Vollblut-Mutter

Ich bin und war Vollblut-Mutter.

Bei der Zeugung war ich nämlich voll mit dabei. Die ganzen neun Monate der Schwangerschaft ebenso. Denn ich litt an Hyperemesis und habe drei Schwangerschaften lang 40 Wochen jeden Tag mehrmals erbrochen. Trotzdem hiess es arbeiten. Der Haushalt erledigte sich blöderweise nicht von selbst. Mütter arbeiten doch immer irgendwo und irgendwie. Mit Halsschmerzen, Gipsbein, einem schreienden Kind im Arm, daheim oder wo sonst auch das Leben sie hingestellt hat.

Bei der Geburt war ich ebenfalls immer voll dabei. Wie auch beim Stillen, Windeln wechseln und Füttern. Dann bei den Hausaufgaben. Ich war bei den Kindern, wenn sie Scharlach, Ziegenpeter, Läuse oder Mumps hatten. Ich war da, wenn sie miese Noten heimbrachten oder Streit mit Kameraden hatten und Trost brauchten. Ich klebte sie wieder zusammen, wenn sie mit Platzwunden angerannt kamen, und zog ihnen die Kakteenstacheln aus dem Po. Ich war auch da, wenn sie wie eine ganze Fussballmannschaft rochen und  den ersten Liebesschmerz durchlebten. Ich eilte mit dem Becken herbei, als sie mit dem ersten Rausch das Bett voll kotzten und meinten, sterben zu müssen. Ich war der Fels in der Brandung, der die Wäsche wechselte und das Kotzbecken tapfer festhielt. Ich war zur Stelle, als sie den ersten Wagen zu Schrott fuhren, nach Haschisch rochen und seltsame Hosen mit Löchern trugen, die in meiner Jugend nur ein Obdachloser besessen hätte. Ich habe also immer gearbeitet, geliebt, getröstet, gepflegt und den Dreck weggeputzt. Denn, Mütter, die nicht arbeiten, die gibt es gar nicht. Dass Mütter nicht arbeiten, sagt nur wer nicht schnallt, was es heisst, Mutter zu sein. Weil sie selbst nie Mutter waren und die Unterhosen immer gewaschen kriegten. Und die  denken, dass Mütter tun und lassen können, was sie wollen, während sie selbst vom Chef gepiesackt werden. Keine Mutter kann tun und lassen, was sie will, denn welche Mutter wechselt die Windel erst, wenn es ihr passt? Es wird ihr vorher stinken. Welche Mutter stillt erst dann, wenn sie gerade mal so Lust drauf hat? Entweder wird der Erzeuger ihrer Kinder bald einmal genervt sagen: „Ist es nicht Zeit zum Stillen? Das Gebrüll macht mich rasend!“ – oder aber eine Mastitis wartet ihrer.

Mütter retten das Land, schenken ihm neue Steuerzahler, Arbeiter, Fachleute, Bürger, Rentenzahler. Mütter machen nie nur halbe Sachen, ein halbes Kind, ein halbes Essen oder eine halbe Wäsche. Sie wischen nicht nur den halben Fussboden auf oder waschen nur die halbe Unterhose ihres Lieblingsmenschen. Sie machen ganze Sachen, sind überbeschäftigt und unterbezahlt. Mütter müssen verrückt sein…

Auch wenn wir Mütter finanziell gesehen, die schlechteren Karten haben – Muttersein ist dennoch sehr oft befriedigend. Denn nichts geht über das Glücksgefühl, einige Jahre – wenigstens ungefähr bis zum Eintreten der Pubertät – ein paar Menschen um sich zu haben, die einen vorerst einmal wirklich bedingungslos lieben…

Redaktionsassistentin, Autorin, Mutter von drei erwachsenen Kindern und Stiefoma einer Schulkind-Prinzessin. Schamgefühle sind nach so einer Mutter-Karriere wie der ihren kein grosses Thema mehr. Sie hat nicht immer Recht. Aber sie liegt selten falsch.

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