Die Mutter, die ich sein wollte

«The moment a child is born,

the mother is also born.

She never existed before.

The woman existed, but the mother, never.

A mother is something absolutely new.»

Man ahnt. Man nimmt sich vor. Man glaubt, zu wissen, wie man es machen könnte. Sollte. Möchte.

Dann wird das Kind geboren. Und mit dem Kind man selbst. Als Mutter.

Damals kannte ich mich seit über dreissig Jahren. Doch das Kind, das lernte ich gerade erst kennen. Es war munzig klein. Aber sein Kopf, oh ja, der war nicht nur optisch schon gross. Der war auch charakterlich bereits stark entwickelt.

Die diensthabende Hebamme, welche mir Neulingsmutter das Frischgeborene in der dritten Nacht während zwei, drei Stunden hütete, gab es mir zurück mit den Worten: «Das ist ein kleiner Prinz. Der feiert uns.»

Ich liebe Hebammen. Besonders die älteren, erfahrenen. Die die kleinen Babys bereits kennen, obwohl sie gerade erst geboren sind.

Später. Als das Kind bereits gehen konnte, dachte ich oft an ihre Worte. Denn das Kind ging, wohin es wollte. Egal, wie häufig ich NEIN sagte oder brüllte. Ihm nachjagte, es sanft zurückholte. Es an der Hand zerrte. Fremde Garageneinfahrten und Eingänge? Entdeckergrund. Die roten Stopp-Knöpfe der Rolltreppen? Da zum Gedrückt werden. Die Weiten eines Supermarkts? Nicht nur zum Einkaufen, sondern auch zum Verstecken geeignet.

Mein Kind war über Jahre schwer erziehbar. Immun gegen meine Vorschläge. Gegen meine Argmuente. Gegen meine Erziehungsmassnahmen. Gefühlt gegen alles, was ich tat, um es einigermassen in Bahnen zu halten. Es war das pure Leben. Und ich neben dran schien die überforderte Mutter zu sein, die versuchte, das Leben halbwegs festzuhalten, damit es sich nicht ins Unglück stürzte.

Meine Flexibilität und Kompromissbereitschaft sind verglichen mit anderen Müttern und besonders gegenüber Nicht-Müttern definitiv vorhanden. Aber auch die grösste Flexibilität und Kompromissfähigkeit haben Grenzen. Nämlich da, wo es für andere, für das Kind oder mich selbst unangenehm oder gefährlich wird. Sprich, an einem gewissen Mass von Erziehung im Sinne von Grenzen setzen kam auch ich nicht vorbei.

«Je konsequenter man ist, umso einfacher hat man es»

Sagte mir kürzlich eine Kinderärztin und meinte das tatsächlich so.

Ich lächelte müde. Schlicht, weil ich nach fünf Jahren wusste, dass weder konsequent sein einfach ist, noch dass die Folgen von Konsequenz zwangsläufig brave Kinder sind. Die Gleichung geht nicht auf.

Ich müsste nonstop konsequent sein. Nonstop. Es beginnt beim Frühstück, wenn das Brot falsch geschnitten oder die Milch die falsche Temperatur hat (Scheissegal, hier wird getrunken was auf den Tisch kommt!), geht weiter beim Gang aufs Klo (Sitzen, nicht stehen!), weiter übers korrekte Anziehen (Es gibt keine falschen Mützen oder Jacken), dann kommt dazwischen noch ein «Blödi Mama» und ein Schlag auf den Kopf des Bruders aus dem Nichts. Wer da noch überall so konsequent ist, wie er sein sollte, dem gratuliere ich an dieser Stelle. Ich beschränke mich auf «Choose your battles». Und bin eine Mutter, die so gesehen inkonsequent ist.

Meine Kinder sind nicht brav.

Meine Kinder sind sehr freiheitsliebend – um es mal positiv auszudrücken.

Grenzen? Mögen sie gar nicht.
Gesellschaftliche Norm? Ist ihnen weitgehend egal.

Und so ändert sich meine Vorstellung von der Mutter, die ich sein wollte zu der Realität: Der Mutter, die ich sein muss.

Ich mit meinem Wesen, das auf Kompromisse, Dialog und Einigkeit ausgelegt ist, muss mich plötzlich positionieren. Ich muss Grenzen setzen und darauf achten, dass die auch umgesetzt werden. Wie das geht? Hier ganz sicher nicht mit Dialog oder Kompromissen. Habe ich versucht, glaubt mir. Mehr als einmal.

Ich bin ein Mamamonster geworden. So eine Art Hulk.

Nach zwei, drei erfolglosen Versuchen, dafür zu sorgen, dass das Kind jetzt an den Mittagstisch sitzt, wo die anderen Kinder schon sitzen und warten und das Essen ebenfalls ist und wartet, muss ich mutieren.

«Hierher und zwar jetzt!»

Weder meine Wortwahl noch der Umgangston dürfen in diesem Moment freundlich sein. Sonst bleibt das Kind oder brüllt noch ewig weiter.

Bestimmt. Klar. Deutlich. Zuweilen überdeutlich.

Ich bin eine Mutter, die ihre Kinder lautstark zur Vernunft weist.

