Sieben Leben

Dass ich die Fortsetzung zu der Flüchtlingskinder-Geschichte erst jetzt schreibe, sagt eigentlich schon alles. Unser Leben steht Kopf.

Früher baute man mit seinen Kindern Türmchen. Liess die mutwillige Zerstörung geschehen. Baute sie wieder auf. Liess sie wieder zerstören. Heute fragt man sich, wie man für solche Endlosschleifen der Sinnlosigkeit Zeit gefunden hat und trotzdem immer im Stress war.

Jetzt gibt man zusätzlich noch Deutschunterricht, Kulturstunden, veranstaltet Koch-Orgien. Ohne Schweinefleisch, dafür mit ungezählten Fladenbroten und Ketchup. Massenweise Ketchup.
Man diktiert in ungewohnter Häufigkeit die selbstverständlichsten Handlungen. Wie das Hinsetzen beim Essen. Das Zähneputzen danach. Das Aufladen eines Handys. Das Nicht-Abschlagen-Sollens seiner Brüder.

Früher lief man durch die Stadt und hoffte inständig, dass die Kinder nicht von Schreikrämpfen heimgesucht werden und die Blicke aller auf sich ziehen. Heute verfolgen einen die musternden Blicke so oder so. Wie eine 11-jährige den Justin Bieber.

Unser Leben steht Kopf. Aber es ist fantastisch.

Ohne Zweifel war es waghalsig, Flüchtlingskinder in unsere Familie aufzunehmen. Aber in unserem Haus wohnen seit letzten Samstag drei fantastische Jungs. Noch nie habe ich junge Menschen getroffen, die derartig lernbegierig, fleissig, hilfsbereit, herzlich sind und sich dermassen um die Familie sorgen. Noch nie wurde ich beim UNO spielen so beschissen und noch nie musste ich das Essen derart scharf würzen. Noch nie durfte ich die Fenster nicht zum Lüften öffnen, weil ein Kind Angst vor Scharfschützen hatte. Noch nie habe ich so viel Lebenswille und Schmerz auf einmal gesehen.

Noch nie war ich so überfordert.

Noch nie so sicher, dass die Entscheidung die Drei aufzunehmen die absolut richtige war. Auch wenn sie ständig vergessen die Zähne zu putzen. Das war mein Stichwort.

Ich habe da noch etwas zu erledigen…

 

Bild: Annie Spratt (Unsplash)

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Mirjam ist Mitgründerin von Mamas Unplugged und zog dann aus, um mit ihrer Familie die Welt zu bereisen. Aktuelle Blogs von ihr findet ihr auf www.familiemettler.ch

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