Eine Weihnachtsgeschichte

Maltes Weihnachtskarte

 

Vorsichtig lenkte Malte den Wagen durch die kleine Quartierstrasse. Es hatte geschneit und war glatt. Aus dem Autoradio erklang schon wieder dieses «Last Christmas, I gave you my heart», und er schüttelte merklich den Kopf. Was für ein Lied. Seit Jahren wurde in der Weihnachtszeit darüber gelästert und doch hörte man es ständig. Er seufzte. Weihnachten.

Ihm graute vor den bevorstehenden Feiertagen.

Er stellte den Wagen in die Garage und trat ins Haus. Kaum stand er in der Küche, überraschte ihn Silke damit, dass Linus angerufen habe. Er sei an Weihnachten nicht da. Er werde mit Freunden in den Bergen beim Skifahren sein. Sie schien leicht bekümmert.

«Na, das kommt halt so, die Kinder sind erwachsen, gehen ihre Wege, und dann sind ja noch die andern, die werden ja sicher hier sein an Heilig Abend!» Aufmunternd blickte er sie an und griff nach dem Besteck.

Es kam anders. Total anders.

Auch Julian rief an, er sei an Weihnachten nicht hier. Er werde nach London fliegen, um die Eltern seiner Verlobten zu sehen. Silke hatte nicht damit gerechnet. Die beiden waren doch erst im Herbst in London gewesen.

Zwei Tage vor Weihnachten, als Silke gerade ihren Weihnachtsbaum fertig dekoriert hatte, stürmten Svenja und Anja ins Haus. Mit den Zwillingen, die studierten und zusammen in der Stadt eine kleine Wohnung hatten, kam der Geruch von Schnee und Frost mit.

Mit vor Kälte roten Gesichtern erzählten sie, dass sie an Weihnachten nach Berlin fahren würden, um sich die Stadt anzusehen und ihre Freundin zu besuchen. Sie seien dann also nicht da und sie sollten nicht traurig sein, und hier seien schon mal die Päckchen. Papa möge den Familienstress an Weihnachten ja eh nicht. Und nun müssten sie gleich wieder gehen, ihre Freunde warteten auf sie.

Zurück blieben ein verdatterter Malte und eine verstörte Silke, die bis hierhin versucht hatte, Haltung zu bewahren.

Nun aber brach sie in Tränen aus, ging in ihr Zimmer und schloss die Türe zu.

Malte wusste nicht, was er tun sollte. Das wusste er nie, wenn eine Frau in Schwierigkeiten war. Er fühlte sich gerade total hilflos. Er musste erst einmal nachdenken.

Malte ging in die Bibliothek und trat ans Fenster. Es war dunkel geworden, und es schneite immer noch. Er knipste die kleine Lampe an. Weihnachten hatte er stets stressig gefunden. Heilig Abend daheim mit den Kindern, das war immer ganz okay gewesen.

Er erinnerte sich gerne an die leuchtenden Kinderaugen.

Aber der erste und der zweite Weihnachtsfeiertag hatten ihm jedes Jahr Unbehagen verursacht. Dann besuchten sie jeweils ihre Eltern und Schwiegereltern. Sie gingen das Jahr über nur selten hin, und so sahen sie es als ihre Pflicht, wenigstens an Weihnachten aufzukreuzen. Malte wäre aber lieber daheim am Rechner gesessen oder hätte ein Buch gelesen. Silke hätte lieber genäht oder geschlafen. Sie beklagten sich über diese Familienpflichten mit den Eltern, dem Stress mit der Fahrerei und über das viele Essen. Nun lebten nur noch die Mütter. Die alten Damen an Weihnachten alleine zu lassen, das war aber gegen die Konventionen.

Es war ihnen doch wichtig, gewisse soziale Normen einzuhalten, um nicht als lieblos oder egoistisch zu gelten.

Silkes Familie fand Malte ätzend. Der Schwager war nervig, der war ein Angeber. Malte fühlte sich dann in die Ecke gedrängt. Und seine eigene Mutter fand er böse und hart. Wenn er an Weihnachten bei ihr war, dann zog er sich deshalb immer für ein, zwei Stunden ins Nebenzimmer zurück. Er machte auf dem Sofa ein Nickerchen und konnte so Fragen und Diskussionen ausweichen und den Besuch verkürzen. Er überliess es den andern, sich mit Mama zu unterhalten. Malte hatte sich nie die Mühe gemacht, eine wirklich gute Beziehung zu seinen und Silkes Verwandten aufzubauen. Sie waren für ihn lästige Anhängsel. Er kritisierte lieber gerne das, was ihm an ihnen nicht gefiel. Hier fand sich immer etwas.

Malte machte sich nie Gedanken, warum Menschen waren, wie sie eben waren.

