Das hat noch Zeit

Je älter man wird, um so mehr Erinnerungen hat man. Erinnerungen, die so wertvoll sind, dass man auf keinen Fall vergesslich werden will.

Ha, da ist sie, die erste Januarwoche. Die heilige Zeit ist vorbei. In meiner Familie ist es die Woche, wo man die Weihnachtssachen zurück auf den Dachboden bringt und den Urzustand der Wohnung wieder herstellt.

Was man vor Weihnachten kriechend auf allen Vieren hervorgeholt hat, muss nun kriechend wieder hingebracht werden. Und das Wegbringen ist immer schwieriger als das Hervorholen. Wegen den angefressenen Pfunden, und weil die Einstiegsluke so klein ist.

Jedes Jahr denke ich bei dieser Gelegenheit, dass ich doch jetzt ausmisten könnte, und den Weihnachtsschmuck endlich einmal sortieren sollte.

Irgendwie bleibe ich aber immer an den Erinnerungen hängen.

Je älter man wird, um so mehr Erinnerungen hat man. Erinnerungen, die so wertvoll sind, dass man auf keinen Fall vergesslich werden will. Weil sie eben so schön und oft an Dinge geknüpft sind. Also landet doch wieder alles in den Kartons und weg kommt nur, was kaputt gegangen ist.

Da ist zum Beispiel dieser goldfarbene Stern aus Gewürzen und Samen.

Eines der Kinder hat ihn gebastelt. Oder diese Kugeln, die ich zusammen mit meiner Tochter gekauft habe. Dann sind da die Schleifen, die mein Mann in der Bandfabrik selbst gewoben hat und die wunderbarerweise noch nie Feuer gefangen haben. Oder diese schönen Filzsachen, die ich ab und zu von einer ausländischen Freundin geschenkt bekommen habe und die ich ganz besonders mag. Denn so etwas Schönes hat sonst keiner.

Jedes Jahr werden die Sachen älter, jedes Jahr klebt mehr Kerzenwachs an ihnen.

Und jeder Jahr bringe ich sie wieder nach oben. Was mein Göttergatte mit einem Stirnrunzeln und entsprechenden Kommentaren zur Kenntnis nimmt:

«Mit einem Rollator wird das dann schwierig!»

Er sieht mir kritisch zu, wie ich die Kartons bäuchlings durch die Luke auf den Dachboden schiebe.

Hatten wir uns nicht vorgenommen, auszumisten, so lange wir das noch selbst tun können? Bevor es die Kinder für uns tun müssen und dann gnadenlos einen riesigen Container der örtlichen Entsorgungsfirma vors Haus stellen müssen?

Doch ja. Aber, hat es nicht noch Zeit? So ein, zwei Jahre?

Mir ist, dass ich das letztes Jahr schon dachte.

Wieso gehen ein, zwei Jahre auch so rasend schnell vorüber?

Wenn die Zeit etwas langsamer vorüber gehen würde, wäre das doch immer noch schnell genug.

Sollte ich mir vielleicht einen Termin setzen? So in ein, zwei Jahren?

Aber – hat das nicht noch Zeit?

 

Bild: Annie Spratt | Unsplash

Redaktionsassistentin, Autorin, Mutter von drei erwachsenen Kindern und Stiefoma einer Schulkind-Prinzessin. Schamgefühle sind nach so einer Mutter-Karriere wie der ihren kein grosses Thema mehr. Sie hat nicht immer Recht. Aber sie liegt selten falsch.

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