Wir sind Landeier

Der Umzug ist geschafft. Ein Frühlingsputz – für andere Leute. Das ganze Haus einpacken und im neuen Zuhause wieder auspacken. Kleinkindern klarmachen, dass Zuhause jetzt eben hier ist und nicht mehr dort.

Unser Zuhause ist jetzt riesig. Wir besitzen ungefähr ein Möbelstück pro Raum und im Moment noch ein ganzes Zimmer, in dem wir den Zügelabfall lagern können – ohne darüber zu stolpern. Ja, sogar ohne was davon zu sehen. Crazy. Wir werden gleichzeitig beglückwünscht, benieden, als verrückt abgestempelt und von den älteren Generationen bemitleidet («Putzen, jesses, das musst du alles putzen!»).

Egal aus welchem Fenster ich schaue, ich sehe Pferde. Oder Lamas. Oder Kühe. «Mein Gott, wie werden sich deine Kinder bloss entwickeln, wenn sie Teenager sind?» – das Wort ‚Landei‘ ist noch nicht gefallen. Aber dieses leicht panisch angehauchte Zitat steuerte wohl in diese Richtung.

Am zweiten Abend nach unserem Einzug klingelte es an der Türe. Die ich öffnete. Davor stand ein überdimensioniertes Blumenbukett, dahinter zwei Menschen, die wie Landeier aussahen und zusätzlich zum Bukett noch eine Schachtel davon in der Hand hielten. «So heisst man auf dem Land wohl neue Nachbarn willkommen», schlussfolgerte ich, und fragte zur Sicherheit nochmals nach, für wen das Bukett denn gedacht sei. «Na, das Geburtstagskind», sagte das Bukett. Ironie kennen sie hier also auch, dachte ich.

Das Bukett und das Landei mit der Schachtel Landeier schoben sich in unser Wohnzimmer. Alles wirkte befremdlich. Bis sich herausstellte, dass das keine Nachbarn von uns waren, sondern Weitgereiste. Dann war’s noch etwas befremdlicher. Schliesslich fanden sie heraus, dass die Vormieter inzwischen nicht mehr hier leben. Ich fand heraus, dass das Bukett doch nicht für mich, sondern für die Vormieterin gedacht war. Wir fanden heraus, dass alles ein grosses Missverständnis war.

Doch keine so üppige Willkommenskultur.

Die Landeier durften wir behalten. Das Bukett verschwand in der Nacht. Ich schlief ein, im Dachfenster der Ausschnitt des Sternenhimmels, den ich in der Stadtnähe bisher nie sehen konnte.

Der Start ins Leben auf dem totalen Land war bisher verheissungsvoll. Was kommt, wissen die Sterne – oder auch nicht.

Hat nicht nur den Master in Psychologie. Sondern ist auch Master im Desaster, was ihr als Aufsichtsperson eines Vier-, einer Zweijährigen und eines Babys sehr gelegen kommt. War mal Journalistin in Zürich, jetzt ist sie freischaffende Mutter in Bern. Mehr zur Journalistin: autor.in

One thought on “Wir sind Landeier

  1. Willkommen in Bern!!:-) Hier ist es auf dem Land wirklich wunderschön, wartet mal den Vollmond ab – da brauchts keine Taschenlampen mehr!
    Und für die Kinder ist es doch toll, Spielwiese weit und breit und immer fit dank dem Velofahren;-) Gutes einleben und angewöhnen!

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