Wehmut – die ersten Familienjahre sind passé

Neulich, da überkam es mich. Total unerwartet, aber mit grosser Heftigkeit.

«Es ist vorbei!»

Schoss es durch mein Herz.
Die Lebensaufgabe ‘Familie gründen‘ – ich habe sie erfüllt.

Was mir bleibt sind Erinnerungen. Kümmerliche Erinnerungen. Die Fülle dieser Zeit an Emotionen und Erlebnissen ist reduziert auf ein paar wenige Momente, die sich in mein Herz eingebrannt haben.

Fünf Jahre ist es her. Ein Wimpernschlag. Ein Jahrhundert.

Fünf Jahre, in denen ich alt geworden bin. In denen ich mehr über das Leben und das Lieben gelernt habe als in all den Jahren zuvor. Fünf Jahre, in denen ich vieles aufgegeben habe. Vieles gewonnen. In denen ich eine andere geworden bin.

Mein Leben hat sich gefüllt. Die Tage, die Nächte. Sie sind heute unberechenbar. Meine Kräfte bewegen sich zwischen bärenstark Berge versetzen und hilflos überforderter Schreimutter. Es ist, als hätte sich ein neues Spektrum entfaltet. Als würde die Sonne durch meine Kinder scheinen und Regenbogen an die Wände zaubern, die zuvor eindimensional unspektakulär waren.

Ich erinnere mich an Bruchstücke.

Die erste Zeit als Eltern. Die Überforderung. Die Unwissenheit. Die Sorge. Das zuweilen harte Learning-by-experiencing. Wie ich unter der Dusche stand, vier Tage nach der Geburt, und das Baby im Zimmer nebenan plötzlich losbrüllte. Es ging mir durch Mark und Bein. Diese hundertprozentige Verantwortung für ein Lebewesen. Kein Meerschweinchen wie früher. Wo es nichts ausmachte, ob man den Stall einen Tag früher oder später putzte.

Plötzlich war ich verantwortlich für einen Menschen. Sein umfassendes Wohl. Und ich fühlte in diesem Moment, unter der Dusche, wie die Last dieser Verantwortung sich meiner bemächtigte. Und mit ihr die totale Überforderung. Das Unwissen darüber, was nun von mir verlangt wurde. Und wie ich diese Aufgabe zu erfüllen hätte.

Die ersten vier, fünf Monate. Zu dritt. Im Alltag häufig zu zweit. Mein Baby und ich. Viel Zeit. Zuweilen zuviel. Ein Ausgebremstsein aus dem Leben. Das ausserhalb meiner kleinen Familie in Riesenschritten weiterging. Und ich, mit dem Baby an der Brust, stand plötzlich aussen vor. Versuchte mitzuhalten. Was mir anfangs noch gelang, aber je länger je weniger.

Die Aufregung, als wir zum ersten Mal mit dem Baby spazieren waren. Wo wir gestern noch zu zweit der Aare entlang gingen, schoben wir nun einen Kinderwagen vor uns her. Fühlten uns stolz. Wie wenn wir etwas geschafft hätten. Dabei war es erst der Anfang. Der Anfang einer langen Reise. Die uns verändert hat. Als Paar. Und als Menschen.

Die unseren Alltag unser Leben auf den Kopf gestellt hat. Die uns weicher und barmherziger gemacht hat.

Die Wochenenden. Wisst ihr noch? Mit einem einzigen Baby. Was man da tut?

Man tut alles. Oder eben nichts. Zum ersten Mal überhaupt hat man die totale Legitimation, einfach auf dem Sofa zu liegen und nichts zu tun. Nur das Baby auf der Brust zu haben, das schläft. Und sich hebt und senkt, bei jedem Atemzug.

Oder als wir in den Ferien waren. Bereits um 5.30 Uhr wach. Weil das Baby wach war. Und essen wollte. Wie ich da stand, in unserem schicken Appartment. Aus der Zeit vor dem Baby gebucht. Über die Häuserdächer sah, das Meer fühlte. Wie die Sonne langsam aufging. Und ich das allererste Mal in Ferien einen Sonnenaufgang sah. Dankbar dem Baby für diesen Moment. Wenn das Leben die Romantik macht.

Dieses Baby ist fast fünf Jahre alt. Es hat überlebt. Und ich mit ihm.

Inzwischen bin ich für drei kleine Menschen verantwortlich.

Noch darf ich sie halten. Noch sind sie nicht zu schwer, um sie zu tragen. Noch kommen sie und wollen kuscheln.

Doch die ersten Momente. Das Neuland. Ich kriege sie nicht wieder.

Ich fühle Wehmut. Ein mir bisher unbekanntes Gefühl. Es gibt kaum etwas in meinem Leben, dem ich aktiv nachtraure. Kaum Dinge, die ich nicht bereits abgelegt und hinter mir gelassen hätte.

Doch diese erste Familienzeit will ich nicht gehen lassen.

Ich will sie nicht in der Vergangenheit begraben, wie all die anderen schönen und weniger schönen Momente in meinem Leben.

Ich möchte die Zeit anhalten. Die Stopptaste drücken. Ich möchte nicht raus hier. Ich will drin bleiben. In diesen fünf Jahren baden. Egal wie viel Stress sie mit sich brachten. Wie viele Tränen und wie viele Momente, in denen meine Grenzen überschritten wurden.

Wehmütige Menschen trauern Vergangenem nach. Und wer trauert, empfindet Schmerz.

Ich habe Schmerz in meinem Herz. Manchmal.

Weil mir das Glück zwischen den Fingern zerrinnt.

Ich kann es nicht auffangen. Nur in den rieselnden Glücksregen stehen. Der mich von Dreck befreit. Versickert. Doch die Quelle des Glücks. Sie sprudelt immer noch. Unaufhörlich.

Und eines weiss ich: So will ich mein Leben leben.
So getränkt im Glück, dass die Erinnerung daran mit Wehmut verbunden ist.

Das da ist übrigens mein erstes Baby. Der Kopfform nach zu urteilen, noch unheimlich jung. Genauso wie ich, als Mama. Läck mir…

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Hat nicht nur den Master in Psychologie. Sondern ist auch Master im Desaster, was ihr als Aufsichtsperson eines Fünf-, einer Drei- und eines Einjährigen sehr gelegen kommt. War mal Journalistin in Zürich, jetzt ist sie freischaffende Mutter in Bern.
Mehr zur Journalistin: autor.in

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