Die Unverträglichkeit von Familie

Es ist gemeinhin bekannt, dass sich Familie und Beruf schlecht vereinbaren lassen. Als jemanden, der abgesehen von einem mageren Teilzeitpensum seine gesamte Zeit mit der Familie verbringt, muss ich sagen:

Familie ist nicht nur unverträglich mit Karriere.

Familie ist generell unverträglich.

Sie ist unverträglich mit dem Alltag. Denn wo Kinder sind, kann die Planung noch so akkurat sein. Da muss nur ein Kind zur falschen Zeit scheissen und schon kannst du deinen ausgetüftelten Zeitplan gleich mit der vollen Windeln im Eimer entsorgen.

Familie ist unverträglich mit einem selbst. Niemand kommt einem selbst, den eigenen Bedürfnissen und Zielen so sehr in die Quere wie die Familie. Sie ist das konstant ausgestreckte Bein, wenn ich beschliesse, mal wieder egoistisch zu handeln. Ich stolpere fast jedesmal darüber.

Wichtiger Termin am nächsten Tag? Man muss damit rechnen, dass besagter Tag bereits am Vorabend oder in der Nacht beginnt.

Sei es, weil die Kinder krank sind, Vollmond ist oder sie sonstwie spinnen. Und man bei dem wichtigen Termin so müde ist, dass man während der ganzen Zeit nur an eins denken kann: «Einschlafen. Jetzt.»

Familie ist unverträglich mit der Gesellschaft.

Ich denke da an die ganz vielen genervten Menschen, denen ich seit der Geburt meiner Kinder begegnet bin. Denen meine Kinder mit ganz unterschiedlichen und teils völlig harmlosen Taten, manchmal auch nur durch ihre Existenz, die Laune vermiest haben. Menschen mit Einkaufswagen, Menschen, die uns nicht überholen konnten, Menschen, die warten mussten, Menschen, die gerne Ruhe gehabt hätten, Menschen, die keine Berührungen mögen, Menschen, die Bus steuerten, Menschen, die Bus fuhren.

Und damit nicht genug.

Die Familie ist nicht nur unverträglich gegen aussen.

Die Familie verträgt sich ja intern nicht mal!

Also, wir ertragen uns. Zwangsläufig. Aber von Verträglichkeit kann zuweilen keine Rede sein. Ein Familiensystem ist etwas vom Verrücktesten überhaupt. Diese einmalige Kombination von grösster Liebe und Aversion in einem täglichen Wechselspiel. Das ist wie Wasser und Feuer in einem Raum.

Seit ich Kinder habe, lebe ich in diesem unverträglichen Klima.

In dem sich Dinge gegenseitig ausschliessen und gleichzeitig zwangsläufig kombinieren lassen müssen. Ich lebe am Rande des Abgrunds, den ich manchmal erst sehe, wenn er sich aus dem Nichts unter den eigenen Füssen auftut. Ich lebe in permanentem Stress, mit fast permanentem Schlafentzug, ich lebe konstant selbstlos, das aber nur gezwungenermassen. Ich bin nonstop am Dinge organisieren, deren Aufwand an Zeit und Energie sich bei näherer Betrachtung schlicht nicht ermessen lässt. Ich organisiere sie trotzdem. Und organisiere das darauffolgende Chaos dann nochmals.

Ich versuche, mich nicht beirren zu lassen. Fröhlich zu bleiben. Die Geduld zu bewahren.

Und liebe Gesellschaft: Genau das erwarte ich auch von dir!

Denn obwohl ich mir das Kinderhaben ausgesucht habe und das Glück hatte, sie auch zu kriegen: Kinder sind nie nur Privatsache.

Kinder sind Teil der Gesellschaft und ohne Kinder, würde die Gesellschaft zwangsläufig irgendwann nicht mehr existieren. Entsprechend macht es Sinn, sich – und sei es auch nur ein bisschen – um die Gesellschaft, in der man lebt, zu kümmern.

Doch eben dieses Kümmern ist in meinen Augen etwas verkümmert.

Während meine Opferbereitschaft gezwungenermassen umfassend sein muss, ist mein (kinderloses) Umfeld nicht bereit, Opfer zu bringen. Ja, als Opfer wird bereits definiert, wenn man ein schreiendes Kleinkind während einer Viertelstunde erträgt.

Eine Freundin von mir hat ein Schreibaby. Wie wenn das nicht schon genug Stress wäre, muss sie sich nebst ihrem Baby immer noch um die Nachbarn kümmern. Die das Geschrei nächtlich miterleben und deren Schlaf während dieser (hoffentlich maximal) drei, vier Monate gestört wird.

