Gärtnern mit Grosskindern

Nach dem endgültigen Auszug der Kinder ging es dem Gemüsegarten an den Kragen. Zuviel Arbeit, zu viel Salat. Fort mit Harke und Setzholz.

Blumen statt Kinder. Geht auch.

Blumen machen keinen Lärm, sehen toll aus, duften, lassen nichts rumliegen ausser vielleicht Verwelktes. Sie brauchen nicht gestillt zu werden, machen nichts dreckig, verlieren keine Schnuller und kommen nicht mitten in der Nacht heim. Sie müssen keine Hausaufgaben machen und dellen dir nicht den Wagen ein.

Blumen sind etwas vom Schönsten. Sie kommen gleich nach den Kindern.

Meine Blumen sind meine ganz private, kleine Oase, mein winziges Paradies, meine Zuflucht. Hier reagiere ich mich im Sommer in der sehr raren Freizeit ab, wenn mir die Welt, die Familie, das Handy, der Job und der viele Verkehr auf den Keks gehen – in meinem kleinen Blumengarten.

Ihm drohte nun akute Gefahr. Lebensgefahr.

Meine Kinder sprachen nämlich plötzlich davon, wieder einen Gemüsegarten anzulegen.
In meinem Garten.
Ungespritzten Salat, Obst, das nicht bestrahlt wurde. Nahrung direkt vom Garten auf den Tisch.
Jetzt plötzlich?
Noch bei uns Eltern wohnend maulten sie, wenn sie beim Jäten oder Beerenpflücken helfen mussten. Wieder einmal bewahrheitet sich der Satz: Jedes Ding hat seine Zeit. Gemüsegarten, Unkraut jäten, Pubertät und Ausgehen passen eben irgendwie nicht zusammen.

Den ganzen Winter überlegte ich, ob ich den Blumengarten opfern will. Noch ein Opfer? Nieder mit den Blumen? Mit dem Risiko, dann vielleicht doch das ganze Gemüse neben Job und Haushalt plötzlich alleine pflegen zu müssen und überhaupt keine freie Zeit mehr zu haben?

Ich gehöre zur Sandwich-Generation.

Meine Mutter braucht immer mehr Unterstützung, und ich habe nun Enkel. Aber auch noch Freunde und einen Job. Ich bin daher eine gefragte Person und meine helfenden Hände sind Geld wert. Die Kräfte aber werden weniger und der Tanz zwischen Beruf und Familie anstrengend. Wo also darf man sich abgrenzen und Nein sagen?

Soll ich, oder soll ich nicht? Soll ich allem nachkommen, das anderen einfällt, was sie mit meiner Zeit anstellen könnten, oder habe ich ein Recht auf eigene Bedürfnisse?

Wäre es nicht verrückt, wieder Gemüse zu ziehen und die geliebten Blumen zu opfern?

Lauter Fragen. Ich wusste nicht so recht, was ich tun sollte.

Jetzt hätte ich doch endlich im Sommer abends ein paar Minuten, um draussen zu sitzen, ohne mich wieder auf Schneckenjagd begeben zu müssen. Ohne Giesskannen zu schleppen. Ich hätte doch jetzt ein wenig Zeit. Zeit zum Schreiben. Zeit zum Nichtstun.

Es war bald klar. Die Blumen müssen bleiben. Wer garantierte denn, ob das Gartenprojekt Bestand hatte, nächstes Jahr noch Zuspruch finden würde oder ob ich zuletzt nicht alles wieder alleine machen müsste?

Andererseits: Wäre es nicht spassig oder sogar wichtig, der nächsten Generation weiterzugeben, wie man Gemüse zieht, riesige Tomaten kriegt, Ungeziefer und Schädlinge fernhält? Wie man erntet, einweckt, trocknet, tiefkühlt und Marmelade einkocht?

Das wäre ihre Rettung, falls der Klimawandel Hungersnöte auslösen wird!

Der Entscheid fiel mir schwer, denn ich wusste ja aus Erfahrung, wie viel Arbeit ein Garten macht. Ich war den ganzen Winter zwischen Liebe und Vernunft hin- und hergerissen. Bis es im Garten grünte.

Dann aber hat mich die aufblühende Natur irgendwie ungefragt überrumpelt.

Ihrer neu explosionsartig erwachenden, atemberaubenden Schönheit konnte ich nicht widerstehen. Und so habe ich im Schweisse meines Angesichts ein Stück Rasen abgekratzt, und den Opa dazu verdonnert, umzugraben und Kompost ins Beet zu tun.

Spatenstich zum neuen Gartenglück – was tut man nicht alles für die Kind- und Kindeskinder…

Das neue Gartenbeet haben wir gemeinsam mit den Kindern eingesät und bepflanzt.

Kartoffeln, Salat, Kohlrabi, Radieschen, Rettich und Zwiebeln.

Trotz kleiner weisser Raupen, die ein paar Setzlinge anknabberten, ist fast alles gewachsen. Der erste Salat ist gegessen und die Radieschen sind riesig geworden, einige grösser als ein Fünffrankenstück. Zusammen mit meiner niedlichen Enkelin haben wir sie aus der feuchten Erde gezogen.

Sie wollte ein grosses, ein mittleres und ein kleines Radieschen haben. Um ihren Schulkameraden zu zeigen, wie schön Radieschen wachsen.

Ihre Begeisterung und ihre Freude, das allein war die ganze Anstrengung schon wert. Und gerade habe wir den ersten Rettich geerntet.

Und die Blumen?

Und die Blumen? Die sind geblieben. Trotz Babyenkel, der gerne daran zupft.

Die Blumen sind geblieben. Ein Blumengarten mit angrenzendem Beet, in dem die Kartoffeln zu blühen beginnen. Geht doch.

Es sieht toll aus. Lavendel, Rittersporn, kleine Rosen, Phlox und Lilien.

Mein kleiner Enkel griff mit seinen Patschhändchen fasziniert nach den wunderschönen Lilien, als ich ihn auf dem Arm hielt.

Gut, dass ich die Blumen nicht geopfert habe.

 

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Redaktionsassistentin, Autorin, Mutter von drei erwachsenen Kindern und Stiefoma einer Schulkind-Prinzessin. Schamgefühle sind nach so einer Mutter-Karriere wie der ihren kein grosses Thema mehr. Sie hat nicht immer Recht. Aber sie liegt selten falsch.

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