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Eine Weihnachtsgeschichte: Die Schuld des Weihnachtsbratens

Eine Weihnachtsgeschichte – wie sie in den besten Familien passieren kann. Zum Vorlesen oder selber lesen. Zum Einstimmen. Zur Vorfreude. Zum Weihnachten feiern. Aber lest selbst:

Es war Heilig Abend. Der Papa war damit beschäftigt, den Weihnachtsbaum in den Ständer zu stecken. Er werkelte in der Garage rum. Die Mama war in der Küche. Sie bereitete den Weihnachtsbraten zu, damit sie ihn dann nur noch in den Ofen schieben konnte. Sie hatte auch sonst alle Hände voll zu tun. Sie wollte gerne, dass es nett aussah. Sie hatte das Haus festlich hergerichtet. Die Mädchen hatten ihr dabei geholfen.

Jetzt gab Mama ihnen Anweisungen, wie sie dann den Baum zu schmücken hätten. Nina und Tina, die Zwillinge, nickten eifrig. Sie liefen in die Garage, um zu sehen, wie weit der Papa mit dem Baum war.
Der Tisch musste auch noch gedeckt werden, und wenn der Baum geschmückt war, würden alle ihre Geschenke darunter legen.

Die Grosseltern, Tante Ida und Onkel Michael würden um fünf Uhr erscheinen, und bis dahin musste alles fertig sein. Mama hatte den kleinen Tim gebeten, im Keller Mineralwasser zu holen, und dann vor dem Haus Schnee zu schippen.

So lief Tim in den schneebedeckten Garten.

Er holte seine Schneeschaufel aus dem Schuppen und befreite den Zugang von der weissen Pracht, so gut er das eben konnte. Den Schnee ganz gleichmässig weg zu kriegen, war nicht möglich, dazu war er zu schwer. Also trat er den Rest fest, füllte Unebenheiten aus, holte mit der Giesskanne etwas Wasser und trampelte darauf herum, bis es ihn schön genug dünkte.

Dann stellte er die Schaufel in den Schuppen zurück und ging ins Haus.

Gegen Abend durchzog leckerer Bratenduft die Wohnung. In Festkleidung warteten alle auf die Gäste. Kurz vor fünf hörten sie den Wagen vorfahren. Autotüren klappten, Tim lief freudig zur Türe und wollte den Gästen entgegen rennen.

Aber er geriet auf dem inzwischen eisig gefrorenen Zugang aus und glitt Oma und Tante, die mit Taschen und Paketen beladen waren, zwischen die Beine. Die beiden Damen torkelten, kreischten, und fielen hin. Die rundliche Tante fiel auf Opa, der sie versuchte aufzufangen, aber ihrem Gewicht war der schmächtige Mann nicht gewachsen.

Sie fielen beide in den Schnee.

Die Pakete flogen in alle Richtungen und Schnee wirbelte auf. Die Oma stolperte rückwärts auf Onkel Michael und alles was Tim noch sah, war Omas Unterrock und jede Menge Beine.

Vom Geschrei aufgeschreckt eilten die Eltern und die Zwillinge herbei. Wie Tim rutschten sie aus und vergrösserten den zappelnden Haufen Menschen, der sich hier angesammelt hatte.

Prustend und ächzend standen alle auf, wischten sich gegenseitig den Schnee von der Kleidung und testeten, ob die Knochen noch heil waren. Dann versuchten sie vorsichtig, wieder ins Haus zu gelangen. Sie hielten sich aneinander fest, aber dauernd rutschte eins aus und fiel hin.

Da wurde es dem Vater zu bunt.

Er holte ein paar Bretter aus der Werkstatt und so konnten sie sicher ins Haus.

Die Gäste zogen die Mäntel aus und gingen in die kleine Stube. Die Mama eilte gestresst in die Küche.

Es roch leicht angebrannt. Gerade noch rettete sie das zarte Gemüse vor dem Verkohlen. Sie richtete an und rief eilends zu Tisch. Voller Erwartung setzten sich alle auf ihre Plätze.

Voller Stolz erschien Mama mit dem Braten und stolperte dabei über den Teppichrand. Sie versuchte, die Platte festzuhalten und machte seltsame, akrobatische Verrenkungen, aber es half nichts. Der Braten trennte sich von der Fleischplatte und flog in hohem Bogen auf Ida zu.

