Flüchtlinge in der Familie, Serie,

Schatzeli

«Schatzeli»? Hm. Sie wussten halt einfach nicht, wie ich heisse. So die ersten zwei Wochen.

Ich hätte es mir denken können.

Denn. Meine Kinder sprechen mich vorzugsweise nur mit «Mama» an. Mein Mann nennt mich konsequent «Schätzchen».

Und als ich mich meinen Pflegekindern zu Anfang mit Namen vorstellte, waren ihre Deutschkenntnisse erst so weit entwickelt, dass das Wort «Mirjam» vermutlich nur ein weiteres Rauschen in ihrem Ohr war.
Aber davon merkten wir nicht viel. Denn ihre Absichten mit uns zu sprechen, geschweige denn uns beim Namen zu nennen, waren anfangs eher gering.

Und so kam es, dass ich nach nur knapp zwei Wochen plötzlich mit einem gebrochen artikulierten «Schatzeli» angesprochen wurde.

Der Versuch sie zu korrigieren scheiterte an meinem amüsierten Lachen. Denn ab diesem Moment wussten sie zwar wie ich wirklich heisse, aber sie wussten seit dem Moment auch, dass «Schatzeli» ein Liebkosewort ist. Und das hat ihren Entschluss mich so zu nennen nur endgültig zementiert.

Ich nahm es locker. Ich meine, mal ehrlich, nicht mal meine Kinder wissen, wie ich wirklich heisse. Schlimmer noch: Verrate ich es ihnen, glauben sie es mir nicht. Und mein Mann hat es nach vielen Jahren Nicht-Gebrauch vermutlich auch vergessen.

So bin ich nun also das «Schatzeli» für unsere afghanischen Jungs.

Der «Mama»-Titel – da waren wir uns wohl zum Glück alle einig – damit sollten einen nur die eigenen Kinder beehren.

Und solange sie niemanden mehr haben, den sie «Mama» nennen können, bin ich halt irgendetwas undefiniert anderes. Keine Kollegin. Keine Vorgesetzte. Keine Fremde.

Sondern ein Schatzeli halt.

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Autor

Mirjam ist Mutter von zwei wunderbaren und unvollkommenen Kindern, studierte Psychologin und arbeitet im Herzen des Emmentals als Hausfrau und freischaffende Journalistin.

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