Ab welchem Alter dürfen Kinder eigentlich entscheiden, was sie anziehen?

Es ist Frühling. Ach was, Sommer.
Noch hängen vereinzelt winterliche Accessoires in unserer Garderobe. Denn der Wechsel von Schnee zu Blütenpracht erfolgte gefühlt innert weniger Tage. Und während ich Sommerkind mich bereits an die neuen Temperaturen adaptiert habe, ja, ihnen mit T-Shirt, luftiger Hose und Espadrilles und bleichen Hautpartien begegne. Währenddessen hat mein Threenager so seine Mühe, sich der Wetterlage entsprechend zu kleiden.

Ist ja nicht so, dass sich das Kind selbst anziehen müsste!

Eigentlich bin ich als Erziehungsverantwortliche auch für die standesgemässe Bekleidung meines Kindes zuständig. Denke ich.

Doch mein Kind denkt anders.

Der Kampf beginnt bereits bei den Unterhosen. Mal will sie diese, mal die anderen. Aber ganz sicher nicht die, dich ich ihr gerade hinhalte. Warum auch immer die gerade falsch sind. Sie sind einfach nicht die richtigen.

Einen klar erkennbaren Algorithmus, welche denn wann die richtigen wären, habe ich bisher nicht ausmachen können. Leider.

Dieses Szenario wiederholt sich dann bei jeden weiteren Kleidungsstück (notabene auch den Socken). Und wenn ich das Kind dann völlig entnervt heisse, sich selbst die Kleider holen zu gehen, kommt sie zurück mit einem derartigen Muster- und Materialmix, in der Regel zwei- bis dreilagig, dass mein Herzchen kurz aussetzt. Ich mich frage, ob ich ihr und mir dieses Outfit wirklich zumuten darf. Befürchte, aus unterschiedlichen Gründen von unterschiedlichen Bevölkerungsschichten gesteinigt zu werden, würde ich so mit ihr aus dem Haus gehen. Und begrabe gleichzeitig mein Bild von meinem «Mädchen aus dem Bilderbuch».

Wobei, mein Mädchen könnte man vielleicht noch bei Ronja Räubertochter ansiedeln. Was irgendwie cooler tönt, als es ist, wenn man mit Ronja Räubertochter an der Hand durchs Einkaufszentrum spaziert.

Ab wann darf ein Kind selber entscheiden, was es anzieht? Mit drei? Echt jetzt?

Hier schon. Zumindest manchmal. Zumindest teilweise.

Denn zuweilen fehlen mir schlicht Zeit und Nerven, um solche Endlos-Debatten auszutragen. Zudem schätze ich ja eigentlich Menschen, die eine eigene Meinung haben und diese auch vertreten. Alles gut. Könnte man meinen.

Doch jetzt der Sommer.

Mit seinen Röckchen, Shorts, T-Shirts, luftigen Hosen und dem erweiterten Schuhsortiment. Das birgt nicht nur viele neue Kombinationsmöglichkeiten. Sondern auch neue Herausforderungen.

Denn wie ich herausgefunden habe, sieht das Kind Kleidungsstücke nicht als etwas, was auch funktionale Bedeutung hat. Nein. Kleider sind in erster Linie zum Bekleiden (oder Verkleiden) da. Sie haben schön zu sein, müssen Spass und Freude machen. Womit das Kind so unglaublich recht hat. Weshalb ich mir alle meine Kommentare wie ‘Zu viele Muster verderben den Anblick’ erspare. Ja, ich habe mich mit Ronja Räubertochter angefreundet und nehme sie auch dann mit ins Einkaufszentrum, wenn ihr Look nicht meinen Vorstellungen entspricht. Im Gegenteil, ich bin sogar stolz darauf. Wie sie mit wehender Sturmfrisur, wehenden Rüschen und Röcken ihr Laserschwert schwingend durch die Gänge hüpft.

Blöd nur, wenn das Wetter und die Funktionalität des Gesamtlooks total divergent sind. Verständliches Adaptionsproblem bei solchen Temperaturwechsel im Akkord.

Sei es, dass der Morgen noch so frisch, dass kurze Hose, Trägershirt und Sandalen einfach nicht tolerierbar sind. Oder die Nachmittagssonne so heiss, dass die Winterjacke oder -Mütze schlicht ein gesundheitliches Risiko darstellen.

Ich bin gechillt.

Wirklich.

Ich überlasse so viel wie möglich einfach dem Schicksal.

Inzwischen ist das Kind gross genug, um die eigene Körpertemperatur zu spüren und entsprechende Gegenmassnahmen zu ergreifen, sollte sie zu tief oder zu hoch ausfallen. Und falls nicht, habe ich immer noch das mütterliche Veto-Recht.

Nun fehlt nur noch etwas.

Denn weniger gechillt bin ich mit den aus diesem Verhalten resultierenden Wäschebergen. Nicht, dass ich alles immer sofort waschen müsste. Aber noch hat das Kind nicht gelernt, die Kleider entsprechend gefaltet an ihren Ursprungsort im Schrank zurück zu legen. Auch nicht, sie wenigstens annähernd auf einem Haufen zu platzieren.

Bei den aktuell unendlich vielen Outfitwechsel finde ich unendlich viele Kleidungsstücke aller Arten und Farben und Formen an allen Orten der Wohnung. Und mit jedem Auffinden eines Kleidungsstücks wird mir klarer: Selbstbestimmt lebt das Kind eben doch erst, wenn es in der Lage ist, das Outfit zu wählen, zu tragen und es dann zumindest wieder wegzuräumen. Und das – so glaube ich, wenn ich Mütter mit TEENagern zuhöre – könnte noch etwas dauern hier.

 

Bild: Picsea | Unsplash

Hat nicht nur den Master in Psychologie. Sondern ist auch Master im Desaster, was ihr als Aufsichtsperson eines Vier-, einer Zweijährigen und eines Babys sehr gelegen kommt. War mal Journalistin in Zürich, jetzt ist sie freischaffende Mutter in Bern.
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