Tante Ida erkannte die Gefahr, und fuhr in die Höhe. Der Stuhl flog nach hinten und traf mit Wucht den Weihnachtbaum. Der heisse Braten landete auf Opas Brust, der neben Ida gesessen hatte. Die kostbare Platte knallte gegen das Klavier und fiel zu Boden, wo sie in drei Teile zerbrach. Der Weihnachtsbaum kippte um, es klirrte und krachte. Opa schoss ebenso vom Stuhl hoch und schrie laut auf. Er warf die Hände in die Höhe und machte einen Sprung zur Seite.

Der herrliche Braten fiel zu Boden.

Opa verlor das Gleichgewicht und stolperte über den Baum und die Pakete, und riss so nebenbei noch die alte, hohe Standuhr um. Diese fiel mit einem lauten Knall gegen den Tisch. Das Glas vor dem Zifferblatt zerbarst, Teller und Gläser gingen in die Brüche und Besteck flog umher. Der Lärm ging allen durch Mark und Bein und sie verstärkten ihn mit ihrem Geschrei.

Dann wurde es sehr still.

Alle schauten sich entsetzt an. Opa wischte sich mit der Damastserviette bedächtig die Sosse aus dem faltigen Gesicht und den buschigen Augenbrauen. Er versuchte, die Nadeln vom Christbaum aus den Kleidern zu entfernen. Er merkte aber, dass er Harz an den Fingern hatte. Ida versuchte die Flecken vom schönen Kleid wegzukriegen und Oma schüttelte den Kopf. Die Kinder standen mit offenem Mund da. Was hatten die Grossen da bloss angerichtet. Papa kratzte sich am Kopf. Die Standuhr hatte er geerbt und sie reute ihn.

Plötzlich, zuerst nur ganz leise, gerade als Mama zu weinen anfangen wollte, hörte man ein Kichern.

Es wurde lauter und dann brachen die Zwillinge in lautes Lachen aus. Bewegung kam in die erstarrte Schar und alle lachten, bis ihnen die Tränen kamen.

Der Papa meinte leicht verstört, und mit zögerlichem Blick zu Mama hin: «Das glaubt uns keiner! Was so ein Weihnachtsbraten aber auch alles anrichten kann!»

Dann versuchten sie zu retten, was noch zu retten war. Oma schüttelte weiterhin den Kopf und seufzte:

«Was habe ich doch für eine furchtbare Familie!»

Später sassen alle einträchtig beim notdürftig wieder hergerichteten Baum. Arg ramponiert, mit kaputten Christbaumkugeln, dem zerzaustem Lametta und den abgebrochenen Kerzen stand er schief im Ständer. Die Mama setzte sich ans Klavier. Andächtig sangen sie die wundervollen, alten und berühmten Weihnachtslieder bis hin zu neuen, englischen Songs, bis ihnen die Luft ausging und sie alles gesungen hatten, was ihnen in den Sinn kam.

Sie lasen die Weihnachtsgeschichte der wunderbaren Geburt Jesu aus der dicken und schönen Bibel mit den tollen Bildern. Dann packten sie die etwas lädierten Geschenke aus und freuten sich über das, was mit viel Liebe für jedes ausgesucht worden war.

Tim sass mit roten Wangen inmitten von zerknülltem Weihnachtspapier. Glücklich meinte er: «Das war die coolste Bescherung, die wir je hatten. – Papa, das machen wir nächstes Jahr wieder so, nicht wahr?»

 

Hier findet ihr noch die Weihnachtsgeschichte zum Vorlesen an Heilig Abend als PDF zum Herunterladen.

© Weihnachtsgeschichte by Marianne Helena Plüss 2016
Bildnachweis: Max Oppenheim, Thinkstock

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Autor

Redaktionsassistentin, Autorin, Mutter von drei erwachsenen Kindern und Stiefoma einer Schulkind-Prinzessin. Schamgefühle sind nach so einer Mutter-Karriere wie der ihren kein grosses Thema mehr. Sie hat nicht immer Recht. Aber sie liegt selten falsch.

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Tommys Geschenk | Marianne Helena Plüss

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