Vom Frust zur Lust – Pilzsammeln mit Kindern

Ihr mangelndes Vertrauen hat mich damals arg verletzt. Hatte ich denn ein Argument, die Familie auszulöschen? Nein, denn zu erben gab es schon damals nichts, wozu also das Misstrauen?

Pilze sind die Blumen des Waldes. Vor allem die schön farbigen und giftigen. Die meine Kids immer pflücken wollten.

Aber nicht von Anbeginn an. Die Geschichte des Pilzsammelns startete mit einer herben Enttäuschung.

Als ich mit Sammeln anfing, verweigerte mein Mann die ersten Pilzgerichte. Auch meine Eltern und mein Bruder wollten nicht mitessen.

Ihr mangelndes Vertrauen hat mich damals arg verletzt.

Hatte ich denn ein Argument, die Familie auszulöschen?
Nein, denn zu erben gab es schon damals nichts, wozu also das Misstrauen?

Ein Idiot, der seine Familie um die Ecke bringt.
Der hat ja dann keinen mehr, der ihm die Kinder hütet oder ihn im Alter betreut.

Ich setzte mich kaltblütig mit dem Gericht zu ihnen an den Tisch. Während ich sie ihrer Ignoranz verächtlichen Blickes strafte, verspeiste ich ein lecker riechendes Pilzragout.

Sie hingegen beobachteten mich in ängstlicher Erwartung einer massiven Vergiftung.

Ich war nicht zur Pilzkontrolle gegangen. Ich hatte nur gesammelt, was ich ganz sicher kannte. Meine Mutter, eine Samariterlehrerin, traute dem aber nicht. Sie behielt ihren Erste-Hilfe-Ratgeber in Griffnähe. Sie musterten mich alle unentwegt und kauten dabei Emmentaler und trockenes Bauernbrot.

Ich überlebte das sensationelle Essen. Damit verschaffte ich mir etwas Respekt. Ich war somit der erste Abkömmling einer langen, auf Noah zurückgehenden Ahnenreihe, der wusste, was nicht giftig war.

Und das kam so.

Eine Freundin hatte mich sorgfältig in ihre walderotischen Geheimnisse eingeweiht.

Gemeinsam sind wir übers feuchte Moos gerobbt und durchs dicke Unterholz gekrochen. Zum Missfallen meines Mannes. Obwohl er mir daheim Laub und Tannnadeln aus dem Haar und vom Körper klauben durfte.

Doch mit der Zeit lernte er die Gerichte des gesammelten Erfolgs zu schätzen.

Dann fing ich eines Tages damit an, mich zu vermehren.
Was da in mir gewachsen und aus mir herausgebrochen war, das musste dann beschäftigt werden.

Die Freundin, deren Kinder etwa gleich alt waren, nahm uns weiterhin mit. So grasten wir mit einer lauten Horde Kids den Wald ab.

Wir verbrachten als Familie gefühlt das halbe Leben im Wald. Dass wir nicht Moos ansetzten, ist ein Wunder. Dort lernten die Kinder allerhand. Respekt vor der Natur, wie man Feuer macht ohne den Wald abzufackeln und es dann wieder löscht, ohne sich den Dödel zu verbrennen, und dass man ohne Jagdschein nicht auf die Jagd gehen sollte.

Die Kinder wurden leider grösser, das Leben hektischer und wir Freundinnen hatten kaum noch Zeit, den Wald unsicher zu machen. Darüber war ich traurig.

Ich fing an, mich extrem nach dem Rentenalter zu sehnen.

Dann, dann würde ich endlich Zeit haben, wieder öfters sammeln zu gehen und diese traumhaften Gerichte zu kochen, die dann das ganze Quartier wahnsinnig machen, weil sie so gut riechen.