Das war nicht sein Ding. Er wollte weder ihre Geschichten noch ihre Schwierigkeiten hören. Er wollte einfach nur seine Ruhe haben und sich mit sich selbst und seinen Dingen beschäftigen. Und wenn er doch einmal eine Geschichte zu Ohren bekam, dann wusste er nichts Besseres zu tun, als dem Betreffenden zu sagen, was man falsch gemacht hatte.

Von seiner Mama, die als junges Mädchen den Krieg erlebt hatte, wusste er nichts. Sie erzählte nichts, und er fragte nicht, das fand er zu intim.

Seine Mutter hatte er nur als sehr strenge Frau in Erinnerung, die darauf bedacht war, dass seine blütenweissen Hemden sauber blieben.

Nie kam ihm in den Sinn, dass sie als junges Mädchen vielleicht Furchtbares erlebt oder mitangesehen hatte und sie deshalb so geworden war. Um zu überleben. Und dass es ihr nach all dem Elend wichtig war, dass ihre Kinder es besser, ordentlich und sauber hatten.

Zahllose Gedanken schwirrten ihm nun im Kopf herum. Silke und er würden Weihnachten zum ersten Mal ohne ihre Kinder verbringen müssen. Ohne die Kinder? Das tat irgendwie doch weh. Den Kindern schienen die Eltern nicht zu fehlen. Wie denn auch? Wo er doch vor ihnen immer darüber gemosert hatte, wie mühsam er Besuche an Feiertagen bei Eltern und Schwiegereltern fand. Dieser ganze Verwandten- und Geschenkekram. Das hatten sie wohl aufgesogen wie ein Schwamm.

Malte fühlte eine Welle grossen Unmuts in sich aufsteigen.

Darüber, dass die Kinder einfach wegblieben. Unmut darüber, dass er es selbst nicht besser gemacht hatte. Auf einmal fiel ihm siedend heiss ein, dass die Eltern es doch gemerkt haben mussten, dass ihnen die Besuche zuwider waren. Er war immer mies drauf und Silke reizbar, die Kinder weinerlich, und als grösser wurden, versteckten sie die Köpfe dann hinter dem Smartphone. Malte wurde auch oft ungehalten, wenn die Geschenke von Eltern und Schwiegereltern nicht so ausfielen, wie er das erwartet hatte. Ihm wurde plötzlich ganz seltsam.

Hatte seine Mutter nicht wie alle Mütter dieser Welt versucht, das Beste zu geben, und es gut zu machen? Wie Silke auch? Hatte die Mama nicht zahllose Lebensjahre in die Familie investiert? Und ihn reute jede Minute, die er mit ihr verbringen musste. Hatte sie nicht auch ein wenig Aufmerksamkeit, Dankbarkeit und Wertschätzung verdient?

Auf einmal sah er seine betagte Mutter vor sich, wie sie nach so einem Besuch weinend in ihrer kleinen Stube sass, die Hände vor den Augen, und wie heftige Schluchzer sie schüttelten.

Malte wandte sich vom Fenster ab und ging zur Türe. Er klopfte leise an Silkes Zimmertüre und trat ein. Sie lag auf dem Bett und hatte verweinte Augen. Er setzte sich zu ihr und fasste nach ihrer Hand.

«Silke, es tut mir leid, ich bin schuld, dass die Kinder wegbleiben. Ich lag vermutlich falsch.» Sie sprachen lange zusammen. Dann erklärte er ihr, was er in Zukunft anders zu machen gedenke.

So kam es also, dass Malte und Silke an Heilig Abend zum ersten Mal alleine waren. Sie gingen zusammen in die Kirche, um sich weniger allein zu fühlen. Der Pfarrer sprach über das Kind in der Krippe, das auch zweitausend Jahre nach seiner Geburt noch immer das allergrösste Geschenk verkörpert, das der Menschheit je zuteil wurde.

Er sprach von Liebe und Vergebung, von Trost und Freude.

Wieder daheim, kochten sie zusammen ihr Lieblingsgericht, tranken ein Glas Rotwein und hörten Weihnachtsmusik. Dann setzten sie sich auf die Couch und schauten in die brennenden Kerzen. Irgendwann holte Malte ein rosa Päckchen hervor und überreichte es Silke.

«Wir haben doch abgesprochen, dass wir uns nichts schenken? Was soll das? Ich habe kein Geschenk für dich!» Ungehalten, ja fast zornig klang Silke. Silke konnte einfach nichts annehmen, ohne zu meinen, etwas Gleichwertiges zurückgeben zu müssen.

Malte legte ihr den Finger auf den Mund und drückte sie an sich.

«Sei still. Mir wurde die Tage bewusst, was ich an dir habe. Und dass ich dir das viel zu wenig sage. Danke für alles, was du für mich tust, für die Kinder getan hast, und dass du mich und meine Macken erträgst. DU bist mein Weihnachtsgeschenk. Ich liebe dich. Und jetzt mach auf!» Sie öffnete das Päckchen und dann brach sie in Tränen aus, als sie das schöne Schmuckstück erblickte.

