Teenager vs Toddler – ein Vergleich

Ich arbeite wieder. Nach zwei Jahren ausschliesslich Hausfrau und Mutter, bin ich in meinen alten Job zurückgekehrt. Jugendarbeiterin. Und jetzt, da ich den Vergleich von Toddler und Teenager eins zu eins erleben kann, muss ich sagen: Die Unterschiede sind nicht besonders frappant.

Hier meine fünf Beobachtungen, wie ähnlich sich ein Kleinkind und ein Kleinerwachsener doch sind.

1. Unordnung – Chaos – Aufräumen

Zuhause habe ich zwei äusserst lebhafte Kleinkinder. Würde ein Tornado durch unser Wohnzimmer fegen, sähe das bestimmt noch ordentlicher aus, als wenn die zwei wirken. Täglich detonieren bei uns in diversen Zimmern mehrere Spielzeugbomben. Ich trainiere regelmässig Hürdenlauf, Slalom und Weitwurf. Ich weiche spitzen, miesen, fiesen, kleinen Spielsachen aus, schlängle mich an grösseren Gegenständen vorbei, und hüpfe mit der Leichtigkeit eines Rhinozerosses über Bäbis und Plüschtiere. Wenn ich trotzdem irgendwo drauf stehe und vor Schmerz fluche und heule, schmeiss ich den Gegenstand im Affekt weit, weit weg.

In den Zimmern der Jugendlichen sind es keine Spielzeug- sondern Kleiderbomben.

Schuhe («Krassi Jordans, weisch! Voll tüür gse!»), Shirts (passende Marke zu den Unterhosen – wohl ein Must-have), Hosen (diese scheissengen mit vielen Löchern), Unterhosen (Boss, Calvin Klein, Tommy Hilfiger, Peter Müller), Caps (sind die echt IMMERNOCH in?), Tanktops (Busenblitzertops für die gut trainierte, glattrasierte und hühnerige Männerbrust – muesch zeige, was hesch) liegen verstreut auf dem Boden, den Betten und im Bad. Von den Millionen Toilettenartikeln reden wir gar nicht erst – und ich betreue hauptsächlich männliche Jugendliche. Die besitzen sogar Beauty Cases – ich nicht.

Und wenns dann ums Aufräumen geht, sind Toddler wie Teenies etwa gleich schwer zu motivieren. Bei meinen Kindern singe ich oft mein selbst-komponiertes, äusserst schräg klingendes (liegt sehr wahrscheinlich an meiner Nicht-Gesangs-Stimme) aber wirksames «Aufräum-Lied». Ist mir letztens bei meinen Jungs auch so rausgerutscht, aus Gewohnheit. Kam bei dem Publikum nur mässig gut an. Da hilft eher ein Ausgehverbot bis aufgeräumt ist.

2. Absolute Hilflosigkeit

Meine Kinder weinen, wenn sie sich weh getan haben. Sie weinen bitterlich und ich muss grosses Geschütz auffahren wie Globuli, Sälbeli und Pfläschterli. Auch wenn der Kratzer noch so winzig ist und kein Blut fliesst – sie brauchen dann alle Liebe und Fürsorge, die ich geben kann.

Und so ähnlich ist es auch bei den jungen Erwachsenen. Kopfschmerzen, Verstauchungen, Schürfwunden, mit dem Hammer zurecht gerückte Finger, blutende Nasen vom Möchte-gern-Kickboxer-Getue oder der fiese Daumenkrampf vom Playstation spielen. All diese Weh-wehli muss ich an einem Arbeitstag heilen. Auch hier überlege ich mir Arnica-Kügelchen und Rescue-Pastillen einzusetzen. Denn oft ist das Gejammer grösser als die Verletzung selbst. Ja, ich bin manchmal sogar kurz davor, ganz tröstend und wirklich lieb gemeint «Heile, heile Säge» zu singen.

