Mama's Alltag,

Ein Besuch bei der Kinderärztin

Die Praxis unserer Kinderärztin ist eine Art Zweitwohnung. Zumal man bereits bei der Eingangstüre geheissen wird, Schuhe auszuziehen und in Socken oder gruseligen Gästefinken herumzugehen (say whaaat?!?). Abgesehen vom Kuschelfeeling, ist es auch die Regelmässigkeit, die’s ausmacht, dass man sich in der Praxis der Kinderärztin wie Zuhause fühlt. Kaum ein Monat vergeht, an dem ich nicht mindestens einmal – in der Regel mehr als einmal – mit der Kinderschar aufmarschiere. Anhaltendes Fieber, Unfälle, Bauchweh. Und mit dem Baby sind da wieder die fast monatlichen Kontrolltermine. Ebenso einer fand letzte Woche statt.

Die Praxisassistentin verlangte bereits am Telefon, ich solle einen Babysitter mitbringen.

Das mag ein durchaus begründetes Anliegen sein. Bloss: Finde mal einen Babysitter, der am Freitag Vormittag einfach so mal ein, zwei Stunden spontan Freizeit hat, die er in einer Kinderarztpraxis verbringen möchte. Äbe. Also blieb es bei mir und drei Kindern. In meiner Vorstellung ein durchaus entspanntes Szenario. Schliesslich hätte es dort Spielzeug und ich zu Not das iPhone dabei.

Entspannt war schlussendlich nur die Ärztin. Denn kaum hatte sie begonnen, den Entwicklungsstatus von K3 zu beurteilen, rannte K1 zur Türe. «Halt!», rief ich und hechtete sogleich hinterher. «Gaggi», heulte das Kind verzweifelt und mit einem Blick über die Schulter rief ich der Kinderärztin zu, ich käme gleich wieder und rannte mit K1 aufs Klo.

Zurück im Zimmer roch es nicht anders als auf der Toilette. K2 hat die Gunst der Stunde genutzt, seinerseits die Windeln zu füllen. Ich wühlte mich durch die vollbepackte Wickeltasche, doch alle Windeln, die sich darin befanden, waren für Babys konzipiert. Grössere befanden sich im Auto, drei Stockwerke und einmal um den Häuserblock weit entfernt.

Ich liess es darauf ankommen. Der Kontrolltermin von K3 würde in Kürze beendet sein. Dann noch kurz ein Gesundheits-Check bei K1 und es wäre auch schon wieder Zeit für die Verabschiedung.

Dann begann K3 zu brüllen. Hunger.

Ich hatte heisses Wasser, kaltes Wasser und Schoppenpulver dabei. Dummerweise noch einzeln verpackt. Aber: Nur noch zusammenmischen und K3 würde Ruhe geben. Bloss waren da noch die Kinderärztin und K1. Diverse Fragen zu K1, die ich akkustisch kaum verstand und daher gezwungen war, K3 erstmal mit Schnuller auf der Schulter zu platzieren.

Nun herrschte zwar Ruhe. Aber der Gestank aus K2’s Windel hatte sich potenziert.

Inzwischen schwitzte ich wie Sau. In meinem Kopf spielten die drei Hauptprioritäten der Situation «Hunger, Windeln und Kinderärztin» Karussellfahren und mir wurde ganz schwindlig davon.

Irgendwann verschob sich dann die Priorität «Mit Kinderärztin kommunizieren» zu «Windelwechseln». Schüchtern fragte ich nach, ob sie denn Windeln in Kleinkindgrösse hätten. Hatten sie.

Mit dem Windelwechsel erfolgte das Chaos. K3, hingelegt, schrie wie am Spiess. K2 liess sich von K3’s Hungergefühl anstecken und begann seinerseits, Reiswaffeln zu verlangen.

Ich blieb cool. Was hätte ich sonst tun sollen?

Der Kinderärztin das Baby in die Arme drücken mit den Worten «Halt mal»? Aber da war die Stimme der Praxisassistentin und deren Hinweis «Nehmen Sie doch bitte einen Babysitter mit». Also liess ich es bleiben. Selberschuld.

Weil K3 eh schon weinte, machte ich nach dem Windelwechsel mit dem Schoppenmischen weiter. War zeitgleich nonstop damit beschäftigt, K2 auf Distanz von meiner Wickeltasche mit den Reiswaffeln zu halten und weiterhin zu konversieren.

Der Supergau kam aber erst noch.

Dann nämlich, als mein Babysitter iPhone endlich seine Dienste tat und die grösseren Kinder damit ruhiggestellt waren. K3 happy in meinen Armen lag und Fläschchen trank.

«Wir werden jetzt dann gleich eurem Bruder zwei Spritzen geben, vielleicht wird er etwas weinen» – die Kinderärztin.

Böser Fehler.

Denn auf der Stelle heulte das total empathische K2 auf. Und liess sich nicht mehr beruhigen. Nach den Spritzen heulte dann auch K3. K1 genoss glücklicherweise das alleinige Nutzungsrecht des iPhones. Und ich nickte, zwei weinende Kinder auf den Armen, der Kinderärztin zum Abschied.

Es geht auch ohne Babysitter, keine Frage. Aber wenn zwei Kinder beschliessen, genau in der knappen Stunde, in der man bei der Kinderärztin ist, zu scheissen. Dann ist das der Anfang vom Ende der coolen Mutti.

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Autor

Hat nicht nur den Master in Psychologie. Sondern ist auch Master im Desaster, was ihr als Aufsichtsperson eines Vier-, einer Zweijährigen und eines Babys sehr gelegen kommt. War mal Journalistin in Zürich, jetzt ist sie freischaffende Mutter in Bern. Mehr zur Journalistin: autor.in | Mehr zum Lesen: moidame.ch

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