Enkeltag: Der Apfel fällt nicht einfach so vom Stamm

Manchmal fallen zwei Dinge auf einen Tag. Äpfel verwerten und Enkeltag.

Was dann?

Enkel kann man nicht tiefkühlen und schon gar nicht ruhig stellen, während man zu tun hat.

Da war aber diese riesige Menge Fallobst. An meinem Enkeltag. Das Obst konnte ich nicht einfach verderben lassen.

Das Baby im Laufstall brabbelte schon mal zufrieden vor sich hin und versuchte, sein Spielzeug zum Quietschen zu bringen. Meine Enkelin aber wollte gerade damit beginnen, sich zu langweilen.

Sollte ich mit dem Schälen und Trocknen der Äpfel beginnen? Was, wenn die Kinder dann den ganzen Vormittag quengeln würden?

Eine Idee musste her, aber fix.

Der Kleinen bot ich einen Schemel an, damit sie mir zugucken konnte. Dann fragte ich sie, ob sie die in Schnitze geschnittene Äpfel für mich auf das Trockensieb legen möchte?

Zuerst fand sie das nicht sehr reizvoll.

Kinder mögen keine langweiligen Sachen. Dem muss man manchmal Rechnung tragen.

Langeweile muss man lernen auszuhalten. Nun war das jetzt nicht der Moment. Die Äpfel waren eingedellt, wurmstichig, und was noch gut war, würde bald verderben. Ich schlug vor, dass sie die trockenen Apfelschnitze dann haben dürfe. Die seien praktisch für die Znünibox.

Dann fiel mir etwas ein.

«Guck mal, ein Wurm hat diesen Apfel angebissen, ach, der arme Jakob!»
«Der Apfel hat einen Namen?» – «Ja, jeder Apfel hat einen Namen!»
«Woher weisst du das?» – «Der Apfelbaum gehört mir, nicht dem Opa. Ich habe ihn von einer Freundin zum Geburtstag geschenkt bekommen. Der Baum gehört zur Familie.» Das akzeptiere sie kommentarlos. Ja, es ist mein Baum. Ich liebe ihn.

«Aha. Und haben die Äpfel manchmal Streit mit dem Baum?»
«Klar, kann vorkommen. Wie in jeder Familie.» Ich nahm den nächsten Apfel, um ihn zu schälen und in gleichmässige Schnitze zu schneiden.

«Wie heisst der Apfel?» «Das ist der Toni.»

«Und, hatte der Toni auch schon Ärger mit dem Apfelbaum?»

«Ja. Weil der immer auf seinem Ast rauf und runter hüpfte. Der konnte einfach nicht stillsitzen. Kam eine Biene oder ein Schmetterling, hüpfte er wie wild vor Freude auf und ab. Das nervte dann die andern Äpfel. Einigen wurde es schlecht, andere kriegten Kopfschmerzen. Also sagte der Baum zum Toni, es sei wohl besser, dass er vom Baum gehe, bevor die andern ihn runterschubsen würden. So sprang der übermütige Toni vom Baum und fiel mit Absicht auf deine Mama, die lesend darunter lag. Dann habe ich ihn geholt, und jetzt machen wir getrocknete Apfelschnitze aus dem Toni.» Ein Bekannter heisst Toni. Hoffentlich liest er das hier nicht. Der Apfel erinnerte mich aber irgendwie an ihn.

Mit rührender Sorgfalt legte meine Enkelin die Toni-Schnitze auf das Sieb.

«Und wie heisst dieser Apfel hier?» – «Das ist die Emma.»

Ein Apfel namens Emma. Was sind Omas doch kreativ. Ich staunte über das, was mir alles einfiel. Das Schälen schien einen Kreativitätsschub auszulösen.

«Emma hatte auch schon Streit mit dem Baum?»

«Hm, Emma. Die Emma, die war nicht zufrieden mit ihrem Platz auf dem Baum. Sie war ein wenig eitel, und fand, ein Platz ganz oben in den Zweigen hätte besser zu ihr gepasst. Stattdessen hing sie in den untersten Ästen. Sie beschwerte sich dauernd beim Baum. Er versuchte ihr zu erklären, dass das jetzt einfach ihr Platz sei, und dass er da auch nichts ändern könne. Sie gab aber einfach keine Ruhe, jammerte, dass sie keine schöne Aussicht und viel zu wenig Licht hatte. Der Baum versuchte ihr die schönen Seiten zu zeigen, indem er sie darauf hinwies, dass sie den Blick frei auf den tollen Blumengarten von Oma hatte, dass sie die Gänseblümchen und Menschen unter dem Baum gut sehen konnte. Er meinte auch, sie könne doch prima beobachten, wie die Schnecken über den Rasen rasten. Es nützte aber alles nichts. Leute, die ständig jammern, würden ihn arg nerven, meinte der Baum. Es sei wohl besser, ihren Platz zu verlassen und von ihm zu gehen. Sie störe nur das Betriebsklima.»

