Paris und Solidarité

Tankstelle. Sonntag Vormittag. Mein Mann steigt mit einer dunkelroten Rose ins Auto.

«Gut so?», fragt er. Ich nicke. «Etwas kitschig halt.»

Mit einem schwarzen Band befestige ich das Kärtchen an der Rose. Darauf geschrieben:

Liberté.
Égalité.
Fraternité.

Paris und Solidarité.

Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Solidarität.

Wir suchen die Französische Botschaft. Hinten im Auto werden die Kinder quengelig. Noch nie habe ich sowas gemacht. Ich komme mir pathetisch vor. Die aufgeschriebenen Worte tönen hohl. Die Rose sieht billig aus. Unsere Absicht, sie vor der Botschaft zu deponieren, ebenfalls.

«Parke etwas weiter entfernt», bat ich meinen Mann, als wir unser Ziel erreicht haben. Von Polizeiautos umstellt. «Hat es überhaupt Blumen dort?», frage ich. Unsicher, ob unser Vorhaben wirklich sinnvoll ist. Mein Mann nickt.

Dann spazieren wir zur Botschaft. Eine Bilderbuchfamilie. Unser Sohn hält unserer beide Hände. Hüpft begeistert. Mein Mann trägt die Rose mit der Karte. Ich schäme mich. Obwohl ich anfänglich die Idee, unseren Sonntagsausflug etwas politischer zu gestalten, passend fand. Hier, so kurz vor dem Ziel, empfinde ich zu wenig Mitgefühl. Zu wenig Überzeugung. Zu wenig Solidarité.

Anders in jener Nacht. #paris hielt mich wach. Ein Alptraum. Bloss, dass ich dabei nicht schlief. Alles, was geschah, geschah wirklich. Im richtigen Leben. Sechs Autofahrstunden von mir entfernt. Und ich verfolgte hilflos auf dem Smartphone, wie Menschen starben. Nebenan schliefen die Kinder friedlich. Wo sind Paris und Solidarité?

Diese sechs Stunden Nähe und die Tatsache, dass Paris mit mir nicht nur die Liebe zur Liebe sondern auch die Liebe zur Schönheit, zur Freiheit, zur Kunst, zum differenzierten Denken, zu gutem Witz, gutem Essen und Savoir Vivre teilt, machten mich betroffen. Zum ersten Mal seit drei Jahren änderte ich mein Facebookprofilbild. Blau, weiss, rot. Symbol für die französische Revolution. Symbol für ihre Werte.

Die Fahne in den drei Farben hängt an diesem Sonntag auf Halbmast. Der Platz vor der französischen Botschaft ist menschenleer. Wir schlängeln uns durch die Barrikaden, vorbei an den Polizeiautos. Dann endlich sehen wir die Blumen. Die Kerzen. Dann endlich fühlt es sich richtig an. Teil der Gemeinschaft zu sein, die mit den Familien und Freunden der Opfer trauert. Mit einer Stadt, einem Land, das durchgeschüttelt wird. Mit einer Welt, die so anders sein sollte.

Unsere Rose mit der Karte liegt neben vielen anderen. Liberté, Égalité, Fraternité. Sind keine leere Phrasen. Sondern blutig erkämpfte Menschenrechte. Dank denen ich heute so leben kann, wie ich lebe.

Ich bin dankbar. Für #portesouvertes, #notafraid und #notinmyname. Für Menschen, die nicht debattieren und diskutieren. Über wenn und aber. Über gut und besser. Sondern leben. Und dadurch bewirken, dass der Begriff ‚Menschlichkeit‘ weiterhin positiv geprägt ist – und die das mehr kostet und gekostet hat als ein Sonntagsausflug mit einer Tankstellen-Rose.

Hat nicht nur den Master in Psychologie. Sondern ist auch Master im Desaster, was ihr als Aufsichtsperson eines Vier-, einer Zweijährigen und eines Babys sehr gelegen kommt. War mal Journalistin in Zürich, jetzt ist sie freischaffende Mutter in Bern. Mehr zur Journalistin: autor.in

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