Sie ist, was keine sein will: Hausfrau und Mutter

Dieser Beitrag ist der erste Teil einer Serie über «Vereinbarkeit Mamasein und Berufsleben». Janine Oesch berichtet über ihre ungeplante Hauptrolle als «Hausfrau und Mutter».

Hier. Look at me. Ich bin es. Das personifizierte Schandwort: Die Vollzeitmutti.
Die Übermutter. Die den ganzen Tag nichts anderes tut, als ihrem Kind pädagogisch wertvolle Geschichten zu erzählen und die restliche Zeit damit verbringt, mit ihren Freundinnen Kaffee zu trinken und über andere Mütter zu lästern.

Ha! Schön wär’s. Oder auch nicht. Zuweilen frage ich mich selbst, warum diese Vorstellung nicht der Realität entspricht. Zeit hätte ich in der Theorie ja. Aber bereits nach diesen wenigen Zeilen, steht K4 ungeduldig neben mir und hat dabei das Wort «laaangweilig» mindestens 17mal rausgequengelt. In der Waschküche türmen sich Kleider von sieben Personen, die darauf warten, gewaschen zu werden (Bügeln hab ich schon lange aus dem Programm gekippt) und in die Bibliothek müsste ich auch noch dringend, wenn ich keine Verwarnung kriegen möchte.

Mein Mittagessen wurde von 50% der Kinder verschmäht. Wieder einmal.
Nein, ich habe grad rein gar nichts im Griff. Und wenn ich in den Spiegel schaue, dann entspreche ich dem gängigen Klischee der top gestylten Supermom mit dem perfekten Leben weniger denn je. Dafür demjenigen vom Huscheli mit dunklen Ringen unter den Augen und ausgedehnten Nervensträngen, um das andere Vorurteil auch noch zu bedienen.

Man kann nicht alles haben. Aber gebt mir bitte Schokolade.

Schon bevor ich mit K1 schwanger wurde war meinem Mann und mir klar, dass wir eine moderne Rollenverteilung leben möchten. «Wir gehören ganz sicher nicht zu denen, wo die Frau zuhause am Herd steht und ihre Bedürfnisse für zwanzig Jahre Tschüss küsst», dachten wir, nahmen wir uns vor. Und bei K1 hat das alles wunderbar geklappt

Bei K1 und einem Teilzeitjob blieb es nicht. Wie K4 hier auf dem Bild erahnen lässt… | Bild: Christine Gassmann

Der Mann hat sein Pfarrer-Pensum auf 80% reduziert, ich ging immerhin einen Tag einer bezahlten Arbeit nach. Mann und Kind genossen den Daddyday in vollen Zügen und ich meine ‘Auszeit’ auf der Arbeit. Win-Win.

Was in der Theorie super klingt, ging leider schlussendlich doch nicht ganz so schön auf. An meinem Arbeitstag musste ich jeweils bis 18:00 Uhr im Büro sein. Genau dann startete jedoch der Konfirmandenunterricht meines Mannes. Das Organisieren begann. Müde vom Tag mit eben so müden Kind, war meine Arbeit nicht getan.

Dann wurde ich mit K2 schwanger. Die 80% meines Mannes schienen immer wie illusorischer, er arbeitete deutlich mehr.
In meinem Umfeld haben viele Grosseltern, die bereit sind, die Kinderbetreuung zu übernehmen. Bei uns war dies keine Option. Die Kita-Rechnung sah auch nicht gut aus: Wenn mit zwei Kindern für mich am Schluss eine rote Null übrig bleibt:

Lohnt sich dann der ganze Aufwand vom Frühaufstehen und Rumstressen? Und was, wenn ein Kind krank ist?

Und dann bin da noch ich und meine Persönlichkeit. Die so viel unterschiedliche Verantwortungsbereiche schlecht erträgt. Klar. Ich wäre unbestritten ausgeglichener, könnte ich einmal in der Woche aus dem Haus. Ich hätte auch nichts dagegen, wenn unser Haus einmal wöchentlich nicht von allen als allgemeines Schlachtfeld genutzt würde und die Kinder ihre dreckigen Fingerchen nach dem Essen an die Kita-Wand schmieren statt an meine.

Es wird einem gesagt, dass man alles easy unter einen Hut bringen kann. Dass es den Fünfer und das Weggli gibt.

Nur hab ich es nicht geschafft, beides zu kriegen. Logisch, wir hätten es irgendwie organisieren können. Aber zu welchem Preis?
Nach langem Abwägen kam ich somit zum Entschluss: Leider nein. Es würde für mich und meine Familie nicht aufgehen.

Als Manifestation von diesem Entschluss folgte kurz darauf K3 und etwas später K4. Und ich war das, was ich doch gar nie werden wollte:

Eine SAHM (stay at home mom) inmitten vollgekackter Windeln und nur etwa halb so erfüllt, wie ich sein sollte.

