Schuld ist der Zwerg

«Ein Zweeeeeeerg», heult das Kind, «Oh nein, es ist ein Zweeeeerg!!!» Wir sitzen im Auto. Hinten die Kinder, vorne ich, gerade im Begriff, das Auto aus einer engen Parklücke hinaus zu manövrieren.

Das Kind mit dem Zwerg sitzt direkt hinter mir und heult mir in diversen Tonlagen und absoluter Lautstärke sein Elend in die Ohren. «Oh Scheisse», denkt es in mir, «ein Zwerg. Warum muss es ausgerechnet ein Zwerg sein?»

Er kann nichts dafür. Der Zwerg. Er lächelt fröhlich mit seinem weissen Bart, trägt eine lustige rote Zipfelmütze und eine Giesskanne in der rechten Hand. Aber es hätte halt ein Schwert sein sollen. Eine Pistole oder ein Gewehr. Und statt der Zipfelmütze ein kampftauglicher Helm. Und statt grüner Latzhose eine Ritterrüstung. Aber er ist nunmal ein «blöder Gartenzwerg». Die Enttäuschung darüber masslos.

Verständlich. Immerhin hat das Kind es geschafft, die Playmobil-Überraschungstüte vom Einkaufsladen bis ins Auto ungeöffnet in der Hand zu behalten. Die Vorfreude war immens. Auf der Packung abgebildet lauter Ritter und Krieger und Kämpfer. Und trotz des nervtötenden Geheuls habe ich grosses Mitleid.

Doch Empathie, das wird schnell klar, trägt nicht zur Beruhigung der Situation bei. Im Gegenteil. Sie wirkt verstärkend auf das Enttäuschungsempfinden und damit auf die Lautstärke des Geheuls. Für ein Ablenkungsmanöver à la «Guck mal ein Bagger» ist es noch zu früh.

Ich fahre aus der Parklücke heraus. «Dummer Laden, dummes Playmobil», heult es derweil. «Ich wollte doch dem Papa einen Ritter zeigen. Und jetzt ist es ein Zwerg.»

Es gilt, die Nerven zu bewahren.

Das mit dem Zwerg muss die purlautere Absicht des Schicksals gewesen sein. Oder irgend ein mir unbekannter Erziehungsgott, der wiedermal ein Exempel statuieren wollte. Denn die Mutter (also ich) hatte es eigentlich aussergewöhnlich gut gemeint mit ihrem Kind. Nie im Leben hätte ich damit gerechnet, dass das arme Kind in seinem Säckli die Looserfigur der ganzen Serie drin hat.

Es ist nunmal so, dass das Leben und insbesondere Überraschungstüten von Playmobil eben auch enttäuschend sein können.

Insgeheim, aber das lasse ich mir natürlich nicht anmerken, bin ich auch gar nicht so unglücklich um den Zwerg. Und danke dem Erziehungsgott für diese Lektion. Denn das Kind hat die aussergewöhnliche Begabung, sich mit diversen Mitteln – unter anderem Geheul – alle Enttäuschungen vom Leib zu halten. Aber diese plastische Manifestation eines Playmobil-Zwergs kann unmöglich in einen Ritter, Indianer oder Ghostbuster transformiert werden.

Irgendwann beruhigte sich das Kind. Es kam sogar soweit, dass es sich ohne mein Zutun tatsächlich ein wenig mit dem Zwerg anfreundete – immerhin hat der eine Mini-Giesskanne mitgebracht, mit der man auch tatsächlich giessen kann.

Jetzt spielen wir statt Piraten halt Giesskannengiessen in der Badewanne. Und mir bleibt die beruhigende Einsicht, dass Zwerge manchmal die besseren Moralapostel sind, als Eltern es je sein könnten.

 

Hat nicht nur den Master in Psychologie. Sondern ist auch Master im Desaster, was ihr als Aufsichtsperson eines Vier-, einer Zweijährigen und eines Babys sehr gelegen kommt. War mal Journalistin in Zürich, jetzt ist sie freischaffende Mutter in Bern. Mehr zur Journalistin: autor.in

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