Malte blickte sie an und wusste er, dass es richtig gewesen war, ihr ein Geschenk zu kaufen.

An Weihnachten fuhren Silke und Malte zu Silkes Mutter. Malte überreichte seiner Schwiegermutter lächelnd einen wundervollen Strauss an der Tür und sagte zu ihr: «Das ist für die tolle Schwiegermutter, die mir die beste aller Frauen beschert hat!» Silkes Mutter blieb der Mund offen, und dann wischte sie sich eine Träne weg und zog ihren Schwiegersohn an die Brust: «Schön hast du das gesagt. Ich hab dich lieb. Kommt rein!» Und dann wurde daraus ein ganz wunderbarer und angenehmer Nachmittag, wie es Malte und Silke so noch nicht gekannt hatten.

Am zweiten Weihnachtsfeiertag fuhren sie zu Maltes Mutter. Auf dem schönen, weihnächtlichen Blumengesteck, das ihr Malte überreichte, fand die Mama eine Karte. Darauf stand in Maltes Handschrift:

«Liebe Mama, ich war nicht immer der beste Sohn. Und es ist an der Zeit, dir danke zu sagen für alles, was du für die Familie, für mich getan hast. Es ist schön, dich zu haben. Dein dich liebender Malte.»

Die Mutter brach in Tränen aus und es dauerte einen Augenblick, bis sie sich gefasst hatte. Malte war erschüttert. Er hatte seine Mutter noch nie weinen sehen. Was hatten diese wenigen Worte der Liebe und des Dankes ausgelöst. Die Mutter stellte die Karte vorsichtig auf die Anrichte und lächelte Malte an. Ihre strengen Züge waren sichtlich weich geworden. Mit feuchten Augen sagte sie: «Vielen Dank Malte. Und nun trinken wir Kaffee. Ich habe deine Lieblingstorte gebacken.»

Es war ihre Art, ihm ihre Liebe zu zeigen, genau so wie mit den weissen Hemden, damit er ein adrettes Bürschchen war.

Und er hatte das nie verstanden.

Malte verzichtete auf den üblichen Mittagsschlaf. Er bemühte sich, der Mutter Zeit zu widmen und mit ihr zu reden. Zum ersten Mal in ihrem Leben erzählte sie Sohn und Schwiegertochter von den schweren Zeiten in ihrem Leben. Dinge, die bisher keiner gewusst hatte. Malte musste schlucken und Silke wischte eine Träne weg. Dann drückten sie die Mama ans Herz.

Als Malte mit seiner Frau heimwärts fuhr, musste er gestehen, dass der Tag spannungsfrei gewesen war. Seufzend sagte er:

«Ich war einfach selbst schuld, dass es nie so war, wie ich es mir wünschte. Es ist Einstellungssache. Ich war immer schlecht drauf, weil es mich reute, Zeit mit den Eltern zu verbringen. Mein Verhalten war ziemlich daneben. Erst jetzt, wo unsere Kinder auch nicht da waren, musste ich erfahren, wie sehr man sie vermisst, und wie sehr unser Handeln unseren Eltern weh getan haben muss.»

Silke tätschelte tröstend seinen Arm. Sie hatten es versifft, aber sich vorgenommen, es ab jetzt besser zu machen. Hatte der Pfarrer nicht gesagt, dass es Weihnachten gibt, weil man diesen Erlöser braucht, der im Stall zur Welt kam? Dass es Vergebung und Neuanfang gibt?

Sie hatten sich bei den Müttern entschuldigt, und bedauert, dass sie das bei den Vätern nicht mehr tun konnten. Und sie nahmen sich vor, auch noch mit den Kindern zu reden und sich für ihr Verhalten zu entschuldigen.

Sie hatten ihren Nachwuchs arg vermisst, dennoch waren es gute Tage gewesen.

Beide fühlten sie einen inneren Frieden wie schon lange nicht mehr.

Drei Tage nach Weihnachten fand Maltes Schwester die Mama tot in ihrem Bett. Ihre Lippen umspielten ein friedliches Lächeln. In ihren Händen hielt sie die schöne Weihnachtskarte ihres Sohnes fest umklammert.

Sie liessen sie dort und trugen Maltes Mama damit zu Grabe.

Geschichte zum Herunterladen – Maltes Karte

Redaktionsassistentin, Autorin, Mutter von drei erwachsenen Kindern und Stiefoma einer Schulkind-Prinzessin. Schamgefühle sind nach so einer Mutter-Karriere wie der ihren kein grosses Thema mehr. Sie hat nicht immer Recht. Aber sie liegt selten falsch.

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