Mama kriegt kein Merci!

«Es ist wirklich eine Katastrophe! Wenn ich mir vorstelle, was ich alles für die Kinder tue! Und nichts, aber auch gar nichts kommt zurück!»

Die Arme! Sie tat mir richtig leid! Man konnte gar nicht anders. Ich musste zuhören. Ihre Stimme klang anklagend, vorwurfsvoll, aufdringlich und laut:

«Ich sagte zu ihnen, ich sei wohl eine ganz schlechte Mutter! Ob ihnen denn nicht klar sei, was ich alles für sie tue? Ich drucke für sie aus, mache alles für sie, bin immer da, renne herum und besorge alles, und sie? Nichts kommt zurück! Nichts! Kein Dankeschön. Also sagte ich ihnen nochmals, ich hätte bestimmt ALLES falsch gemacht! Am besten wäre es, wenn ich mal drei Wochen weggehen und sie allein lassen würde. Dann müssten sie selber gucken, wie sie zurechtkommen, sagte ich ihnen, dann tue es ihnen dann sicher leid. Dann würden sie endlich merken, was sie an mir haben und schätzen, was ich für sie alles erledige! Dann meinten sie aber, nein, nein, das stimme nicht, ich sei die beste Mama der Welt! Ich musste sie aber deutlich fragen, warum ich denn davon so gar nichts merken würde? Ich fand es in Ordnung, ihnen meine Gefühle mal so richtig zu offenbaren. Ich sagte ihnen, dass mir auch ihre dauernden Streitereien auf den Keks gehen und es cool wäre, von ihnen etwas zurück zu kriegen! Das wäre das Mindeste!»

Am Nachbartisch sitzend hatte ich zugehört, wie die eine Mutter der andern Mama lauthals die Ohren voll jammerte, so dass das ganze Café mithören konnte. Ich seufzte. Sie tat mir irgendwie leid. Was sie wohl von den Kindern genau erwartete? Anerkennung? Jeden Tag ein Lob? Für jede gewaschene Unterhose ein fettes Dankeschön?

Als alter Mutterhase dachte ich mir: «Vergiss es einfach!»

Die Jahre mit Teenagern sind anstrengend. Die jungen Leute sind ja mit sich selbst noch nicht im Reinen und auf der Suche nach sich selbst. Sie sind in der Ausbildung, sind schlaksig, sie kriegen das Gesicht voller Pickel und fettiges Haar. Jetzt lernen sie die Wirkung von Alkohol kennen und verlieben sich vielleicht das erste Mal heftig. Freunde sind wichtiger als die Familie. Man geht möglichst oft aus und hat keinen Bock auf Hausaufgaben und ein aufgeräumtes Zimmer.

Jetzt als Mutter Dankbarkeit zu erwarten, ist das Dümmste, was man tun kann.

Sie aber vielleicht mal eine Weile selbständig gewisse Dinge managen lassen, warum nicht? Verhungern werden sie bestimmt nicht, das wusste ich aus eigener Erfahrung. Das Haus werden sie wahrscheinlich auch nicht gleich abfackeln.

Ungefragt mischte ich mich deshalb in das Gespräch ein. Frauen sollten ja zusammenhalten:

«Sie haben Recht! Das wird Ihnen und den Kindern nicht schaden, mal ein wenig wegzugehen und sich etwas zu erholen. Die werden schon klarkommen! Ich hab das auch getan und das ging ganz gut.» Und dann gab ich ihr gleich noch ein paar Adressen von tollen Hotels mit Wellness-Angeboten im Elsass und im Tirol weiter. Sie wirkte aber seltsamerweise leicht irritiert. Ich liess mich davon nicht beirren.

Mütter haben immer Probleme mit dem Loslassen.

Das ging mir nicht anders. Spriessen aber die ersten Bartstoppeln ist es höchste Zeit, sich in weniger Fürsorglichkeit zu üben.

In meiner Vorstellung sah ich sie in einer Sauna hockend und wie sie sich danach den Stress von daheim von einem muskulösen Masseur genüsslich weg kneten lässt. Unterdessen leeren zuhause ihre Teenager den Kühlschrank, ignorieren das von der Mutter liebevoll vorbereitete, gesunde Essen, weil sie schlicht zu faul sind, die Mikrowelle zu benützen. Sie nehmen lieber einen Joghurt oder holen sich einen Döner. Sie giessen auch die Blumen nicht, wie Mama angeordnet hatte. Sie vergessen es einfach.

Denn, mal ganz ehrlich – welcher Teenager denkt schon an Blumen und Zimmerpflanzen?

Sie gucken bis morgens um zwei Uhr fern oder gamen, bis der Morgen graut. Sie trinken Papas Bier und feiern mit Freunden. An die Mutter verschwenden sie keinen einzigen Gedanken.

Während ich der so lieblos von ihren undankbaren Kindern ausgenützten Mutter weitere Urlaubstipps gebe, bilden sich auf ihrem Hals rote Flecken. Und so frage ich einer plötzlichen Eingebung folgend die eben noch sehr aufgebrachte Mama, die so wenig Aufmerksamkeit kriegt und sich so furchtbar leid tut, wie alt ihre Kids denn eigentlich seien?

Ihre Antwort hat mich fast umgeworfen. Ernsthaft. Sie sagte:

«Acht und neun!»

 

 

 

 

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Dies ist kein Aufruf für...eine dieser hippen Hilfskonvois auf den Sozialen...Medien!
Und vielleicht ist es naiv,...zu glauben, mit vier Stutz könne ich die Welt...retten. Ich kann sie nicht retten. Aber ich kann...sie hoffentlich etwas besser machen. Und ihr...könnt das auch. Die App...findet ihr unter...ShareTheMeal.org. Einloggen, Paypal oder Karte...bereit haben, Team #mamasunplugged eingeben (oder...ein eigenes Team gründen) und Essen...kaufen. Merci fürs Teilen.

Redaktionsassistentin, Autorin, Mutter von drei erwachsenen Kindern und Oma einer Schulkind-Prinzessin und eines süssen kleinen Enkels. Schamgefühle sind nach so einer Mutter-Karriere wie der ihren kein grosses Thema mehr. Sie hat nicht immer Recht. Aber sie liegt selten falsch.

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Ein Kommentar zu “Mama kriegt kein Merci!

  1. Liebe Marianne

    Schöner, lesenswerter Beitrag. Ich bewundere dich für deine Courage, diese Mutter direkt anzusprechen. Du hast ihr den Spiegel vorgehalten. Ich hoffe, sie hat es verstanden und trägt demnächst mehr Sorge für sich selbst.

    Liebe Grüsse
    Anita

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