Pinkelsausen mit Urinprobe

Seit meine Tochter einen auf Infekt-Projekt macht, bin ich gezwungen, eine Urinprobe nach der anderen abzufangen.

Und diese Urinprobe dann mittels Teststick auszuwerten. Die einfachste Möglichkeit, an Urin zu gelangen, ist das Kleben eines Plastiksacks, was – gut positioniert – ein Selbstläufer ist. Diese Art der Uringewinnung ist jedoch bei Ärzten wegen grösserer Verunreinigungsgefahr und entsprechender Verfälschung der Testergebnisse unbeliebt.

Sie weichen deswegen auf die Methode der Wahl aus: Urinprobe per Bechermethode. Man hält dem Kleinkind einen sterilen Becher so lange hin, bis es reinpinkelt. KEIN Selbstläufer, wie man sich unschwer vorstellen kann.

Gestern morgen war es wieder soweit. Eine Becherurinprobe stand an. Meine Tochter, inzwischen Urinproben-traumatisiert, verweigerte das Pinkeln. Streckte sich durch, kaum erblickte sie den Becher. Brüllte. Krabbelte schliesslich unter den Tisch. Ich robbte mit dem Becher hinterher. Wohlwissend, dass die Wahrscheinlichkeit, so einen Tropfen Urin aufzufangen, relativ gering ist.

Ich holte das Töpfchen, Becher rein, Tochter drauf, Youtube-Filme ab. Als ich befürchtete, der Filmkonsum würde ungesunde Ausmasse annehmen, die Tochter feuerrote Abdrücke an den Unterschenkeln hatte und nirgendwo Urin zu sehen war, überlegte ich kurz, selber in den Becher zu pinkeln. Denn jetzt – nach einer Stunde ohne töchterliches Pinkeln – auf die Toilette zu gehen, wäre fahrlässig. Der Urin musste kommen. Jeden Moment würde es soweit sein.

Ich seufzte. Nahm sie auf den Schoss und platzierte sie so, dass der Urin direkt in den Becher laufen würde. Sass deswegen da wie in einer fortgeschrittenen Yoga-Übung. Lange würde ich das nicht durchhalten.

Dann endlich.

Sie pinkelte!

Urinprobe completed.

Auf meine Hose, auf meine Socken. Ein bisschen noch auf den Teppich. Und noch ein bisschen weniger in den Becher.

Die Verzweiflung, die sich einem in einer solchen Situation bemächtigt, ist mit nichts aus dem normalen Alltag zu vergleichen. Zumal die Blase erstmal leer war und die nächste Uringewinnungsübung ähnlich aufwändig ausfallen würde.

Ich verschloss das sterile Töpfchen mit den wenigen Tröpfchen. Klebte ihr als Backup einen Plastiksack. Platzierte den so schlecht, dass danach beim Kinderarzt nur unwesentlich mehr Urin im Sack als im Becher war. Aber – das die gute Nachricht – es war genug. Und, noch besser, der Urin war gut.

Hat nicht nur den Master in Psychologie. Sondern ist auch Master im Desaster, was ihr als Aufsichtsperson eines Vier-, einer Zweijährigen und eines Babys sehr gelegen kommt. War mal Journalistin in Zürich, jetzt ist sie freischaffende Mutter in Bern. Mehr zur Journalistin: autor.in

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