Ende der Reproduktivität

Unfruchtbar. Und trotzdem habe ich geträumt, ich sei schwanger.

Vor einem Jahr wär ein derartiges Happening unter die Kategorie Albtraum gefallen. Denn Babys sind anstrengend, machen dick, müde und weinerlich.

Zwei Kinder zu haben entspricht dagegen voll dem Trend. Spart Nerven und Ressourcen und lässt Platz für das Ego. Ab dem Dritten wird es schwierig. Dieser total politisch inkorrekten Meinung bin ich nach wie vor.

Vielleicht. Vermutlich. Unter Umständen ist das so, weil ich gar keine andere Wahl habe.

Denn meine Schleusen sind dicht. Der Hahn ist zu. Das Tor geschlossen. Ich bin, wenn man so will, unfruchtbar.

Nach der Geburt unserer Tochter – Kind Nummer Zwei – haben wir uns für ein langfristiges Verhütungsmittel entschiedenen: Wir haben all meinen Eiern auf ewig den Zugang zu meinem Fruchtbarkeitsbasar versperrt.
Genauer gesagt hat der Arzt den letzten Riegel geschoben. Da unsere beiden Kinder eine genetische Krankheit haben, war und ist diese Entscheidung uns praktisch abgenommen worden. Denn wir wollten es vermeiden, weitere Risiken einzugehen.

Und wir waren und sind mit dieser Entscheidung glücklich.

Da ich jedoch relativ jung (mit sage und schreibe 25 Jahren) Kinder bekommen habe, bin ich jetzt in einem Alter, indem meine Bekannten und Freunde alles andere als unfruchtbar sind. Im Gegenteil. Sie sind höchst reproduktiv.

In meiner Welt heisst das: Niedliche Babykleider kaufen, Windeltorten basteln und erneut auf Tuchfühlung mit Babykotze gehen, wenn ich meine Freunde besuche. Und ich bin ja froh, habe ich es hinter mir: Die geschwärzten Augenringe, die anti-erotische, aber super-stillfreundliche Mamakleidung und den voll Stilldemenz durchzogenen Alltag.

Anstatt mich wie eine kugelige Dolly Buster zu fühlen, mache ich Yoga-Übungen und backe zuckerfreie Kekse. Ich geniesse mein unfruchtbares Dasein und die Tatsache, dass ich mir in Sachen Verhütung keine Gedanken mehr machen muss.

Dennoch wagt es mein Unterbewusstsein trotz Diagnose unfruchtbar, in wildesten Fruchtbarkeitsträumen zu schwelgen. Schwangerschaftstest, Walfisch-Figur und Geburt: In meinem Traum war alles vorhanden. Vom Schock bis zur Freude, über das bis ins letzte Detail erträumte Baby.

Unfruchtbar sein hat also durchaus seine Vorzüge.

Trotzdem wird man ja wohl noch träumen dürfen.

 

 

 

Mirjam ist Mitgründerin von Mamas Unplugged und seit Herbst 2017 mit ihrer Familie auf Weltreise unterwegs. Mit Fahrrad, Zelt und Hund. Wer aktuelle Blogs von ihr lesen will, findet die auf www.familiemettler.ch

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