Mama taucht unter

Ich ging schwimmen. Für einmal bin ich zuerst untergetaucht, bevor ich ein Problem lösen konnte.

Was sind Mütter doch ideenreich. Wie wenn das Leben für mich in meinem Alter nicht schon genügend Herausforderungen bereithält, hatte ich mich kürzlich erkältet. Ich kriegte es im Rücken. Die Schmerzmittel halfen nichts. Also ging ich schwimmen. Das machte es noch schlimmer. Den Kopf drehen ging nicht mehr.

Mir fiel ein, dass der Bademeister gesagt hatte, ich würde schwimmen wie eine Stockente, so mit dem Kopf über dem Wasser. Das sehe scheisse aus und sei gefährlich für den Nacken.

So habe ich zu meinem sündhaft teuren, schicken Badeanzug von Beldona, weil der die Hormon-Wechseljahre-Speckröllchen wegmodelliert, eine Badekappe und eine Schwimmbrille mit rotem Band von Lidl gekauft. Meine Erscheinung war daraufhin so, dass auf dem Weg ins Wasser einer den Daumen hob und rief: „Sieht toll aus!“ Leider hatte es keinen Einfluss auf das, was dann geschah.

Nach diesem Statement eines Mannes, dessen Mama ich hätte sein können, habe ich mich motiviert in die Fluten gestürzt. Ich versuchte eifrig, mit dem Kopf unter Wasser zu schwimmen, bin abgetaucht und fast abgesoffen.

Ich verliess das Schwimmbad total erschöpft und halb ertrunken. Zuhause musste ich mich hinlegen. Ganze zwei Stunden lang rülpste ich chlorreich. Von der zu eng angezogenen Schwimmbrille hatte ich blutunterlaufene Ringe um die Augen. Den Rest des Tages trug ich die Sonnenbrille.

Während die Frauen der Familie mich bedauerten, lachten mich die Männer aus. Vom Chlor geschwängert werde nicht jede und die blutigen Augenringe seien ein cooles Horror-Make-up.

Ausgelacht werden wollte ich nicht, sondern endlich richtig schwimmen. Also habe ich mich heimlich bei der Sportberatung vom Badebetrieb für eine Schwimmlektion von dreissig Minuten angemeldet. Die junge Lehrerin brauchte eine knappe halbe Stunde zu fünfzig Franken, um mir zu zeigen wie die Atemtechnik geht.

Ha! Ich würde nie mehr Wasser schlucken und wie ein dampfendes Walross das öffentliche Bad aufmischen.

Jetzt kann ich majestätisch und elegant die Wellen durchpflügen, ohne das Bad leer zu saufen und nachher das ganze Dorf zuzurülpsen.

Auch reife Mütter können also immer noch etwas lernen. Und allem Spott zum Trotz bin ich jetzt die Einzige in der Familie, die wirklich richtig schwimmen kann.

 

Redaktionsassistentin, Autorin, Mutter von drei erwachsenen Kindern und Stiefoma einer Schulkind-Prinzessin. Schamgefühle sind nach so einer Mutter-Karriere wie der ihren kein grosses Thema mehr. Sie hat nicht immer Recht. Aber sie liegt selten falsch.

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