Ü30 Party – ein Erfahrungsbericht

Da steh ich nun. Vor den Türen des Clubs. Gross prangt da das Plakat: HEUTE Ü30 – 90s Party! Lustigerweise öffnet der Club bei den Ü30 Parties bereits um 22.00 anstelle von 23.00 wie im Normalbetrieb. Warum? Die haben wohl an die Muttis gedacht, die um 23.00 sich definitv nicht mehr FÜR eine Party entscheiden.

22.00 ist so die Mutti-geht-noch-raus-Obergrenze.

So stehe auch ich vor dem Club mit einer anderen Mutti, beide leicht übermüdet aber hey, wir können/dürfen mal wieder in den Ausgang. Also looos, REIN DA!

Mit meiner leicht stürmischen und lockeren Art betrete ich den Club. Früher war ich oft hier. Natürlich niemals an einer Ü30 Party, ich war ja noch zu jung. Aber wie es so ist, man wird älter. Ich erinnere mich, wie wir stets kurz mit dem Türsteher oder dem Kassier geschwatzt haben.

Wie ich bin quatsche ich den Stempelgeber an: «Und, gibts den Stempel auf die Handoberfläche oder aufs Handgelenk?»
Er: “Wohin SIE wollen.» SIE??? Ehrlich? Ok, er ist vielleicht jünger als ich, aber maximal drei bis fünf Jahre. Gut, könnten auch locker zehn sein, aber SIE?

Wie aus Reflex muss ich loslachen – drehe mich zu meiner Freundin um und frage sie ungläubig: «Hat der mich gerade gesiezt?» Mit diesem kurzen und knappen Satz hat er es ehrlich geschafft, dass ich mich etwas alt fühle. Aber okay, verdirbt mir ja nicht die Stimmung. Im Gegenteil, ich muss immer wieder lachen.

Kaum sind wir drinnen, weiss ich, warum er mich gesiezt hat. Die Party läuft im Moment eher unter Ü45. Und plötzlich fühle ich mich wieder jung! Etwas zu jung fast. Wir setzen uns an einen Bartisch, der fast in der Mitte der Tanzfläche steht. Die Musik dröhnt aus den Boxen. Mmm Bopp von den Hansons, 90er Gangster Ghetto Rap und vieles mehr.

Es sind nicht besonders viele Leute anwesend, aber die die hier sind, gehen voll ab. Meine Freundin sagt zu mir: «Mein Gott, ich habe noch nie so viele Männer auf einer Tanzfläche gesehen!» Ich schaue mich um und tatsächlich. Neben all den gut erhaltenen, naja, etwas zu gut erhaltenen Ü45-innen, tummeln sich lustige Mannsbilder. Die Frauen tragen Over-Knees und Minikleidchen.

Die Brüste stehen ohne BH (ja haben die denn nie gestillt???), die Lippen etwas dicker als normal, die Gesichter etwas straffer als normal. Und ich frage mich: «Darf man denn hier rein, auch wenn gewisse Körperteile offensichtlich die 30 noch nicht erreicht haben? Überhaupt, was ist das für ein Trend? Haben die denn keine Kinder, die sich für sie schämen?»

Ich fühl mich underdressed und underoperiert.

Irgendwie scheinen die heutigen Partygäste den zweiten oder dritten Frühling zu spüren. Denn es wird heftig geflirtet, sich sexy aneinander reibend getanzt und Weiter beobachte ich die Menge als einer der Herren mich anspricht. – Info: Es läuft gerade Zucchero. – Er so (mit echtem italienischem Akzent): «Iche kenne Zucchero, weisste du. Bine iche aus de Maggiatale.» Ich so: «Cool – sagst du ihm einen lieben Gruss von mir.» und wende mich lauthals lachend ab.

Wir beobachten weiterhin die tanzende Menge. Besonders die Herren sind amüsant. Es gibt den «Zeigefinger-Man». Er hebt stets den Zeigerfinger zum Takt der Musik in die Höhe. Mehr Bewegung kommt von ihm nicht. Dann steht mittendrin der «Kopfnicker». In der einen Hand ein Bier, die andere in der Hosentasche, dabei nickt er rhythmisch den Kopf. Und auch dabei: «Der Profitänzer».

Er schnappt sich eine Frau nach der anderen, wirbelt sie in bester «Foxtrott»-Manier durch den Saal und ist tatsächlich auch etwas im Takt.

Und mein persönlicher Favorit «Der Schlangenmann». Er scheint aus Gummi zu sein, macht lustige, schlängende Bewegungen, die Schultern rollen hin und her. Nur leider bewegt er so ziemlich jedes Körperteil zur gleichen Zeit aber irgendwie keines zum Rhythmus der Musik. Faszinierend!

Um Zwölf Uhr packen wir unsere Sachen zusammen und machen uns auf den Heimweg. Immerhin muss ich noch fahren und am nächsten Tag gegen 06:00 Uhr stehen die lieben Kinderlein putzmunter am Bett. Wir fahren aus dem Parkhaus, direkt vorbei an einem beliebten Club. Eine Schlange von jungen Menschen (ja jünger als 30, wahrscheinlich noch jünger als 25) steht vor den Toren. Just in diesem Moment läuft im Radio «Man I feel like a Women» von Shania Twain.

Whoop Whoop mein Lied!

Ich lasse die Scheiben runter, drehe die Musik auf und zum Leid meiner Mitfahrerinnen beginne ich lauthals mitzusingen. Die Gruppe von Jugendlichen dreht sich etwas belustigt zu uns rüber. Ich bin in meinem Element. Meiner Beifahrerin ist die (Fremd)Schamesröte ins Gesicht gestiegen. Sie auf dem Hintersitz ist einfach nur froh, dass ich getönte Scheiben habe und sie niemand sehen kann. So biege ich mit meinem Fain die Hauptstrasse ein, immer noch mitjohlend. Die Menge schaut mir gröhlend nach und ich verschwinde in die Nacht.

 

Bild: Alex Iby | Unsplash

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Rahel lebt mit Mann, Familie und Schweinen auf dem Land. Für ihre zwei Kinder hat sie High Heels, Minikleidchen und dazu passendes Täschli eingetauscht gegen Trekkingschuhe, Funktionskleidung und diverse Traghilfen und Tragetücher. Ob sie alles so meint, wie sie schreibt? Vielleicht…

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