«Mama, wo ist mein Schnuller?»

Und sie werden sich wundern, die Archäologen, die in einigen hundert Jahren Ausgrabungen an unserer Wohnstätte machen werden.

Bestimmt wird ihnen der Erfolg vergönnt sein, der mir aus Zeitmangel verwehrt blieb. Ich hatte keine Zeit, den Garten von oben bis unten umzugraben. Erstens hätte ich dafür kein Gehalt gekriegt und zweitens hätte man mich für wahnsinnig erklärt.

Ich habe also ohne Ausgrabungen vorzunehmen, täglich gefühlt zehn Jahre meines Lebens mit Suchen verbracht.

Der verzweifelte Ruf: «Mama, wo ist mein Schnuller?» hallt noch heute in meinen Ohren. Wo ich doch davon ausging, dass MEINE Kinder dereinst ohne Schnuller auskommen würden. Aber – ich hatte nicht mit dem steten Saugreflex gerechnet. Den Daumen mochten sie nicht. Also besorgte ich  einen bisphenolfreien und kiefergerechten Beruhigungssauger mit einem gaumenkompatiblen Mundteil aus Silikon und anatomisch perfekt geformten Mundschild. Damit der Nachwuchs nicht später eine kieferorthopädische Behandlung wegen eines Lutschoffenen Bisses brauchte. Das bunte Ding sah schick aus. Es passte prima ins Gesicht des Neugeborenen. Und von da war es die nächsten Jahre nicht mehr weg zu kriegen, ausser bei höherer Gewalt, womöglich kurz vor dem Zubettgehen. Dann ging die panikartige Sucherei aus Angst vor einer schlaflosen Nacht los. Der Schnuller blieb verschollen. Jedes Zimmer wurde durchsucht, die Betten wurden umgekehrt. Schubladen und Schränke von innen nach aussen gedreht, der Garten inspiziert, der Wagen, die Garage, die Waschküche, der Gemüsekeller. Man guckte in Töpfen, Tassen, Gläsern, Schuhen und Nachtöpfen und dem Klo nach dem Ausreisser. Nichts. Ob es in der Notfall-Apotheke einen Ersatz gab? Ja. Aber das Modell passte dem Baby nicht. Es spuckte ihn ungerührt aus und brüllte gnadenlos weiter.

Eltern in Not werden kreativ. Darum erfanden sie die Schnuller-Kette, um das Kind am Schnuller anzubinden. So kann sich das Kind nicht mehr vom Schnuller entfernen und beide blieben auf immer zusammen. Eines meiner Kinder brauchte immer zwei Schnuller. Ging einer von den beiden verloren, dann war das wie ein Weltuntergang. Also band ich nach mehrmaligen schweren Verlusten den Nasen- und den Mundschnuller mit einer kurzen Schnur zusammen. Ich wollte ja nicht, dass sich das Kind im Schlaf strangulierte. Dafür erwachte es eines Nachts schreiend: „Mama, Mama, da ist eine Schlange in meinem Bett!“ Wir rasten hin und fanden die kurze Schnur-Schnuller-Konstruktion um das kleine Beinchen gewickelt…

Trotz allen Tricks verschwanden mindestens hundert Schnuller. Sie machten uns arm – und ratlos. Sie blieben unauffindbar. Das Missbehagen, das die erfolglose Sucherei mit sich brachte, wurde ich nie los.

Obwohl die Kinder das vehement abstreiten verdächtige ich sie, die Schnuller jeweils im Garten vergraben zu haben. Das ist die einzige Erklärung. Wo sonst sollten sie denn geblieben sein? Wenn man sie nämlich heimlich vergrub, dann hatte man  an langweiligen Tagen für eine Weile die Aufmerksamkeit der ganzen Familie.

Kinder, ihr seid clever. Aber – ich bin euch über. Denn weil das mit den Schnullern so kostspielig war, fällt euer Erbe dann halt einfach etwas mickriger aus…

Redaktionsassistentin, Autorin, Mutter von drei erwachsenen Kindern und Stiefoma einer Schulkind-Prinzessin. Schamgefühle sind nach so einer Mutter-Karriere wie der ihren kein grosses Thema mehr. Sie hat nicht immer Recht. Aber sie liegt selten falsch.

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