3. Höflichkeit

Ich bin nicht die Mutter, die ihre Kinder ständig ermahnt «Bitte» oder «Danke» zu sagen. Sollten sie es aber vergessen, bedanke und «bebitte» ich mich in ihrem Namen. Etwas lauter und betonter. Damit sie merken, dass das jeweilige Wort angebracht wäre. Eine Begrüssung mit Handschlag oder Umarmung mit «fremden» Menschen erwarte ich noch nicht von meinen Kindern, aber immerhin ein «Hallo». Von meinen Jugendlichen jedoch erwarte ich mindestens ein «Grüezi». Ich plappere den Jungen dann häufig die gewollten Sätze vor. Eine Konversation zwischen mir und Teenies sieht folgendermassen aus:

Teenie: «Billard!»

Ich: «Hoi Rahel, ich hätte gerne das Billlard.» Und wenn du ganz freundlich sein willst, darfst du mich noch fragen, wie es mir geht. Bitte und Danke nicht vergessen!»

Teenie: «Billard…» [lange, dramatische, pubertierende Pause] «Bitte.»

Ich: «Sehr gerne – hier bitte sehr – gaaaaaanz viel Spass – lieben Dank für deinen Besuch – bis nachher – tschüüüüüüüüüüüüüüüüüüüüüüss»

Teenie: *brummtirgendwasinsichheineinklingtwieschrägealte

4. Trotzen

Und ich hatte gehofft, das ist irgendwann vorbei. Aber nein, meine Heranwachsenden zeigen mir immer wieder: Trotzen kann man auch im hohen Alter noch.

Immerhin legen sie sich nicht mehr auf den Boden und schreien los. Obwohl…. schreien können sie auch. Sie brüllen wie unfair dies und das sei, wie beschissen ihr Leben ist und dass alles besser wird, wenn sie erst einmal eine eigene Wohnung und ein Auto haben.

Haha – wenn die wüssten.

Wie bei meinen Kleinen, versuche ich Verständnis zu zeigen für ihre Situation und ihre Gefühle. Versuche, die Gefühle zu benennen und mitzuteilen, wie es mir dabei geht. Funktioniert eigentlich gut – bei allen Altersgruppen. Nur bei den 16+ kommt doch auch mal ein «Heb d’Frässe!». Danke für die Wertschätzung und jetzt hörst du sofort auf zu heulen und machst was ich sage sonst gibt es eine rote Karte!

Machtposition ausgespielt. Rahel 1, Terrorteenie 0.

Ob klein oder gross – manchmal muss man einfach ein Machtwort sprechen. Ich mutiere zum Hulk, wenn man beleidigend wird. Meine Halsschlagader fängt an zu pulsieren und tritt hervor, mein Atem geht schneller und wenn ich meinen Mund öffne, kommen bestimmte und laute Töne raus. Und Spucke. In your face! Leg’ dich nicht mit Rahel an.

5. Ausgeprägtes Mitteilungsbedürfnis

Meine Kinder sind zwei und drei Jahre alt. Die Grosse quatscht mich täglich voll, dass mir abends die Ohren bluten. Der Kleine hat auch damit begonnen. Nur versteh ich leider noch nicht ganz alles, aber er quasselt heiter weiter. Sie singen mir Lieder, erzählen mir Geschichten (immer und immer wieder), sie petzen, sie streiten, Madame gibt ganze Filmszenen wider, Junior wiederholt jedes einzelne Wort, das ich sage. Es ist nie still. Kaum aufgestanden wird verlangt und gefordert,

Ich habe mich sehr gefreut wieder arbeiten zu gehen. Endlich niemand, der mich totlabbert mit sinnlosem Zeug.

Denkste! Und das Schlimmste. Das ganze Blabla wird noch unterstützt mit Video und Bildmaterial. Hilfe. So schaue ich jeden Dienstag Abend mehr oder weniger interessiert irgendwelche Videos von und mit johlenden Besoffenen, waghalsigen Adrenalinjunkies oder halbnackten, tanzenden Frauen. Die Jugendlichen kommentieren in ihrem Slang dann jeweils «Mingä, Bra, dä looset voll ab – die esch jo so hot – fix Alte! – Dude – so e Weirdo – Kacksch ab oder?»

Und dann wünsch ich mir, dass mein Sohn für immer «Eliklupte» anstatt Helikopter sagt und niemals: «Chill dini Basis Muetter!»

Bild: Tyler Nix Unsplash

 

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