Die letzte Spur

Um mich herum herrscht Stille.

Niemand verprügelt sich. Oder hämmert wie ein Specht an meine Tür, um mich in meiner wohlverdienten Mittagspause zu stören. Niemand plappert mich im gebrochenen Deutsch voll. Wobei – das stimmt nicht ganz. Aber diese zwei kleinen Plappermäuler schlafen gerade.

Ich höre nur die Tasten der Tastatur. Und vielleicht die leise innere Stimme, die mich Versager nennt. Weil mir unsere drei afghanischen Jungs zu viel wurden. Und wenn ich sie daran erinnere, dass ich auch nur ein Mensch bin, kontert sie in nervtötender Fistelstimme, weshalb ich mich dann nur so überschätzen konnte. Und was ich mir dabei gedacht habe.

Und einmal mehr seufze ich das, was Mütter auf der ganzen Welt immer wieder:

«Ich hab’ es doch nur gut gemeint.»

Aber ich frage mich trotzdem, was ich mir dabei gedacht habe.
Vielleicht dachte ich, ich hole mir drei gratis Babysitter in mein Haus. Drei Haushaltshilfen, die vielleicht auch mal für mich kochen. Haben sie auch. Aber nur weil ihnen mein Essen nicht geschmeckt hat.

Vielleicht dachte ich, ich helfe drei elternlosen Flüchtlingskindern. Aber obwohl sie mit meinen Kindern gespielt und ihre Wäsche selbst gewaschen haben. Blumen in meinen Garten gepflanzt, mir den Schrubber aus der Hand gerissen und meine Einkaufstaschen getragen haben.
War da eben auch noch ihre temperamentvolle Art, ihre Anhänglichkeit, ihre Diskutierfreudigkeit, ihre Spuren im Haushalt und ihre Auswirkungen auf meinen überforderten Sohn.

Also wurde nach einer neuen Familie gesucht. Mit mehr Nerven. Mehr Ressourcen. Und weniger eigenen Kindern. Und hat sie nun gefunden.

Weshalb ihre Zimmer jetzt leer gefegt sind. Nun ja. Gefegt noch nicht.
Die letzte Spur wollen wir uns wohl irgendwie noch erhalten.
Die an die Wand gedrückten Kaugummis. Die gesalzenen Kürbiskerne. Die einzelnen Socken. Die herrenlos in einem einsamen Zimmer herumliegen.

Und als letzte Spur den Beweis dafür liefern, dass wir unsere afghanische Chaos-Truppe – trotz allem – stillschweigend vermissen werden.

Ähnliche Beiträge

Lieber dreckiges Geschirr als gar kein Essen Was war ich doch früher abgebrüht. Und was bin...ich doch jetzt für ein Weichei. Ich heule bei...Klischeeartikel, welche von irgendwelchen...Billig-Mama-Plattformen aufgewärmt auf meiner...Facebook-Timeline erscheinen. Über Mütter, die...sterben, Kinder, die krank sind. Über Eltern, die...trauern. Einige Artikel habe ich bereits auf...mehreren Plattformen gelesen. Klicke sie trotzdem...wieder an. Und verdrücke...Tränchen. Nachrichten im Fernsehen: Vergiss...es! Sobald irgendwelche Kinder krank, verletzt...oder sterbend aus Trümmern getragen werden, kann...ich nicht mehr hinschauen - geschweige denn...hinhören. Und bei all diesen Bildern, die mein...Herz reizüberfluten, stelle ich mir die...Frage:
Was kann ich...tun?
Meine Unfähigkeit zu handeln,...macht mich hilflos. Zusehen zu müssen, wie andere...Menschen leiden, kann ich nicht mehr. Will ich...nicht mehr. Weil mich mein Mamadasein in eine neue...Dimension des Mitfühlens katapultiert hat. Weil...ich die Herzen brechen höre, wenn Menschen «in...meinem Wohnzimmer» weinen, erschöpft...niederfallen, mit ihren letzten Kräften und...Mittel Rettung suchen. Ich bin die Mutter, die...ihr Kind den Helfern entgegenstreckt. Mitten auf...hoher See. Was, wenn es ihm aus den Armen rutscht?...Wenn es in die Fluten fällt? Was, wenn ich es...nicht schaffe? Wer kümmert sich um das Kind? Wer...sagt ihm, dass es geliebt wurde, gewollt ist? Wer...ist ihm eine Mama, eine Familie? Ich bin die...Mutter, die auf der Schwelle ihres zertrümmerten...Zuhause sitzend ihre Arme um ihre kleinen Kinder...hält. Schützend. Und wohlwissend, dass dieser...Schutz nicht genügt. Dass die Kräfte nicht...ausreichen und die Brutalität der Menschen und...der Welt meine Kinder gebrochen hat. Die versucht,...ihnen einen Rest Liebe zu geben. Einen Rest...Geborgenheit. Ich bin die Mutter, die ihr...Kleinkind hält. Ausgezehrt. Ich fühle seine...Knochen. Nur die Knochen. Gucke ihm in die Augen...und fühle die unendliche Hilflosigkeit, dass ich...alles in meiner Macht stehende getan habe, und...trotzdem nicht genug, damit es Essen...kriegt.
Ich weine. Mit diesen...Müttern.
Die Fülle der...Schlagzeilen sollte uns nicht davon abhalten,...mitzuleiden. Sie sollte uns nicht davon abhalten,...uns zu engagieren. Ich bin kein Gutmensch....Keiner dieser 'Rettet-die-Welt'-Typen, der sich...von Hilfsprojekt zu Hilfsprojekt hangelt. Aber...ich bin eine Mutter. Und ich will, dass keine...Mutter der Welt machtlos zusehen muss, wie ihre...Kinder in ihren Armen und vor ihren Augen...sterben.
Ich will es...nicht.
Wenn der Spiegel titelt: «UNO...warnt vor tödlicher Hungerkatastrophe: Es ist...schon fast zu spät
» - dann will ich hier und...jetzt etwas tun. Und ich hoffe, ihr auch. Auch...wenn ich nicht allen Müttern der Welt helfen...kann, habe ich beim Googeln nach einer...Hilfsmöglichkeit von hier aus eine App entdeckt....Sie ist simpel und einfach. Sie wird nicht die...Welt retten. Aber möglicherweise ein Kind....Möglicherweise mehrere Kinder. Mit einem Klick...für 4.20 Franken (ca 3 Euro) habe ich einem Kind...eine Woche Essen bestellt. Dies ist kein bezahlter...Blogpost, sondern ein Herzensblogpost mit der...Bitte, euch dem Team #mamasuplugged anzuschliessen...und ebenfalls Essen zu bestellen. Für einen Tag...(60 Rappen), eine Woche (4.20), einen Monat...(18.00).
Dies ist kein Aufruf für...eine dieser hippen Hilfskonvois auf den Sozialen...Medien!
Und vielleicht ist es naiv,...zu glauben, mit vier Stutz könne ich die Welt...retten. Ich kann sie nicht retten. Aber ich kann...sie hoffentlich etwas besser machen. Und ihr...könnt das auch. Die App...findet ihr unter...ShareTheMeal.org. Einloggen, Paypal oder Karte...bereit haben, Team #mamasunplugged eingeben (oder...ein eigenes Team gründen) und Essen...kaufen. Merci fürs Teilen.

Mirjam ist Mitgründerin von Mamas Unplugged und zog dann aus, um mit ihrer Familie die Welt zu bereisen. Aktuelle Blogs von ihr findet ihr auf www.familiemettler.ch

Teilen mit
  •  
  •  
  •  
  •  
  •  
  •  

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.