Keiner dieser Nachbarn kommt auf die Idee, dass der Schlaf meiner Freundin so gut wie inexistent ist. Dass sie sich gerade am Rande ihrer Kräfte bewegt. Dass sie es schafft, mit Mühe und Not ihren Alltag aufrecht zu erhalten, die Kinder zu versorgen, dafür zu sorgen, dass Essen und Sauberkeit vorhanden sind.

«Bitte schauen Sie doch, dass Ihr Kind nicht so schreit!»

Merci.

Ich wünschte mir, in einer Gesellschaft zu leben, die bereit ist, denselben Effort zu bringen, wie ich. Die erträgt, was manchmal unerträglich ist. Und mit erTRAGEN meine ich nicht, das Lächeln zu bewahren und innerlich zu kochen. Ertragen hat weit weniger mit Passivität am Hut, als das Wort gemeinhin vermuten lassen könnte. Denn man kann durchaus wählen, ob man stoisch erträgt. Oder ob man beginnt, mitzutragen. Die Schwachen der Gesellschaft.

Und mit Schwachem meine ich auch uns als Eltern. Denn ob wir wollen oder nicht:

In unserer aktuellen Lage sind wir verwundbarer, als wir es bisher waren.

Wenn wir das Glück hatten, zuvor einwandfrei in unserer Gesellschaft zu funktionieren. Gewinnbringend zu sein, Schwächen auszugleichen oder zu überdecken. Dann haben wir jetzt das Glück, Kinder zu haben. Und das Unglück, damit nicht mehr so funktionieren zu können wie zuvor.

Von einem einwandfreien, unauffälligen, tragendem Mitglied einer Gesellschaft sind wir mit der Geburt unserer Kinder in eine neue Kategorie gerückt worden. Uns muss man plötzlich ertragen. Wir sind auf Verständnis, Akzeptanz und Rücksichtnahme angewiesen. Nicht so easy im Fall.

Diese plötzliche Abhängigkeit von der Gunst anderer Leute. Von der Gunst meiner Gesellschaft, macht mir zu schaffen.

Und unsere Gesellschaft, über die ich bisher wenig Gedanken verschwendet habe. Die ich vorher grosszügig, pulsierend, lebendig und positiv erlebt habe. Unsere Gesellschaft ist kleinlich.

Während von uns Eltern erwartet wird, dass wir unsere Jobs perfekt erledigen, unsere Kinder perfekt erziehen, unsere Ehe instand halten, unsere Wohnung sauber, den Vorplatz gewischt, den Körper trainiert, die Kleider modisch. Während wir uns den Arsch aufreissen, in dieser Unvereinbarkeit zu überleben und genau diese Ansprüche – die wir ja auch selbst an uns haben – zu erfüllen.

Währenddessen motzt die Gesellschaft über die ‘Opfer’, die sie wegen der Existenz unserer Kinder bringen muss.

Und seit ich selbst dermassen selbstlos leben muss. Dermassen viele Opfer bringe – und nochmals: Ich habe mir das ausgesucht, für meine Kinder bringe ich sie ‘gerne’. Aber sorry, dann kann ich einfach keinerlei Verständnis mehr aufbringen für Menschen, die mit mir und meiner Familie in Kontakt kommen, und erwarten, dass ich ihnen das Leben so angenehm wie möglich mache.

Eine Gesellschaft mit Kindern ist dazu bestimmt, sich in dem teils unverträglichen Spannungsbogen zwischen Selbstverwirklichung und Aufopferung zu bewegen.

Und das Beste, was mir, meinen Kindern – und meiner Gesellschaft – passieren kann, sind Menschen, die sich in dieses Spannungsfeld mitnehmen lassen. Oder schon nur diesem Spannungsfeld mit Gelassenheit und Humor begegnen. Die bereit sind, auf ihre Bequemlichkeit zu verzichten. Die die Last der Verantwortung mit mir teilen und die Unverträglichkeit, welche diese Lebensphase mit sich bringt, ebenfalls. Die mit mit liebevollen Worten aufbauen und meiner Freundin mit dem Schreibaby statt eines schlechten Gewissens den Wocheneinkauf machen. Solche Menschen braucht die Gesellschaft.

Und ich hoffe bei Gott, ich selbst und meine Kinder, wir sind das für die Menschen, die uns in die Quere kommen.

 

Hat nicht nur den Master in Psychologie. Sondern ist auch Master im Desaster, was ihr als Aufsichtsperson eines Vier-, einer Zweijährigen und eines Babys sehr gelegen kommt. War mal Journalistin in Zürich, jetzt ist sie freischaffende Mutter in Bern.
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