Eine grosse Kunst. Mit Kindern im Kunstmuseum

«What the heck will ich mit K1 und K2 in einem Kunstmusem?» So wie ich meine Kinder kenne, würde das Museum nach zwei Stunden schliessen und renovieren müssen.

Kunst mit Kindern, kann das gut gehen? Wenn ihr mich fragt: Eher weniger.

Vor allem dann nicht, wenn ich kunstungebildeter Papa mit zwei sehr lebendigen Kindern im Kindergartenalter plane, ein Kunstmuseum zu besuchen.

Genötigt wurde ich – zugegeben – von meiner kunstaffineren Frau.

Es regnete. Ein Tag der Sorte «zäher Kaugummi». Wir sassen am Frühstückstisch, inklusive Neuankömmling K4. Als meine Frau beiläufig erwähnt: «Der Eintritt in die Berner Museen ist heute gratis.»

Meine Frau, im Wochenbett befindlich, braucht Ruhe. Ich ahne schon, was kommen wird: «Geh’ doch mit den beiden grösseren Kindern ins Paul Klee Museum, da waren wir noch nie.»

Paul Klee. Wäre ich nicht hier aufgewachsen und entsprechend über die Freizeitangebote der Stadt informiert, ich würde bei diesem Namen eher an Kühe denken.

So weiss ich knapp, dass Paul Klee ein bekannter Berner Künstler ist, dem in der Stadt ein ganzes Museum gewidmet ist. Persönlich stehe ich vor Kunstwerken wie ein Esel vor dem Berg. Immer, wenn ich mit Kunst in Berührung komme (was herzlich wenig geschieht), denke ich an das Buch aus meiner Ausbildung in der Mittelstufe. Ein blaues Buch mit einem Gemälde darauf und dem Titel «Kunsthistorische Gesichte aus dem 17. und 18. Jahrhundert».

Ich habe das Buch nur einmal geöffnet. Um auf der Innenseite meinen Namen hinzuschreiben.

Nun stehe ich im Regen mit zwei Kindern vor einem Kunstmuseum. Ein Schirm, kein Vordach, zehn Minuten bis das Museum öffnet. Neben uns ernst dreinblickende Senioren, schick gekleidet, leicht elitär. Verständnis für Papa mit Kindern im Regen stehend gleich Null. Immerhin hat das Personal Erbarmen und öffnet vier Minuten früher. Die Senioren spurten rein und nerven sich ab meinem Schirm, der ihnen dabei in die Quere kommt.

Ich fokussiere auf meinen Teilerfolg: Weder K1 noch K2 haben geweint oder gar geschrien, für mich schon mal eine Leistung.

Wir treten ein und ich suche den kürzesten Weg zum Kinderangebot. Dort angekommen gibt’s als erstmal was für den Zuckerspiegel. Mittlerweile bin ich Profi und weiss, dass der Zeitpunkt des Znünis über Erfolg oder Misserfolg eines jeden Ausflugs entscheidend kann.

Nach Reiswaffeln, Brötli und Früchtli geht’s gestärkt ins Kunstabenteuer. Geleitet von meiner Begeisterung über diesen für mich unkonventionellen Ausflug, briefe ich die Kinder:

«In der Kunst gilt: Alles ist falsch und somit ist auch alles richtig. Geht, erlebt, sucht und erfahrt.»

K1 und K2 verstehen ihren Gesichtern nach zu urteilen davon so viel, wie ich von Kunst. Schauen mich leicht verdutzt an, bevor sie zur ersten Attraktion schreiten: Murmelbahn zum Selberbauen. Kunstvoll setzen wir eine zusammen. Da entdeckt K2 gleich daneben Domino-Steine und will Murmelbahn und Domino-Kette kombinieren. Nach einigen Versuchen klappt es, die Murmel rollt die Bahn herunter, fällt am Ende auf den Boden und schubst die Steine an.

«Das mit den Dominos ist nicht so gedacht.» Ein kleiner, älterer Mann mit französischem Peret auf dem Kopf und Malschürze umgehängt, übt sich in Kunstkritik. Die Kinder geben sich unbeeindruckt und beginnen, runde Kartonscheiben wie Konfetti in die Luft zu werfen. Das wird mir bei aller Liebe zur Kunst zu bunt. Wie der kleine Mann eben ermahne ich die Kinder: «Aufhören! So ist das nicht gedacht!» Erwidert K1: «In der Kunst ist alles falsch und somit alles richtig.» Booahh – in your face. Ich habe meine Kunstlektion für heute von einem Sechsjährigen erhalten, gratis und franko.

Schmeisse innerlich ein paar farbige, weniger grosse Konfetti.

Letzte Station Kinderwerkstatt. Hier dürfen Kinder eine Laterne basteln. «Charlotte, du hast den Wal aber ganz prima gemalt. Eine richtige Künstlerin.» Ich horche auf und schaue mich um. Eine Mutter, Mischung Hippster der ersten Stunde und Gymi-Lehrerin, leitet ihre kleine Charlotte an. Das Mädchen sitzt brav am Tisch, nimmt einen Stift nach dem anderen und malt zugegebenermassen ziemlich gut. Bei meinen geht es schon etwas wilder zu. Striche, Konfetti und Leim. «Tim und Theo, jetzt zeichnen wir alle zusammen einen Kreis.»

Am hinteren Tisch sitzt ein Dad mit seinen zwei Kindern, sie üben sich im Synchronzeichnen.

Alle blicken ernst. Bin ich hier noch richtig? Was mir auffällt ist, dass Charlotte, Tim und Theo nur eine Laterne fertiggestellt haben, während meine je drei gebastelt haben. Immerhin können meine Kids quantitativ punkten.

Die Zeit schreitet voran. Ich wage mich, einen Blick in die richtige Ausstellung zu werfen. Nehme die Kinder an die Hand und hoffe fest, dass ich in den nächsten fünfzehn Minuten nicht meine Mobiliar-Police nennen muss.

Auch hier sind alle ganz ernst. Wir gehen ein paar Meter, die Kids scheinen beeindruckt zu sein. Ich lasse ihre Hände los. Vor einem beliebigen Bild entscheide ich mich, ein Foto mit beiden Kids zu machen. Dokumentiert das heutige Happening. Keine zehn Sekunden kommt ein Angestellter in Geheimdienstmanier angesprungen. «Mindestens fünfzig Zentimeter Abstand!» ermahnt er uns leise, aber ganz intensiv.

Wir zucken zusammen. Ist nichts passiert, aber irgendwie ist der Zenit überschritten. Zeit, nach Hause zu gehen.

Es regnet nicht mehr. Wir gehen glücklich zurück zum Auto und halten unsere Laternen in den Händen. Ich frage meine Kids: «Wer war Paul Klee und was hat er gemacht?» «Papaaaa, das war ein Künstler aus Bern», antwortet K1, leicht genervt.

Und ganz ehrlich? Etwas stolz bin ich schon, weiss er das jetzt.

PS: Ein Besuch im Paul Klee Museum mit Kindern ist definitiv ein Geheimtipp. Weitere findet ihr – wie wir – bei Kleinstadt.ch.

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