Ich bin eine Mutter, die ihre Kinder zuweilen in ein separates Zimmer stellen muss, damit sie sich beruhigen. Weil alles andere nicht geholfen hat.

Ich bin eine Mutter, die hart sein muss. Härter als sie sein möchte.

Weil ich für mich keinen anderen Weg gefunden habe, den Alltag zu leben, der mir und uns als Familie gut tut.

Ich bin eine Mutter, die ihren Kindern zuweilen nicht helfen, ihnen ihren Schmerz und ihren Zorn nicht abnehmen kann. Und einfach zuschauen muss, was die Emotionen mit den Kindern machen.

Ich bin eine Mutter, die hilflos ist.

Ich bin neuerdings auch eine Mutter, deren Kinder sich in der Öffentlichkeit so gar nicht normkonform benehmen. Kürzlich im Einkaufscenter begann ein Kind, gegen den Einkaufswagen zu kicken. Dann gegen die Geschwister. Zu guter Letzt gegen mich. Geht gar nicht, oder?

Ich will keine solche Mutter sein.

Und es stresst mich, dass ich dazu gezwungen werde.

Von meinen Kindern. Oder von den Umständen. Oder mir selbst.

Ich verstosse gegen meine Prinzipien. Gegen meine Persönlichkeit. Gegen meine Bedürfnisse. Einfach, weil ich Kinder habe, die nicht auf die Art und Weise ansprechen, mit der ich ihnen beibringen möchte, wie unsere Familie und die Gesellschaft funktioniert.

Aber ich bin auch eine Mutter, die wahnsinnig geduldig ist. Immer wieder aufs Neue. Erträgt und aushält. All die Launen, die Emotionen, den Frust der Kinder über das Leben, den sie nur an einer Person auslassen können: An mir.

Ich ertrage sie.

Denn ich bin eine Mutter, die ihre Kinder liebt.

Ich bin eine Mutter, die sich täglich den Kopf darüber zerbricht, wie ich sie unterstützen kann in ihrer Entwicklung. Darin, dass sie stark werden in ihrem Herzen und in ihrem Geist. Darin, dass sie wissen, wer sie sind. Was sie wollen und was sie können.

Ich bin eine Mutter, die sich selbst nicht aufgibt – die aber vieles aufgibt. Aufgegeben hat, wovon ich nie gedacht hätte, dass ich das könnte. In dieser Leichtigkeit.

Ich bin eine Mutter, die ihre Kinder nicht aufgibt. Die vieles von dem aufgegeben hat von der Vorstellung, was Kinder machen und sein sollten.

Ich bin nicht die Mutter, die ich sein möchte. Ich bin die Mutter, die ich sein muss. Für meine Kinder. Und ich hoffe, dass sie irgendeinmal sagen werde, dass ich die Mutter war, die sie gebraucht haben. Um gross und stark zu werden.

Teilen mit

5 Kommentare zu “Die Mutter, die ich sein wollte

  1. I feel you!
    Als normal Nicht-Kommentar-Schreiberin, muss ich das einfach loswerden: ich weiss genau, was du meinst. Ich ärger mich über mich selber. Und ich beneide die Eltern bei denen es scheinbar so mühelos klappt. Am schlimmsten ist wenn ich mir wünsche, dass diese Eltern auch ein Kind bekommen, dass freiheitsliebend ist und dann mal sehen dass “zuhören”, “abholen” und “auf Augenhöhe kommunizieren” nur funktioniert wenn das Kind da auch mitmacht.
    Du machst das schon gut. Ich sag mir immer: lieber ein freies, eigenständig denkendes Kind als ein kleiner Roboter!

    1. Liebe Sandra. Danke umso mehr fürs Trotzdem-Kommentieren!! 🙂 Ja gell, als Eltern ‘performt’ man immer nur so gut, wie das Kind mitmacht. Aber man kann sagen, durch ein Kind, das nicht so performt, wie es offiziell sollte, wird man irgendwann selbst etwas befreiter – weil mans einfach nicht schafft, den (eigenen) Ansprüchen zu genügen. Viel Freude und viel Power dir beim Mamasein!

  2. Ich, auch *NIE*! Kommentar-Schreiberin, muss doch schreiben! Was du beschreibst, spiegelt ziemlich genau meinen Alltag. Es ist so frustrierend. Wenn ich in diesen guten, pädagogisch sehr wertvollen Büchern über *Erziehung* nach Hilfestellungen suche, da ich total am Anschlag bin – fühl ich mich danach meist noch frustrierter. Da unsere Jungs scheinbar auf all diese Pädagogik scheissen! (ums mal beim Namen zu nennen) Da tut so ein ehrlicher Blog einfach gut! Danke 👍

    1. Liebe R. Haha, ebenfalls schön auf den Punkt gebracht, was deine Jungs von Pädagogik halten. Und vielen Dank für dein Feedback. Erziehung ist zuweilen einfach ‘grenzwertig’ und frustet, gerade, wenn man alles versucht und keine braven Kinder dabei rausschauen 🙂 Auf dass dir deine Jungs noch viel viel Freude (und weniger Stress) machen!!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.