Ein Tag wie Vollmond

Diese Tage, welche Eltern kennen sie nicht. Bereits beim Aufwachen ist etwas anders als sonst. Die Stimmung nämlich. Und obwohl miese Laune zu Tagesbeginn durchaus vorkommen kann, normalerweise verschwindet sie bei etwas Knuddeln oder Kämpfen mit Mama und Papa. Allerspätestens nach zwei Bissen Frühstück.

Nicht so an Tagen wie diesem.

Die Laune bewegt sich um den Tiefpunkt. Durchgehend. Die Kinder hängen an meinem Rockzipfel, trüge ich denn einen. Sie zwicken mir mit ihren kleinen Fingerchen in Füsse und Beine (je nach Kindergrösse). Sie schlingen ihre Ärmchen um alles von mir, was sie erwischen und lassen nicht mehr los. Der Morgen fühlt sich an, als würde ich mich in Zeitlupe durch eine Luftdichte von Pudding bewegen.

Nicht nur körperlich, auch emotional connecten meine Kleinen nonstop mit mir. Fühle mich wie ein Funker im Tower, dem ständig Notrufe gesendet werden. So viele, dass ich erstens gar nicht mehr weiss, wo mir der Kopf steht. Und zweitens auch nicht, welches jetzt die wirklichen Notrufe sind und welche ich getrost ignorieren könnte. Ginge es nach meinen Kindern, hätten all ihre Anfragen höchste Alarm- und Dringlichkeitsstufe.

Aber ich bin ja nur ein Mensch.

Einen Kopf, zwei Arme, drei Kinder.

Geht nicht ganz auf.

Das Baby, bald einjährig, ist ambitioniert. Es robbt in der Manier eines Soldaten mit derselben Haltung, grossem Ehrgeiz und noch grösserer Zielstrebigkeit durch die Wohnung. Seinen Geschwistern nach, so lange, bis es noch was Interessanteres entdeckt. Treppenstufen zum Beispiel.

An Tagen wie Vollmond kann es vorkommen, dass ich im Minutentakt das sich selbst überschätzende Krabbelmonster entweder unten an der Treppe (so auf der zweiten Stufe schwankend) oder oben auf der Treppe (Schultern und Kopf über der Kante, kurz vor dem Absturz befindlich) retten muss. Nicht nur das. Ich muss auch meine Besitztümer in Sicherheit bringen, meine papiernen Lampen, an denen es genüsslich zieht und auf die es haut, als wären sie gespanntes Trommelfell. Ich rette meine Vasen, indem ich das Baby konsequent davon wegbefördere. Dabei laut und böse NEIN sage und ihm Alternativspielsachen biete (me, the Supermom). Was macht das Baby? Es grinst. Ich schwöre. Es grinst. Und nimmt die Vasen so lange ins Visier, bis ich auf die Laufgitteralternative zurückgreife – was die Vasen, das Baby und letztendlich mich selbst vor dem Verderben rettet.

Das darauffolgende Geschrei reiht sich ein in das Geschrei der Geschwister. Warum eigentlich schreien sie? Achja, K1 will schon lange ein Hörspiel auf meinem Smartphone hören, das ich ihm einstellen muss. K2 weint, wohl aus Gründen.

Dreistimmiges Geschrei. Mein Gehirn meldet totale Überlastung. Und schaltet auf Standby.

Priorität hat die Zubereitung des Mittagessens. Das ich – begleitet von drei weinenden Schreihälsen – in Angriff nehme.

«Hani nid gärn», «Wäh gruusig», «Ke Hunger»

An Tagen wie Vollmond sind solche Kommentare der Kinder zu meinen Kochkünsten Standard. Egal, was auf dem Teller ist.

Dann die langersehnte Mittagspause. Ein Desaster. Warum das Baby eine halbe Stunde lang weinen muss, ganz egal, wo es liegt, ist mir gänzlich unergründlich. Ist es auf mir drauf, will es runter. Ist es unten, will es auf mich drauf.

Argh. Arg.

Die Pause war am Schluss dann ganze fünf Minuten lang. Nämlich die fünf Minuten, die ich auf dem Klo verbracht habe.

Der Nachmittag startet mit dreistimmigem Gebrüll über geschlagene zwanzig Minuten. Helfen kann ich nicht. Höchstens mir selbst. Und auch das nicht wirklich.

Die folgenden Stunden sind Kaugummi. Alter, ausgekauter Kaugummi. Zäh zieht er sich durch. Happy sind alle beim Zvieri. Und auch nur, weil’s da Glace gibt. Und auch nur so lange, bis der obere Teil der Glace auf den Boden fällt.

Ich beschliesse, einen Badestopp einzulegen. Baden beruhigt. Häufig, meistens. Aber nicht an Tagen wie Vollmond. Da ist Baden eher Plantschen. Einander Wassermassen ins Gesicht schütten, spritzen, werfen. Geheul in Dreifachausgabe.

Das Baby, bei all dem Trubel noch nicht in der Badewanne befindlich, hat sich inzwischen auf dem Badezimmerboden erleichtert. Was kaum auffällt, da bereits Wassermassen vor Ort. Nur für mich etwas doof, da ich nun nicht mehr weiss, ob meine Socken Wasser- oder Urin-getränkt sind.

Als alle sauber sind, erwischt das frisch gebadete Baby das noch volle Töpfchen von K2. Schmeisst es einem Hammerwerfer gleich, durch das ganze Bad. Fazit von dieser Aktivität: Niemand ersoffen, nur der Badezimmerboden. In Fäkalien und Urin.

Irgendwann in all dem Chaos und Gebrüll google ich.

«Vollmond, wann?» Und Google antwortet: «Vollmond in so zehn Tagen». Ich so: «Was?» Google so: «Was?»

Ist also alles völlig im Rahmen. Ein normaler, durchschnittlicher Tag wohl.
Einfach einer wie Vollmond. Einfach ohne.

Bild: Vinicius Henrique | Unsplash

Hat nicht nur den Master in Psychologie. Sondern ist auch Master im Desaster, was ihr als Aufsichtsperson eines Vier-, einer Zweijährigen und eines Babys sehr gelegen kommt. War mal Journalistin in Zürich, jetzt ist sie freischaffende Mutter in Bern.
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