MamaMomente,

Liebe sie

Fünf Monate, fast ein halbes Jahr also, ist meine einjährige Tochter krank.

Mal Grippe, mal Erkältung, mal Zähne, mal grösserer Infekt, mal Fieber. Nichts Gravierendes eigentlich. Bloss: Es hört nicht mehr auf.

Ich bin Stammkundin beim Kinderarzt, habe unterschiedliche Abteilungen im Kinderspital kennengelernt. Nach einigen Tagen Normalität kehrt die inzwischen fast schon normalere Normalität des Krankseins zurück. Und hierbei erschliesst sich mir der psychologische Begriff des «Familiensystems» in seiner umfassenden Deutlichkeit und Bedeutung: Ist ein Kind krank, krankt das System.

Während also die Tochter krank ist, reagiert der Bruder empfindlichst auf die daraus resultierenden Sonderbehandlungen für die Schwester und das erhöhte Stresslevel. Was seinerseits das generelle Stresslevel sicher nicht positiv beeinflusst. Und ganz sicher nicht das Verhalten, die Einschlaf- und Durchschlafbereitschaft.

Ich selbst bin irgendwann von ‚flexibel freischaffend‘ zur totalen Hausfrau mutiert. Trauriger Höhepunkt meiner Selbstaufgabe, als ich während vier Wochen jeden einzelnen Abend zur Bettwache gezwungen wurde. Von der Tochter. Qualvolle eineinhalb Stunden für sie wie für mich brauchte sie jeweils, um einzuschlafen. Egal, ob ich sass, sang, streichelte oder schaukelte. Krank halt.

Reihenweise sagte ich Termine ab. Zuerst die verzichtbareren. Dann die wichtigen. Und zu guter Letzt vereinbarte ich einfach keine mehr. Stresslevel geringst halten, lautete die Devise.

Ich war ein Mamazombie. Mit dunklen Augenringen, Tunnelblick, ohne Frisur, Stil und Ambitionen. Schaffte knapp den Einkauf, das bisschen Haushalt und nicht immer grad überall loszuheulen. Überlebensmodus.

Obwohl ich versuchte, die Vorteile des ganzheitlichen Mamadaseins zu sehen und zu geniessen, irgendwann wurde aus dem Familienfilm ein Albtraum. Ich in der Hauptrolle als Bedienstete aller Beteiligten. Eine Stopp-Taste gab es nicht. Nur einen nächsten Krankheitsschub.

Ich wollte Kinder. Ich war begeistert, dass sie auf die Welt kamen. Doch wenn man jeden Tag und wir reden von 24h-Tagen nonstop damit beschäftigt ist, sie zu füttern, ihre Launen zu ertragen, ihre Windeln zu wechseln. Werden sie irgendwann zum Job. Den man erledigt. Und wo man – vor allem wenn die Tochter krank ist – froh sein kann, wenn Feierabend ist.

Dann kommt RTL.  An einem weiteren langen Tag. TV-Abend zum Abschalten. Ein kleines, eigentlich bei der Geburt gestorbenes Baby. Hochemotional wird in einer die10-Chartshow gezeigt, wie es in den Armen seiner Mama zurück ins Leben findet. Die es einfach hält. Und liebt.

Noch während ich den Film schaue, beginnt meine Tochter im Schlaf zu weinen. Was bedeutet: Wieder einmal den Feierabend verschieben. Wieder verzichten auf meine Zeit, meine Bedürfnisse zurückstellen.

Doch diesmal ist es anders.

Ich gehe hin. Nicht wütend, erschöpft, traurig, genervt. Wie so häufig in letzter Zeit.
Nicht mit dem Ziel «Hauptsache, endlich Ruhe!»

Ich gehe einfach. Als Mama.

Ich halte sie. Ich liebe sie.
Und verspüre so viel Dankbarkeit.
Für dieses kleine, zarte Wesen.
Das mich braucht.
Das mich liebt.
Das in seiner Bedürftigkeit, mit seiner Seele, so offen und verletzlich.
Einfach ist. Und ich darf sie halten. Ihr Schutz und Wärme und Liebe geben.

Hoffentlich noch lange lange lange.

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Autor

Hat nicht nur den Master in Psychologie. Sondern ist auch Master im Desaster, was ihr als Aufsichtsperson eines Vier-, einer Zweijährigen und eines Babys sehr gelegen kommt. War mal Journalistin in Zürich, jetzt ist sie freischaffende Mutter in Bern. Mehr zur Journalistin: autor.in | Mehr zum Lesen: moidame.ch

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