsächlich jede einzelne Nacht mindestens zwei- oder dreimal aufstehe. Ich hätte noch naiv gedacht: «Mir passiert das nie!» «Meine Kinder machen das nicht!»

Das Verrückte ist.

Trotz meines 24-Stunden-Einsatzes. Jedesmal, wenn ich meine Kinder mit «Wart bitte!» abfertige, packt mich das schlechte Gewissen.

Jedes.

Mal.

Sofort rattert die Maschinerie los, die darauf hinausläuft, dass ich das nicht gut hinkriege mit dem Kinderversorgen. Dass meine Kinder nicht die Mama haben, die sie brauchten. Nur so eine gehässige, gestresste, getriebene Frau, die ihnen ihr «Wart rasch» um die Ohren knallt, sich selbst die Ohren zu hält und im ungünstigsten Fall dazu noch weint.

Ich höre schon diverse Traumata läuten, die sie mir ihrerseits dann in der Pubertät oder – schlimmer noch – Mitte Zwanzig um die Ohren schlagen. Bis – ja, bis sie vielleicht selber mal Kinder haben. Aber vielleicht schaffen sie das ja sogar mal besser.

Natürlich hat sich mit dem Mamasein nicht grad der Verstand mit abgeschaltet. Natürlich WEISS ich, dass alle Bedürfnisse erfüllen nicht das ist, was glückliche Kinder macht. Erst recht keine glücklichen Erwachsenen. Natürlich WEISS ich, dass ich meine Bedürfnisse nach wie vor fühlen und erfüllen sollte.

Bloss. Da sind so viele «Mamas». Da sind so viele unfertige Tasks. So viel Dreck und Chaos, die mich unglücklich machen und die ich erst rasch noch beseitigen möchte. So viel Müdigkeit. Und ein riesiges Bedürfnis nach Sein.

Jedesmal, wenn ich anmerke: «Jetzt würde ich dann gerne mal…», fertigt mich das Leben aktuell ab mit einem «Wart rasch!».

Also warte ich. Und übe mich in der vielgepriesenen Kompetenz des Wartens. Wage ab und zu ein: «Leben, könnte ich nicht…» und warte. Bis das Leben oder ich mir selbst meine Wünsche erfülle. Oder halt nicht.

Denn eines lernt man bereits als Kind: Man kriegt nicht immer was man will. Nicht immer wann man will.
Und manchmal, da weiss man gar nicht, was man eigentlich wollen würde.

Es gibt nur etwas, was man immer nötig hat. Und wovon man nie genug kriegen kann (ausser, man versucht grad, einen Blogpost fertig zu stellen):

Umarmungen.

Weshalb ich jetzt Schluss mache.
Und meine wartenden (mich erdrückendenumarmenden) Kinder drücken gehe.

Bilder: Vanessa Käser | Outfits Kinder: Vertbaudet | Kinderwagen: Stokke

 

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Hat nicht nur den Master in Psychologie. Sondern ist auch Master im Desaster, was ihr als Aufsichtsperson eines Fünf-, einer Drei- und eines Einjährigen sehr gelegen kommt. War mal Journalistin in Zürich, jetzt ist sie freischaffende Mutter in Bern.
Mehr zur Journalistin: autor.in

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