Picknicken mit Kindern. Der Reality-Check

«Wir gehen heute nicht ins Schwimmbad!» – voilà. Die drakonische Strafe war ausgesprochen. Und ausgesprochen berechtigt. Die Kinder, befindlich im Alter zwischen 1 und 5, zeigten sich bereits seit mehreren Tagen unkooperativ und unzugänglich. Dies in den allermeisten Fällen grinsten sie auch noch dabei. Ja, auch der Einjährige.

Nun also eine im grossen Kontext logische Konsequenz (im kleinen Kontext handelte es sich um einen Müsliriegel, den K1 und K2 partout nicht aushändigen wollten, sondern entgegen aller Anweisungen auspackten und anbissen). Für mich stand fest: Mir drei Kindern, die konstant und konsequent gegen mich arbeiteten, würde ich nicht in ein Schwimmbad gehen.

Bloss: Wenn kein Schwimmbad, was dann?

Die Temperaturen waren zu hoch für kein Wasser. Und Wasser im Garten, dieses Vergnügen hatte ich gestern schon. Rannte unzählige Male zwischen Kinderbassin, Kleiderschrank und Küche hin und her. Organisierte Sonnencreme, Warmwasser, Trinkwasser, trockene Unterhosen. Während dort, wo ich nicht war, die Party stieg.

Ein weiterer solcher Nachmittag und ich würde mich selbst einliefern lassen.

Es wurde die klimatisierte Shoppingmall. Für kurzfristige Geburtstagsgeschenke. Gefolgt von einem Abendessen in Form von Picknicken mit Kindern am Ufer des heimischen Gewässers. Ein fauler Kompromiss. Ein eher schlechter dazu, wie sich herausstellte.

Die Organisation für ein Picknick am Ufer toppte die Organisation, die ein Abendessen im Schwimmbad mit sich gebracht hätte.

In der klimatisierten Mall kauften wir geeignete Schuhe für’s Begehen von Steinufer. Immerhin. Der Rest war bereits in Riesentaschen verpackt im Kofferraum. Ready to rumble.

Der Weg zum Steinufer war steinig und schmal. Nicht kinderwagentauglich, aber wir brauchten den Wagen. Als Gepäckträger und um das unzähmbare Kaum-mehr-Baby anzuketten und es davor zu bewahren, sich selbst zu ertränken.

Musik wummerte aus einer Minibox.

Wir packten unsere Tücher und Decken aus. «Stört euch die Musik?» JA! Ja, ja, ja. Zu laut und nicht mein Stil.. Ausserdem hatte ich drei Wochen Wein- und Motzmarathon hinter mir und wollte grundsätzlich nur eins: RUHE. «Nenei, scho guet.» Gosh. Ich bin so schweizerisch.

K2 drückte die Mini-Chipstüte zusammen, die mit einem Knall aufplatzte. Natürlich nicht oben, sondern unten. Chips auf Picknickdecke. Aber wir sind ja entspannt.

Das losgelassene Baby krabbelte über die Decken. Sorgte dafür, dass der darunter liegende Dreck sich auch darauf verteilte. Und ass den Dreck gemeinsam mit den Chips, die K2 so elegant verstreut hatte.

K1 suchte verzweifelt die kleinen Überraschungsfiguren aus der Chipstüte, die er dummerweise in der grössten Tasche deponiert hatte. Tat dies, indem er die Tasche entpackte und die trockene und saubere Kleidung auf die mit Chips und Dreck belegten Badetücher warf.

Wie weiteres Unglück verhindern? Durch baden! Drei Kinder für’s Baden bereit machen – ihr könnt’s euch denken.

Irgendwann waren wir alle beim Fluss. Das Baby spielte in seinem mit Steinen abgetrennten Privatpool. Die beiden Grossen durften unter strenger Aufsicht sowas wie baden (mein Gott, wie vermisste ich das Babybecken des Schwimmbads). Es war kalt. Es hatte Strömung. Wir hatten Hunger.

Es folgte das Entkleiden, Trocknen und erneute Bekleiden. Weil die Füsse nass waren, klebten Dreck und Chips jetzt auch an den Füssen und fanden ihren Weg in und an die Kleidung.

