Vergleichen unter Müttern

Vergleichen kommt direkt von der Hölle. Sagt man. Wissen wir. Machen tun wir’s trotzdem.

Ich frage mich, ob es wirklich Leute gibt, die es schaffen, sich nie zu vergleichen. Ich bin auf jeden Fall noch nie jemandem begegnet, der dieses – durchaus edle – Ziel erreicht hat.

Gerade im Mutteralltag ist Vergleichen eine gängige Komponente.

Was, dein Kind sitzt schon? Ach, ihr esst Fertigprodukte? Mein Kind kann schon lesen.

Vergleichen unter Müttern. Irgendwie rutscht man da einfach so rein und wird unfreiwillig Opfer von Vergleichsterrorismus.

Dass das Vergleichen von Entwicklungsstadien von Kindern keinen Sinn macht, habe ich spätestens bei K4 begriffen. Oder noch früher, ich weiss es nicht mehr so genau.

Ich wohne mit meinem Mann und unseren fünf Kinder an der Zürcher Goldküste und ich muss ganz ehrlich zugeben, dass es für mich nicht immer einfach war hier. Die Goldküste gibt einem viel Anlass zum Vergleichen. Und das Schwierige daran ist, dass ich meistens schlecht abschneide. Oftmals sass ich frustriert zu Hause und nahm ein ausgiebiges Bad in meinem Selbstmitleid.

Doch eines Nachmittags war ich bei einer Freundin eingeladen. Ich weiss noch, dass ich mich auf das Treffen mit dieser wohlhabenden Freundin gut vorbereitete. Ich dachte mir ein Mantra aus, das ich dann bei aufkommender Eifersucht innerlich meditieren wollte und meinen Kindern trichterte ich alle gelernten Manieren noch einmal zünftig ein, denn wir wollten ja einen guten Eindruck hinterlassen.

Wir betraten also das schöne Haus, die Kinder verschwanden alle in den vielen Kinderzimmer und ich schritt durch das Wohnzimmer in den Garten, wo meine Freundin und ich dann unseren Kaffee tranken. Als ich mir noch Gedanken darüber machte, ob man diese weissen Sessel wohl waschen kann, schüttete mir die Freundin aka Besitzerin dieses Anwesens, ihr Herz aus. Sie meinte dass ihr halt noch so einiges von dem fehle, was sie eigentlich gerne hätte. Und es sei für sie nicht immer einfach, wenn sie sehe, was bei Freundin F2 so alles im Haus stehe – weiter hörte ich leider nicht mehr. Denn meine Gedanken waren nun ganz bei mir.

Und dann geschah es! Ich hatte eine Art Erleuchtung, die mein Leben veränderte.

Ich begriff auf einen Schlag, dass das Vergleichen und die daraus resultierende Frustration anscheinend nichts, also überhaupt nichts mit dem zu tun hat, was man schon erreicht hat oder besitzt. (Ihr dürft mir an dieser Stelle gerne gratulieren).

Als sich meine Ohren für die Aussenwelt wieder öffneten (das Verschliessen der Ohren ist übrigens eine spezielle Mutter-Begabung), war meine Freundin bereits beim nächsten Thema angelangt.

An diesem Abend lag ich in meinem Bett und ich hätte einfach die ganze Welt umarmen können. Ich fühlte mich, als hätte ich einen Befreiungsschlag erlebt (habe ich vielleicht auch). Am nächsten Tag war das Gefühl immer noch da. Ich ging einkaufen, brachte K5 in die Spielgruppe, spazierte an all den grossen schönen Häuser vorbei und fühlte mich einfach frei. Frei davon, etwas zu sein oder zu haben, was ich eben nicht war oder hatte. An dem Ort, wo sich so oft die Eifersucht breit machte, spürte ich auf einmal Dankbarkeit.

Es war wirklich schön, so durch den Tag zu gehen.

Ein paar Tage später kam auf einmal dieses eklige Gefühl vom Vergleichen wieder an mich heran geschlichen. Zuerst bemerkte ich es fast nicht. Aber dann erkannte ich das Gefühl, von dem ich meinte, mich für immer davon verabschiedet zu haben. Ich erkannte es und konnte so meine Gedanken wieder in die richtige Ordnung bringen.

Gerne würde ich an dieser Stelle schreiben können, dass ich gelernt habe, mich völlig aus dem Konkurrenzkampf heraus zu nehmen. Mich nicht mehr mit anderen (Müttern) zu vergleichen. Ich glaube aber, dass dies ein längerer Weg sein wird. Immerhin befinde ich mich auf diesem Weg.

Mittlerweile geht es mir hier an der Goldküste richtig gut. Ich geniesse all das Schöne, das die Goldküste zu bieten hat. Ich geniesse es, ohne es selber besitzen zu müssen. Ich habe erfahren, wie befreiend Dankbarkeit sein kann. Und wie schön es ist, wenn man sich von ganzem Herzen für andere freuen kann.

Ich weiss, dass meine Kinder das alles mitbekommen. Weil, was bekommen Kinder denn nicht mit?
Und ich bin mir sicher, dass ich ihnen so ein Stück Freiheit mitgeben kann. Zumindest das Rezept dazu.

Bild: Freestocks.org Unsplash

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War im richtigen Leben einmal Primarlehrerin, bevor sie sich entschloss mit ihrem Mann ihre eigene Klasse zu gründen. Lea wohnt mit ihren fünf Kindern, ihrem Mann und vier Ratten in einem viel zu kleinen Reihenhaus in der Nähe von Zürich.

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