Hebamme unterwegs zum Wochenbett

Schon mal geschämt für das Chaos zuhause im Wochenbett, wenn die Hebamme klingelt? Noch rasch die Haare nach hinten frisiert, damit der Pyjama-Look nicht ganz so devasted aussieht? Und was denken Hebammen eigentlich wirklich, wenn sie ein Neugeborenes in Empfang nehmen?

Ein «Hello from the other side» neu bei Mamas Unplugged: Drei Hebammen geben regelmässig Einblick in ihren Gefühls- und Arbeitsalltag. Und falls euch etwas speziell wunder nimmt: Unbedingt kommentieren und fragen.

Wer «Hebamme» hört, denkt dabei meistens an die Frau im Gebärsaal. Die mit dem Kopf zwischen den Beinen der Gebärenden. Denkt an blutbefleckte Kleidung. An «Pressen, Pressen» und daran, dass wir das Baby – sobald es draussen ist – hochhalten, wie Rafiki den kleinen Simba in König der Löwen.

Den Triumph des neuen Lebens feiern.

Was viele vergessen: Hebammen verbringen nur einen Bruchteil ihres Jobs (wenn überhaupt) im Gebärsaal.

Denn allzu häufig – zumindest häufiger als mir lieb ist – verbringen wir unseren Arbeitsalltag im Auto. Und im Auto ist der Stress meistens fast grösser als bei einer Geburt.

Es beginnt bereits mit der Vorbereitung. Natürlich weiss ich im Vorfeld genau, wann ich ungefähr abfahren muss, damit ich stressfrei zu den Baby-, respektive Wochenbettbesuchen komme. Trotzdem scheint es jedesmal, als würden die letzten zehn Minuten vor der Abfahrt in doppelter Geschwindigkeit laufen. Hektisch suche ich Unterlagen,Portemonnaie, Handy. Aktuell steht ein Erstbesuch bei einer Wöchnerin an. Zwischen meiner Tür und der Haustür der Wöchnerin liegen etwa zwanzig Minuten Autofahrt. Zu viel Fahrzeit, wenn man kein Essen dabei hat. Und ohne Essen mutiert auch die sanfteste Hebamme zum garstigen Tiger.

Die Zeit!

Sie rennt. Ich sollte doch bereits im Auto sitzen. Aber das Essen, dafür muss es noch reichen. Ich werfe einen Blick in unseren Vorratsschrank: Glück! Ich finde einen alten Farmerstängel, Ablaufdatum unbekannt. Besser als gar nichts. Und ich notiere mir im Kopf: «Nicht vergessen vor dem Aussteigen die Zähne im Rückspiegel zu checken». Möchte schliesslich ungern die Wöchnerin gleich mit einem Gebiss voller Müslireste begrüssen.

Hektisch tippe ich die Wöchnerinnenadresse ins Handy – vertippe mich prompt einige Male. Dann endlich schnallt das Navi, wohin ich will. Jetzt, wo ich ‘nur’ noch Autofahren muss, merke ich, dass ich Durst habe. Ich wühle in der Tasche auf dem Beifahrersitz, ohne die Strasse aus den Augen zu lassen.

Wo ist die Wasserflasche, wenn man sie braucht?

Dann passiertsè Von rechts kommt der schwarze VW Golf. Und schafft es prompt vor mir auf die Hauptstrasse. 35Km/h, graue Haare. Ich komme zu spät! Definitiv.

Ich überlege kurz, den Golf zu überholten. Doch dann meldet sich das Trinkbedürfnis wieder und die freie Fahrt muss warten. Endlich finde ich die Flasche. Bin grad am Öffnen, als der Senior vordran bremst, als würde ein Reh über die Fahrbahn hüpfen. Was nicht der Fall ist. Aber er will abbiegen. Na also.

Keinen Durst und freie Fahrt.

Es kommt doch noch gut. Ich schaffe es ohne teueres Foto bis zur der Strasse, in der die Wöchnerin gemäss Navi wohnt. «Bitte wenden», ertönt es. Ziellos wie eine verirrte Touristin fahre ich die Strasse hinauf und hinab. Dazwischen quäkt das Navi: «150 Meter bis zum Ziel». Doch eine Nummer 41 kann ich nicht ausmachen.

Ganz ehrlich. Im Gebärsaal geht’s zwar manchmal hektisch, laut und blutig zu und her. Aber immerhin habe ich dort nie das Problem damit, zu wissen, wo das Baby zu finden ist.

Bild: Ignacio Campo Unsplash

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