Essen, ein grosser Teil des Jobs «Hausfrau und Mutter» – am Zvieritisch von Familie Oesch. | Bild: Christine Gassmann

Dieser Entscheid hat mich etwas gekostet. Verzicht ist nicht gerade sexy. Hausfrau zu sein schon gar nicht. Ich ertappe mich noch heute dabei, wie ich mich manchmal schäme, zu sagen, dass ich nicht ausser Haus arbeite.

Es macht auch etwas mit dem eigenen Stolz, finanziell voll vom Ehemann oder Partner abhängig zu sein. Er ist jetzt plötzlich mein Sugar Daddy, der mich durchfüttert (und sogar seine Geburtstagsgeschenke aus der eigenen Tasche bezahlen muss). Auch nicht ganz so prickelnd wie es klingt.

Da hilft nur offen reden. Gott sei Dank ist uns bewusst, dass wir beide zu 100% drin hängen, in diesem Familien-Dings. Er leistet seinen Teil genau so wie ich, auch wenn wir jetzt schlussendlich in der traditionellen Rollenverteilung gelandet sind. Wir sind beide voneinander abhängig und müssen dem anderen voll und ganz vertrauen und uns gegenseitig unterstützen. Das erlebe ich persönlich als Gewinn für unsere Partnerschaft und unsere Familie.

Dies als meinen Weg zu akzeptieren und dabei glücklich zu werden war ein Prozess.

Meine Definition von Erfolg wurde eine andere. Nein, wir werden wohl nie ein Haus und zwei Autos besitzen. Und unser trautes Heim ist nicht in dauersauberem und aufgeräumten Zustand anzutreffen.

Aber ich habe Zeit. Zeit für meine Kinder. Auch mal Zeit für mich. Zeit für Beziehungen. Zeit, mich weiterzubilden. Das Privileg, nichts zu müssen, aber viel zu dürfen. Manchmal einfach zu sein. Zu geniessen. Zu gestalten. Zu leben.

Ich bin dankbar, darf ich da sein, wenn meine Kinder von der Schule nach Hause kommen. Darf ich ihre Emotionen auffangen. Bin ich die erste, die von ihren Siegen und Niederlagen erfährt. Ich bin dankbar, dass wir Zeit haben für Belangloses. Und für tiefe Gespräche. Und Tanzparties. Neben all den Hausaufgaben, die auch sein müssen.

Und noch etwas habe ich erkannt: Ich habe Kapazität und Augen für andere.

Für die alleinerziehende Mutter, die arbeiten gehen muss, damit es finanziell reicht. Ihre Tochter kommt als Tageskind zu mir. Oder für die Mutter, der gerade die Decke auf den Kopf fällt und für die ich spontan ein paar Stunden einspringen kann. Für den alleinerziehenden Vater, der froh ist, wenn er mal einen Mittag durcharbeiten kann.

Ich arbeite nicht nicht. Ich leiste auch. Unheimlich viel sogar.

Aber den Wert dafür, den muss ich mir oft selber geben. Es kommt keiner zum Jahresgespräch und verspricht mir einen Zusatzboni, weil ich Nacht für Nacht Dienst schiebe und konstant toxischen Windelgerüchen ausgesetzt bin. Und trotzdem stelle ich doch immer mal wieder leicht überrascht fest, wie zufrieden ich in all dem eigentlich bin.

Man muss mich weder bemitleiden, noch bewundern. Einfach akzeptieren, dass es mich gibt. Uns gibt. Die Vollzeitmuttis. Die auch ihren Beitrag an die Gesellschaft leisten.

Wenn ich sage, ich sei eine Vollzeitmutter, dann impliziere ich, dass Working-Moms dies nicht sind. Sind sie in ihrem Herzen aber wohl. Und wenn ich sage, ich arbeite nicht, dann wird dies im Gegenzug meinem Alltag überhaupt nicht gerecht.

Ob nun Vollzeit zuhause oder im Beruf – Mütter sind wir immer. Und ich bin überzeugt, es würde uns allen besser gehen, wenn wir mit Kategorisieren und Kritisieren aufhören würden. Uns stattdessen gegenseitig unterstützen und wertschätzen. Denn eins sollte uns allen klar sein: Keine Situation ist perfekt. Jede von uns hat etwas. Jede hat etwas nicht.

Weitere Texte der Serie:

– Rahel Iten: Mama auf Jobsuche. Die unendliche Geschichte.

– Evelyne Gutknecht: Alles unter einen Hut kriegen? Ich schaff das nicht.

– Marianne Plüss: Kinder aus dem Haus. Ich arbeite wieder.

– Simone Siddiqui: Wie lassen sich Familie und Beruf vereinbaren? Eine Jahresbilanz.

 

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