Sie ist weg!!!

Heute ist mir meine Tochter abhanden gekommen. In einem H&M, der sich wiederum in einem grossen Einkaufszentrum befindet. Allein der H&M ist gross. Das Einkaufszentrum noch grösser. Riesig halt – wenn so ein Kleinkind plötzlich nicht mehr da ist.

Wie um alles in der Welt kann man überhaupt sein Kind verlieren?

Es war einer jener Momente, wie sie zu tausenden vorkommen im Alltag. Eine durchschnittliche Stresssituation. Die Unmöglichkeit, mit zwei Händen alles zusammen zu halten.

Meist geht das trotzdem gut. Meist genügt der mütterliche Instinkt, um die Situation Sekunden später wieder in Griff zu kriegen.

Diesmal nicht.

Ort der Handlung: Kasse, H&M. Handelnde Personen: Ich, Kind 1 und Kind 2 (das sich in jenem unsäglichen Alter befindet, in dem Kleinkinder das Gefühl haben, sie können fliegen, ihre eigenen Beine beim Rennen überholen und dass Autos selbst dann rechtzeitig bremsen, wenn sie ihnen praktisch in die Kühlerhaube springen. Zweijährige, ich sag nur).

Die Zeitspanne zwischen Blickkontakt und Nicht-mehr-Vorhandensein betrug keine Minute. Wir sprechen von Sekunden. Ich stand an der Kasse, hinter mir drängelte eine Frau mit Wagen, die nur mit Mühe an meinem Buggy vorbei zur nächsten Kasse kam. Kind 1 (das insgesamt vernünftigere von beiden) sass ausnahmsweise im Buggy, ich liess die Hand von Kind 2 los, um zu bezahlen. Sah in den Augenwinkeln wie sich Kind 2 sich neben der Drängelfrau vorbei aus dem Kassenbereich schob. Dann, als ich die letzten Formalitäten erledigt hatte, wiederum nur Sekunden, war das Kind auch schon wie vom Erdboden verschluckt.

Wenn man einen Menschen sucht, der knapp einen Meter gross ist, realisiert man erst die Dimensionen eines Kleidergeschäfts. Unendlich viele Kleiderständer bilden ein Labyrinth von Gängen. Unter / Hinter / Neben / Vor jedem Kleiderständer könnte die Tochter sein.

Im ersten Moment gefasst begann ich mit dem Sohn die Gänge rauf und runter zu rennen. Mein Kopf rotierte in alle Richtungen, die Ohren registrierten jedes Geräusch. Der Sohn begann, nach ihr zu rufen. Doch dass das zwecklos sein würde, ergibt sich aus der Tatsache, dass die Tochter im Moment wie gesagt zwei Jahre alt ist, entsprechend herzlich wenig Anzeichen von Vernunft zeigt und Rufe nach ihr gänzlich bis ganz ignoriert.

Nach vier, fünf Suchläufen kam ich zum Schluss, dass ich alleine unmöglich Erfolg haben könnte. Zumal das Geschäft zwei Ausgänge hatte.

Noch war die Tochter nicht so verzweifelt, dass sie wie am Spiess brüllte. Was bedeutete: Entweder hatte sie Spass beim Kleider runterreissen – oder sie war weg.

Man glaubt gar nicht, wie viele Pädophile in einem solchen Moment plötzlich im H&M herumstreunern auf der Suche nach verlorengegangenen Kindern. Wie viele entführungswillige Erwachsene, die nur darauf warten, dass ihnen ein kleines Mädchen vertrauenswürdig die Hand gibt. Ich versuchte, all diese Gedanken zu unterdrücken. Und auch die Tränen. Die Panik.

Personal informieren. Leute befragen. Leute an neuralgischen Punkten ausserhalb des Geschäfts informieren. Schlimmstenfalls zum Kundendienst des Einkaufzentrums und die Tochter ausrufen lassen. «Sie trägt eine gestreifte Jacke, eine wirre Löwenmähne, unter ihrer Nase befindet sich eingetrockneter Rotz und wenn sie ‚Niggeli‘ sagt, ist sie die Gesuchte, dann geben Sie ihr bitte einen Nuggi bis die Mutter kommt.»

Gefunden wurde das Kind schliesslich von einer Verkäuferin im hinteren Teil des Ladens. Fröhlich mit Accessoires spielend.

Als ich sie in die Arme schloss, guckte sie ein bisschen ernst, ein wenig verwirrt, aber ganz und gar nicht unglücklich. Als ich sie im Buggy festbinden wollte («Du kleines Kind wirst mir ganz sicher nicht noch ein zweites Mal verloren gehen heute!!!»), brüllte sie los. Und ausnahmsweise war ich unsagbar froh, eine Tochter zu haben, die mitten im Kaufhaus einen Trotzanfall machte. Ja, ich war überglücklich sogar. Nahm das coolgebliebene Erstlingskind an die Hand. Bedankte mich hundertmal bei allen Beteiligten. Und verliess die Arena.

«Einmal und nie wieder», schwor ich mir. Wusste gleichzeitig, dass der Alltag ein riesiges Potenzial an unbeaufsichtigen Sekunden und potenziellen Gefahren beinhaltet. Aber für den heutigen Tag war’s erstmal genug.

Hat nicht nur den Master in Psychologie. Sondern ist auch Master im Desaster, was ihr als Aufsichtsperson eines Vier-, einer Zweijährigen und eines Babys sehr gelegen kommt. War mal Journalistin in Zürich, jetzt ist sie freischaffende Mutter in Bern. Mehr zur Journalistin: autor.in

3 thoughts on “Sie ist weg!!!

  1. Haha, ja das kenn ich nur zu gut. Meine Tochter ist auch 2 und spielt am Liebsten Verstecken im Migros.
    Normalerweise weiss ich auch, wo sie zu finden ist (bei der Fleischtheke, den Spielsachen oder oh Schreck, bei den Sonnenbrillen. Dieses eine Mal war sie aber nirgends. Ich also schreiend durchs Migros und erkläre allen hilfsbereiten Miteinkäufern, dass ich nach einem zweijährigen Mädchen mit Löwenmähne suche.
    Bald kommt eine Dame mit ihr daher und sagt: Sie war in der Garderobe und hat wohl grad ein grösseres Geschäft verrichtet. Dies konnte ich, nachdem ich die kleine Dame auf meinen Armen hatte definitiv nicht verneinen. Tja, Mini-me braucht halt auch ihre Privatsphäre für ihr grosses Geschäft!

  2. Was für ein Alptraum! söhnchen ist jetzt 15 Monate und ich habe mir so ein oft verlachtes Geschirr zugelegt.Lieber so, als dass er abhanden kommt.

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