Flüchtlinge in der Familie, Serie,

Schattenkind

Mein erstes Baby, das Kind, das mich zur Mutter taufte, wird morgen 4.
– Hier ein nostalgisches Seufzen einfügen –

Und obwohl eine Mutter vermutlich an jedem Geburtstag ihrer Kinder in einem Meer aus Stolz badet, liegt für mich in diesem Jahr ein kleiner Schatten über diesem Badespass.
Die Tatsache nämlich, dass ich das Gefühl nicht los werde, dass mein  «Geburtstagkind» dieses Jahr irgendwie auch ein «Schattenkind» ist.

Denn wer es verpasst hat: mein Sohn hat sich mit drei grossen «Brüdern auf Zeit» zu arrangieren. Seit gut drei Monaten sind drei afghanische Flüchtlingskinder Teil unserer Familie. Drei ältere Jungs, die mit meinem Sohn um Aufmerksamkeit konkurrenzieren.
Und das – dank ihrer formlosen Dazwischenrufe und ihrem beharrlichen Drang ständig zu verhandeln – ziemlich erfolgreich.

Und so sensibel und genügsam mein Sohn auch sein mag. In einer Sache zeigt er sich selten bescheiden: dazugehören zu wollen.

Und eine Mutter, die seine – in anständiger Lautstärke vorgebrachten – Bitten ihm ein Käsebrot zu streichen ignoriert, weil sie das Geschrei nach Ketchup vollends vereinnahmt, ist nicht gerade hilfreich.

Genauso wenig drei grosse Jungs, die mit einem kleinen dreijährigen (bald vierjährigen) und seinem Like-a-Bike keine Velotour machen möchten. Geschweige denn scharf darauf sind mit ihm Fussball zu spielen.

Und weil sich die Mutter und die drei Eindringlinge daneben benehmen und sein Bedürfnis nach Zugehörigkeit auf normalem Wege nicht befriedigt werden kann, greift er halt auf die alt bewährte Hauen-Beissen-Schreien-Methode zurück.

Wer kann’s ihm verübeln?

So hat ein Schattenkind immerhin Aufmerksamkeit in Form von Zurechtweisung.

Und während die kleine Schwester klatschend, tanzend und mit den Augen zwinkernd mit ihrer Rolle in dieser Familie überaus zufrieden ist, gerät mein Sohn immer mehr ins Abseits.

Die Frage, ob er an der Herausforderung wächst, ob er lernt sich durchzusetzen und sich vielleicht auch mal abzugrenzen oder die Frage, ob ich seine Verletzung auf diese Weise zurückgestellt zu werden, nicht verantworten kann, habe ich noch nicht vollständig geklärt.

Denn die Frage was die beste Lösung für ihn ist, hängt immer auch mit der Frage zusammen: Was ist die beste Lösung für alle?

Und darauf Antworten zu finden, ist bei sieben Menschen nicht immer so einfach.

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Autor

Mirjam ist Mutter von zwei wunderbaren und unvollkommenen Kindern, studierte Psychologin und arbeitet im Herzen des Emmentals als Hausfrau und freischaffende Journalistin.

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