Die Weihnachtskrippe

Da stehen sie nun. Drei Könige, ein Hirte mit Schaf, Maria und Josef. Im Hintergrund der Engel mit erhobenen Armen. Versammelt um die Krippe, in der das Kind liegt, um das sich Weihnachten dreht.

«Mama, wir müssen unsere Weihnachtskrippe auspacken», der Sohn (4), Anfang November, «wo ist sie?»

Ähm, nirgends im Fall… wir haben nämlich gar keine. Habe ich natürlich nicht so direkt gesagt. Sondern darauf verwiesen, dass wir die Krippe erst im Dezember auspacken werden. Dann, als das Kind im Bett war, habe ich panisch nach Krippenfiguren gegoogelt.

Weihnachten ohne Krippe. Wie konnte ich sie in den Jahren, in denen ich von Zuhause ausgezogen bin, nicht vermissen?

Als ich Kind war, hatten wir immer eine. Bestehend aus diesen Old-School-selbstgebastelten 80er-hippen Drahtfiguren, die meine Mutter in den angesagten Bastelnachmittagen oder -abenden selbstgemacht hat – mit ihren gesichtslosen Köpfen und ihren schweren Füssen. Einem Jesuskind mit braunem Wuschelhaar, dem häufig der Kopf abfiel. Den Hirten, die so viele Haare im und ums Gesicht hatten, dass man glauben konnte, sie hätten sich ein Schaf vor den Mund oder auf den Kopf geklebt.

Und jetzt also ich.

Dreissig Jahre später. Bin ich gezwungen, mir meine eigene Vorstellung von einer Krippe zu machen, die ich in meine Weihnachten und meinem Wohnzimmer integrieren möchte. Bloss: Welche?

Auf Google findet sich nur eine Krippenfigurmanufaktur, die letztendlich in Frage kommt. «Zack, Problem gelöst», dachte ich, «und das alles für nur 35 Euro, Schnäppchen.» Bis ich bemerkte, dass man für 35 Euro nur das Schaf kriegt.

Sofort geht eine SMS raus an alle, die mir offiziell zum Geburtstag etwas schenken möchten: «Ich brauche eine Krippe.» Danke an dieser Stelle all meinen privaten Krippen-Sponsoren. Denn an einem Geburtstag, pünktlich vor dem ersten Advent, packe ich sie aus. Mein Sohn ist begeistert.

So sehr, dass ich umgehend eine weitere Krippe googeln muss: Spiel-Krippenfiguren für Kinder.

Jetzt stehen sie da. In sicherer Höhe meine. Untendran, jederzeit bespielbar, die Kinderkrippe.

Seit dem ersten Advent erzähle ich die Weihnachtsgeschichte. Bethlehem, Maria und Josef. Engel. Versuche, Details wie die durch Herodes veranlasste Kindstötung zu beschönigen, was eher schlecht als recht gelingt.

Und als dann der Abend da ist, an dem die Geschichte wirklich passiert ist. An dem sich Maria und Josef offiziell aufmachen und eine Herberge suchen. Die Hirten auf dem Feld aufbrechen und die weisen Männer mit ihren Kamelen Richtung Bethlehem reiten. Das Kind geboren wird.

Da berührt mich diese Geschichte mehr als zuvor.

Weil ich fasziniert bin von dem Gedanken, dass dies tatsächlich wahr sein könnte. Dass da ein Gott ist, der die Hoffnung nicht aufgegeben hat. Und in einer mir unerklärlichen Logik beschliesst, den Menschen auf Augenhöhe zu begegnen. Und vor allem die Art und Weise, WIE er das tut.

Wenn all diese kleinen Geschichten innerhalb der Weihnachtsgeschichte wahr sind. Eine unverheiratete, schwangere Teenagerin. Weise Männer, die einem Stern folgen. Einfache Hirten, denen sich der Himmel offenbart. Ein stinkender Stall. Eine Geburt. Ein Königskind in einer Krippe.

Eigentlich ist Weihnachten ganz schön crazy.

Und das nicht nur wegen der Feierei, Völlerei und Schenkerei.

Wenn all dies wahr ist, dann sprengt dieser Gott so ziemlich viele Vorstellungen. Da treffen sich im Stall von Bethlehem himmlische Herrscharen, einflussreiche Männer, ein total unspektakuläres, wahrscheinlich ziemlich abgestresstes Elternpaar (lieber Maria als ich, ich hatte schon im Spitalwochenbett eine Besuchs-Überdosis), diverse Tiere und Leute, die am Rande der Gesellschaft stehen.

Da muss ich einfach sagen: Wenn Gott so ist, wie er sich an Weihnachten inszeniert, dann ist er ziemlich krass drauf. Vor allem krass anders, als gemeinhin angenommen.

Egal, wie fest man an die Weihnachtsgeschichte glaubt. Warum man überhaupt Weihnachten feiert. Fakt ist: In dieser Krippe liegt ein Baby, das die Welt auf den Kopf gestellt hat und dessen Biografie seit Jahrhunderten auf der literarischen Bestsellerliste steht. Und die Inszenierung seiner Ankunft lässt darauf schliessen, dass wir alle an seiner Krippe willkommen sind.

Wir feiern nicht uns selbst, nicht unsere Familie, wir feiern nicht die Geschenke und auch nicht den Konsum. Wir feiern letztendlich diese Krippenszene. Besingen sie zuweilen mehr schlecht als recht. Und – schimpft mich sentimental, gutbürgerlich oder Gutmensch – aber seit ich mir solche Gedanken gemacht habe, wünsch ich mir das für unsere Familie. Zu Weihnachten und auch so.

Dass wir als Familie so eine Krippe sind, bei der Menschen willkommen sind.

Fröhöliche Weihnacht’ euch.

Hat nicht nur den Master in Psychologie. Sondern ist auch Master im Desaster, was ihr als Aufsichtsperson eines Vier-, einer Zweijährigen und eines Babys sehr gelegen kommt. War mal Journalistin in Zürich, jetzt ist sie freischaffende Mutter in Bern.
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