Das Schicksal aber kam dem Rentenalter zuvor und schlug zu. Es bescherte mir ein pilzinteressiertes Försterkind als Schwiegertochter. Letzten Oktober fingen wir also erneut mit dem Sammeln an. Im Familienverband durchkämmten wir überfallartig die Wälder. Das war kurz vor der Geburt meines Enkels. Im dichten Unterholz sah man uns herum krabbeln. Wir hüpften über Gräben und kletterten wehenfördernd über grobes Fallholz.

Die Ausbeute war mager, die Enttäuschung riesengross.

Ich hatte einfach zu viel vergessen und war aus der Übung. Was war essbar und was eignete sich zum Vergiften oder um sich zu berauschen? Was war schon wieder der Unterschied zwischen einem flockenstieligen Hexenröhrling und seinem netzstieligen Bruder?

Ich war frustriert. Wir waren frustriert.

Dann schenkte mir meine Tochter zum Geburtstag und zum Trost einen Pilzkurs. Töchter sind einfach super.

Zusammen haben wir nun den ganzen Herbst die Schulbank gedrückt. Schon am ersten Abend wuchs es uns über den Kopf.

Es gibt tatsächlich Pilze, die unverkennbar und ganz unmöglich riechen und dann dem Pilz den Namen geben.

Anis, Maggi, Fisch, Nuss, Karbol, Mehl, Kartoffelgeruch.

Nie hätten wir gedacht, wie komplex das ist. Zahllose Arten, unzählige Gattungen, komplizierte Namen, schwierige lateinische Bezeichnungen, dicke Fachbücher. Unfassbar. Wo doch das Leben sonst schon stressig ist. Eigentlich hatten wir uns beim Pilze sammeln entspannen wollen. Jeden Kursabend wurden wir mit zahllosen Pilzen konfrontiert, die wir bestimmen mussten. Danach fielen wir wie tot ins Bett. Ohne auch nur einen Pilz gegessen zu haben.

Bald aber werden wir den Rest der Familie briefen können. Es wird nicht mehr lange dauern, bis wir wieder im Wald anzutreffen sind.

Wehe, es kommt uns dann einer in die Quere. Der Wald ist unser.

Wir werden ihn mit unserer Familien- und Pilzcombo zahlenmässig einfach überrollen.

P.S.
Inzwischen krabbelt übrigens der Mann, der damals als Frischvermählter mein Pilzgericht verschmähte, mit mir im Wald herum.

Nicht, weil er immer noch Tannnadeln von mir klauben will.

Das ist ihm inzwischen zu anstrengend, weil sie in Runzeln und Falten stecken bleiben.

Er kommt mit, weil er im Wald aufgewachsen ist und ihn wie seine Hosentasche kennt. Er weiss, wo es haufenweise Pfifferlinge gibt. Den einzigen Pilz, den er bisher kannte.

Dann zeige ich ihm auch die anderen Arten, die er gerne auf dem Teller hat, diejenigen, die den ganzen Ort an unseren Tisch locken. Ich zeige ihm aber auch die, die unser ganzes Dorf oder auch ihn auslöschen könnten, wenn er nicht das macht, was ich will.

ACHTUNG:
Wer sammeln will, braucht Kenntnisse.
Daher UNBEDINGT mit jemandem mitgehen, der sich auskennt.
Nach dem Sammeln auf jeden Fall in die örtliche Pilzkontrolle.
Sie ist kostenlos.

Unsere besten Tipps für Eltern, die mit ihren Kindern Pilze sammeln wollen:

TIPPS: Pilzsammeln mit Kindern

Rezept:
Pilzschnitten à la Mamarianne

Übrigens ein echt selbstgemachtes Bild von Marianne. Wir sind total beeindruckt. Und träumen immer noch davon, auch mal so einen in Echt zu sehen…

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Redaktionsassistentin, Autorin, Mutter von drei erwachsenen Kindern und Oma einer Schulkind-Prinzessin und eines süssen kleinen Enkels. Schamgefühle sind nach so einer Mutter-Karriere wie der ihren kein grosses Thema mehr. Sie hat nicht immer Recht. Aber sie liegt selten falsch.

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