Meine Enkelin stellte die rasenden Schnecken nicht in Frage. Was sind Kinder doch cool. Ich atmete auf. Zwei Trockensiebe waren schon voll. Der Wortschatz der Enkelin war zudem um den Begriff «Betriebsklima» erweitert worden. Ich fand mich selbst toll.

«Und der hier, der hat auch einen Namen?»

«Das ist der Johnny. Der sang dauernd auf dem Baum. Er sang wie Johnny Cash. Weisst du, wer Johnny Cash war? Muss ich dir mal abspielen. Also, der Johnny, der sang wie Johnny Cash, so richtig mit rauchiger Stimme. Das mochte aber nicht jeder. Es gab einige, die es lieber hatten, wenn man jodelte. Jodeln auf dem Baum sei passender als Johnny Cash. Und weil sich die Äpfel nicht einig werden konnten, und nicht alle Johnnys Musik mochten, ging der Johnny beleidigt vom Baum.»

«Und wie heisst dieser Apfel hier? Ist das auch einer, der Streit mit dem Baum hatte?»

«Ah, das ist der Tim. Der Tim hatte Höhenangst. Diese roten Backen bekam er vor lauter Panik. Er mochte es nicht, zuoberst auf dem Baum zu hängen. Schien die Sonne, brannte sie gnadenlos auf ihn. Regnete es, wurde er als erster nass. Kam Wind auf, dann schüttelte es ihn am heftigsten. So hatte er ständig Stress und konnte sich gar nicht über die tolle Aussicht freuen. Er solle doch einfach Wind, Sonne und Regen geniessen, meinte der Baum. Dem Tim aber wurde immer schwindlig, wenn er in die Runde und nach unten blickte. Dann kam doch vorgestern dieser Sturm und da wurde es Tim so schlecht, dass er vom Baum fiel.»

Inzwischen war ich heiser, die neun Siebe voll und meine Finger braun vom Obstsaft. Es war geschafft.

Zufrieden begutachteten wir unser Werk. Ich war fix und fertig. Gefühlt hatte ich hundert Geschichten erzählt. Von Max, der zu viel tratschte und immer alles verdrehte. Von Olaf, der so geizig war und nichts von Grosszügigkeit hielt und nichts annehmen konnte, weil er meinte, es dann zurückgeben zu müssen. Von Lisa, die oft gemein war und gerne stichelte. Und von Isabelle, die so reizend war, dass alle sie gern hatten. Von Laura, die es schrecklich fand, wenn man log, und von Mara, die immer ehrlich und hilfsbereit war. Von Kevin, der stur und eigen war und immer alle kritisierte, aber es nicht mochte, wenn man ihm sagen musste, er liege auch mal falsch. Und der auch noch eine Schwäche für die schönen Apfeldamen hatte. So, dass der Baum sie vor dem Kevin warnte, der von sich meinte, er sei ein Frauenversteher. Der aber nur viel Kummer, Ärger und Herzeleid verursachte. So, dass der genervte Baum ihn schlussendlich vom Ast warf.

«Oma, was ist ein Frauenversteher?»

Ich tat mein Bestes, das altersgerecht und regelkonform zu erklären. Dann legte ich das Schälmesser weg.

Das niedliche Baby bekam seinen Brei, meine kostbare Enkelin ein Eis und ich den wohlverdienten Kaffee. Zufrieden lümmelten wir auf dem Sofa herum. Zwei Dörrapparate verströmten behagliche Wärme im Haus und ein süsslicher Duft zog durch die Räume. Wir wurden müde und dösten ein.

Im Halbschlaf fiel mir ein, dass ich neun Trockensiebe lang der Enkelin gerade mindestens das halbe zwischenmenschliche Leben und Sozialverhalten erklärt hatte.

Und – was für ein wahnsinniger Stress mein Apfelbaum mit all seinen ungezogenen, jammernden, quengelnden und wilden Äpfeln gehabt haben musste.

Bild: Emma van Sant Unsplash

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Redaktionsassistentin, Autorin, Mutter von drei erwachsenen Kindern und Oma einer Schulkind-Prinzessin und eines süssen kleinen Enkels. Schamgefühle sind nach so einer Mutter-Karriere wie der ihren kein grosses Thema mehr. Sie hat nicht immer Recht. Aber sie liegt selten falsch.

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