Die Weihnachtsfalle

Echt. Alle Jahre wieder. Ich tappe echt jedes Jahr in die dämliche Weihnachtsfalle. Jedes. Jahr.

Ich veranstalte irre Backorgien mit den Kindern. Verteile selbstbewusst Einladungen an die Hälfte aller Erdenbürger: «Hey ja, ihr Lieben, kommt doch Weihnachten zu uns!» Warum. Auch. Nicht.

?

Lasse gigantische Dekobomben explodieren. Und hab höhere Ansprüche an die Geschenke, als meine Kinder.

Vielleicht seid ihr ja total cool und gechillt. Vielleicht habt ihr euch schon an Ostern geschworen, dass ihr an Weihnachten den abweisenden Gastwirt spielen werdet. Ihr seid so cool! Sagt mir bitte: Wie um alles in der Welt macht ihr das?

Weil ich bin, wenn es um Weihnachtsfallen geht, tierisch begabt für Fehltritte.

Ich weiss. Ich weiss.

Jeder weiss es. Der doofe Weihnachtsstress.

Der alljährliche Vorsatz früh genug an die Geschenke zu denken. Die Verwandten nicht einzuladen. Sich geschickt einladen zu lassen. Die höfliche Frage entgegen husten, ob man etwas mitbringen soll. Und dann ganz unauffällig und geschwind das «nein, schon gut» akzeptieren.

Ja. Ich kenne alle Strategien. Jedes Ausweichmanöver. Aber ich versande ja doch jedes Jahr im Chaos, weil ich Weihnachten einfach viel zu ernst und mich zu über-nehme.

Warum tue ich das?

Vielleicht ist das Problem, dass meine eigene Erinnerungen an Weihnachten gespeichert wurden, als mein Gehirn noch eine kindliche Grösse hatte. Es war wunderschön in schmelzende Kerzen zu fassen und das heisse Wachs an meinem Finger – nein, an allen 10 Fingern – kühlen und erhärten zu lassen. Es war wunderschön Teig zu kneten, Mehl zu streuen und klebrigen Zuckerguss auf die fertigen Weihnachtsplätzchen zu pinseln.

Meine Mutter war vermutlich total cool und gechillt. Oder ich habe ihren Nervenzusammenbruch komplett aus meiner Erinnerung ausgeblendet.

Aber ich durfte all diese schönen Dinge machen.

Den Weihnachtsbaum dekorieren, backen, Kerzen ziehen und – Respekt meiner Mutter – sogar Lebkuchenhäuser bauen!

Meine Mutter flog wie ein Engel um all die Gäste herum und servierte köstlich duftenden Braten und selbstgebackene Plätzchen.

Hach, wie schön. Das kann ich auch.

In meiner Erinnerung der Realität davon schwelgend – und schon schnappt die Weihnachtsfalle zu.

Doch statt Engel, bin ich mehr so der Grinch.

So kommt es mir jedenfalls vor. Vielleicht werden meine Kinder ja derselben Täuschung erliegen. Denn wenn ich ehrlich bin, habe ich auch an letztes Jahr nur die besten Erinnerungen.

Und an das Jahr davor. Und davor. An den herrlichen Duft frischgebackener Plätzchen in der Wohnung. An das Geräusch des lieblosen Zerreissens von Geschenkpapier. An meine superglücklichen Kinder.
Und – was auch immer ich dort geraucht habe – an mein superglückliches Ich.

Und ich werde es auch nächstes Jahr haben. Vermutlich auch übernächstes Jahr.

Seltsamerweise haben Weihnachtslichter wohl denselben Effekt, wie das Blitzdings der MIB. Gebt mir zehn Monate und ich werde total verblendet wieder ins Chaos stürzen.

Und kopfschüttelnd über mein motziges Ich lachen, dass doch jedes Jahr aufs Neue alle Verwandten zu sich nach Hause einlädt und paar Tage vor dem Trubel zum Grinch mutiert.

Mirjam ist Mitgründerin von Mamas Unplugged und seit Herbst 2017 mit ihrer Familie auf Weltreise unterwegs. Mit Fahrrad, Zelt und Hund. Wer aktuelle Blogs von ihr lesen will, findet die auf www.familiemettler.ch

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