Die Sonne schien zwar flach, aber nun ziemlich direkt auf unseren Picknickplatz. Nebenan grillten zwei Frauen auf einem Einweg-Grill zwei Steaks. Und der Rauch, der uns umhüllte, roch so gar nicht nach BBQ, sondern nach giftigen Dämpfen aus dem Chemielabor.

Also zügelten wir alle Decken ein paar Meter weiter links. Ohne Chips und Dreck. Womit sich dieses Problem auch gleich erledigt hatte. Jetzt würde das offizielle Abendessen beginnen.

Und mit dem offiziellen Abendessen ging das Chaos in die nächste Runde.

Obwohl mehrmals geheissen, an einem Ort sitzen zu bleiben (nämlich im Schatten), bewegten sich die Kinder total euphorisch über die Decken, die zugleich ja auch ‘der Tisch’ waren. «Mama, was gits?», «Mama, bitte öffnen», «Mama, wo ist die Wurst?», «Mamaaa!!!».

Das Schwimmbad. Dort gäbe es Tische und Stühle und Pommes.

Das Baby weigerte sich, das offizielle Abendessen, bestehend aus Chips, Brot, Gemüse, Käse, Dipp, Humus, Cervelat, Beeren, Trauben, zu essen. Nichts davon schien passend. Ein Glück, fand ich in der Handtasche noch ein verquetschtes Quetschie.

Wir Eltern assen auch. Im Fast-Forward-Modus. Irgendwann machten wir dann tatsächlich von der Möglichkeit Gebrauch, das Baby im Wagen zu fixieren deponieren, wo es dann gemütlich trohnte und ZEN-happy war und alles angebotene Essen (mein Gott, es soll denn nid öppe verhungere) fröhlich auf den Boden warf.

Selber war ich etwas weniger fröhlich.

Diese Familien-Picknick-Sache hatte ich mir definitiv romantischer vorgestellt. Noch immer wuselten K1 und K2 aufgeregt über den Picknicktisch. Ich war damit beschäftigt, sie an ihre Plätze zurück zu beordern und – weil das nicht wirklich funktionierte – ihr angekautes Essen zu ihren neuen Plätzen zu transportieren.

Auch nettes Intermezzo: K2 klappt den Sonnenschirm zu. Während des Essens. Minus Schatten, plus Chaos. Nur ein Punkt auf der «Wie machen wir ein Picknick ungemütlich»-Liste

Irgendwann war nicht nur ich, sondern auch das Essen fertig.

«Baden!!!» K1 rannte schon fast kopfüber in den Fluss.

Und da, als die Sonne nur noch zart schien. Der Fluss glitzerte und alle drei Kinder glücklich waren. Da fühlte ich es ein wenig. Das Glück. Ein Glück. Ein Glücksmoment!

Bis K1 einen seiner neuen Badeschuhen verlor. Dramatisch: «Mama, kann der schwimmen?» «Mama, wo ist der Schuh jetzt?» «Mama, wie geht es jetzt dem Schuh an meinem Fuss?»

Wir packten zusammen. Packten die müden Kinder ins Bett. Waren selber total erledigt. Aber noch lange nicht fertig. Zumindest, was das Ausräumen und Aufräumen betrifft.

Familien-Picknick in der freien Natur. Entweder der falsche Zeitpunkt. Oder schlicht eher ungemütlich.

Und einmal mehr lernte ich: Das Glück ist nicht im Grossen. Es ist nicht im Hätte-sein-können. Oder hätte sein sollen. Es ist in den Momenten. In Augenblicken, so kurz, dass es beim nächsten Zwinkern bereits wieder weg ist. So dass man denken könnte, es sei nicht da gewesen.

Glücklich ist, wer hinschaut. Und so lange wie möglich die Augen offen hält.

Glücklich ist, wer kleine Momente gross gewichtet.

Glücklich ist, wer sich am Ende des Tages nach einem Chipskrümel im Bad bückt, und dabei lächelt.

Glücklich ist, wer Kinder hat.

 

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Hat nicht nur den Master in Psychologie. Sondern ist auch Master im Desaster, was ihr als Aufsichtsperson eines Fünf-, einer Drei- und eines Einjährigen sehr gelegen kommt. War mal Journalistin in Zürich, jetzt ist sie freischaffende Mutter in Bern.
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